Interview mit vividam – Robo Advisory Markt 2020 Im Gespräch mit Frank Huttel, Leiter Portfolio Management und Mitinitiator von vividam

Der digitale Vermögensverwalter vividam setzt seinen Schwerpunkt insbesondere auf eine nachhaltige Geldanlage. Diese zu gewährleisten, sei nur durch aktives Management möglich, sodass vividam im Gegensatz zum Großteil der Wettbewerber gänzlich auf passive Anlageformen wie ETFs verzichtet. Frank Huttel erläutert uns das Geschäftsmodell von vividam im Detail und teilt zudem seinen Blick auf den Post-Corona-Markt.
  


Das Interview mit vividam  im Überblick:


 

Hallo Herr Huttel, was genau macht vividam in maximal zwei Sätzen?

Frank Huttel, Leiter Portfolio Management und Mitinitiator von vividam_Interview mit Robo Advisor vividam / Robo Advisory Markt 2020vividam ermöglicht Kundinnen und Kunden, einfach und vollkommen digital ihr Geld nachhaltig anzulegen bzw. zu sparen. Neben der Rendite ist die positive Wirkung (Impact) auf Umwelt und Gesellschaft ebenso wichtig.

Welche Anlagephilosophie hat vividam?

vividam ist ein ausschließlich nachhaltiger und hybrider Robo Advisor mit dem Ziel, einen positiven Impact zu erzielen. Dabei setzen wir bewusst auf aktive Investmentfonds, die u. a. auf die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele, die SDGs (Sustainable Development Goals), „einzahlen“ und helfen, die Ziele bis 2030 zu erreichen. So verfolgen wir z. B. Themen wie „Wasser“, das Ziel 6, erneuerbare Energien – Ziel 7 – oder Gesundheit, das Ziel 3. Dafür selektieren wir u. a. reine Themen-, Impact- oder SDG-Fonds. Wir verzichten auf ETFs, auch wenn wir dadurch höhere Kosten haben. Wir sind aber der festen Überzeugung, dass wir nur mit aktiven Fonds einen Mehrwert erzielen können. Außerdem kann das Fondsmanagement seine Stimmrechte nutzen und im kritischen Dialog mit den Unternehmen Verbesserungen erzielen (Engagement). Ein wichtiges und inzwischen stark diskutiertes Thema!

Da wir uns als Langfristanleger verstehen, verbleiben die investierten Fonds – wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt – lange im Depot, also Buy & Hold. Es gibt somit kein aktives Risikomanagement und keine Algorithmen auf Portfolioebene. Nachhaltigkeit an sich beinhaltet aber schon das Vermeiden von Risiken, wie man nicht nur in der Corona-Krise eindrucksvoll sehen konnte. Somit findet das „Risikomanagement“ in den Zielfonds statt.

An welche Zielgruppen richtet sich vividam mit seinem Produktangebot?

Grundsätzlich richtet sich vividam an jeden erwachsenen Privatanleger, der bereit ist, ab 3.500 Euro nachhaltig zu investieren, und mit seinem Geld etwas bewirken möchte. Wir erkennen dabei, dass der Anteil von Frauen recht hoch ist und der Altersdurchschnitt um 35 Jahre liegt. Wir können die Strategie aber auch für Unternehmen und Institutionen anbieten.

 

Im Zuge der Corona-Krise haben unsere Autoren noch mit einer Reihe weiterer Robo Advisors über die Beeinflussung der Branche durch die Krise gesprochen:

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Was kostet den Privatkunden mit einem Anlagevolumen von 10.000 EUR der Service von vividam und wie konkurrenzfähig sind Sie damit ggü. anderen Robo Advisors sowie der klassischen Beratung in der Filiale und vermögensverwaltenden Fonds?

Grundsätzlich zahlt der Kunde eine „All-in-Gebühr“ von 1,29 % p. a., also 129 Euro im Jahr. Damit liegen wir am oberen Ende der Skala der Robos im Markt. Allerdings sind wir wie kurz angerissen ein Hybrid. Es gibt also immer eine beratende Person im „Hintergrund“, die mit Rat und Tat zur Seite steht und dafür von den 129 EUR fast die Hälfte erhält – genau genommen 59,50 EUR. Wir sind damit zwar günstiger als die Filiale oder viele vermögensverwaltende Fonds, aber teurer als klassische ETF-Robos. Auch wenn uns das derzeit „vorgeworfen“ wird, sind wir der festen Überzeugung, dass sich unser Ansatz im Bereich Nachhaltigkeit durchsetzen wird. Qualität hat seinen Preis.

Und noch eine Anmerkung zur befristeten Mehrwertsteuersenkung. Diese geben wir nicht an den Kunden weiter, sondern spenden den Betrag Anfang 2021 an die Kinderkrebsstation Peiper in Gießen.

Wie sehen Ihre Anlagestrategie und das Risikomanagement aus?

Wir haben inzwischen vier Strategien, die sich hauptsächlich in der Aktienquote unterscheiden. Wir starten mit einer Aktienquote von 30 % und hören bei 100 % auf. Diese Strategie nennen wir auch den Klippenspringer – sie ist seit Juli 2019 am Start. Neben Aktienfonds setzen wir in den drei ersten Strategien auch Renten- und Mischfonds ein. So gehört z. B. auch ein Green-Bond-Fonds zum Anlageuniversum. Cash spielt für uns keine Rolle.

Risikomanagement im Sinne von „Markttiming“ betreiben wir – wie schon oben beschrieben – nicht. Wir durchleben die Zyklen der Märkte wie die vier Jahreszeiten. Es scheint nicht nur die Sonne, ab und zu haben wir einen kräftigen Sturm wie in der Corona-Krise. Das muss der Kunde wissen und auch durchleben. Daher sind wir auch Anhänger von Sparplänen, die bei uns bis zu 10.000 EUR Anlagevolumen obligatorisch sind. Was wir auch mindestens einmal jährlich machen, ist ein Rebalancing, um das Risikoprofil wieder herzustellen. In der Regel erfolgt das zum Jahreswechsel, aber wir haben die Freiheit, ein außerplanmäßiges Rebalancing wie z. B. im Mai durchzuführen.

Nachhaltigkeit ist aber auch eine Art von Risikomanagement. Keine Wertpapiere zu haben, die im Zweifel wertlos werden können, ist unser Ansatz. Daher verzichten wir auf Aktien aus dem Bereich der fossilen Energieträger. Hier sehen nicht nur wir eine „Carbon Bubble“. Milliardenschwere Abschreibungen bei den großen Erdölunternehmen in den letzten Tagen sind Beleg dafür. Darüber hinaus diversifizieren wir über rund 20 Fonds und unterschiedliche Themen und minimieren Klumpenrisiken. Kennzahlen messen wir zwar, steuern aber das Portfolio nicht danach. Diese Strategie setzen wir schon seit 2013 um, als wir das erste nachhaltige Kundenmandat aufgelegt haben. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass vividam kein Unternehmen oder FinTech im klassischen Sinne ist, sondern ein Produkt der FiNet Asset Management AG in Marburg. Wir sind seit 2008 u. a. als Vermögensverwalter mit BaFin-Lizenz am Markt.

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Anbietern für Robo Advisory, B2B sowie B2C. Wie differenziert sich vividam, d.h. was genau ist Ihr USP?

Wir sind der einzige rein nachhaltige Robo Advisor, der ausschließlich auf aktive Fonds setzt und „Wirkung“ als Mission hat. Einige andere Anbieter haben zwar auch nachhaltige Strategien, aber lediglich als Ergänzung zum konventionellen Angebot, und setzen oft auf ETFs. Betrachtet man uns, dann sind wir in vielen Punkten sehr anders. Noch sind wir in einer Nische, aber im echten Leben ist „Nachhaltigkeit“ bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Da müssen wir alle hin, denn Geld kann und muss Dinge ändern!

 

 

Welche (Marketing-) Strategie nutzen Sie, um neue Kunden zu gewinnen?

Wir arbeiten zweigleisig. Da wir ein hybrider Robo Advisor sind, führen uns Berater/-innen, die sich dem vividam-Netzwerk angeschlossen haben, Kundinnen und Kunden zu und erhalten dafür einen Teil der Vergütung. Andererseits sprechen wir Kundschaft direkt über sämtliche Social-Media-Kanäle an. Allerdings werden diese Kundinnen und Kunden anschließend einer Beraterin bzw. einem Berater zugewiesen. Somit haben alle Kunden eine persönliche Ansprechperson. Des Weiteren sprechen wir mit Unternehmen aus der Nachhaltigkeitsbranche, um vividam den Mitarbeitenden anzubieten – dort sehen wir großes Potenzial. Darüber hinaus sind wir in den bekannten Vergleichsportalen im Internet vertreten.

In welchem Geschäftsfeld sehen Sie das größte Wachstumspotenzial? Auf welche Bereiche möchten Sie sich entsprechend in Zukunft fokussieren bzw. um welche Bereiche möchten Sie Ihr Geschäft ggf. erweitern?

Nachhaltigkeit wird immer wichtiger – auch und besonders in der Altersvorsorge. Vor allem junge Menschen der Generation Y und Z müssen vorsorgen, und die Nachfrage nach einfachen, digitalen und nachhaltigen Produkten steigt. Davon wollen wir profitieren. Aber auch nachhaltige Unternehmen sind eine sehr spannende Zielgruppe. Hier entwickelt sich gerade einiges. Was sich als schwierig darstellt, ist die digitale Legitimierung von Kindern. Hier suchen wir auch nach einer Lösung.

Wir legen unseren Fokus aber nicht auf die Überoptimierung des digitalen Auftritts, sondern auf den Kern und die Kommunikation der Wirkung. Die Portfolios müssen unser Ziel, eine positive Wirkung und Rendite zu erzielen, erreichen. Daher legen wir lieber einen Fokus auf die Messung der Wirkung bezogen auf die SDGs. Das werden wir mit einem externen Dienstleister und einer Hochschule in Deutschland vorantreiben. Man sieht, wir sind in vielen Dingen anders – der „Anti-Robo-Advisor“ eben.

 

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Nun zu den Herausforderungen in der Corona-Krise…

Wie hat sich die Corona-Krise bisher auf Ihr Geschäft ausgewirkt? Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Sie?

Die Corona-Krise hat unser Geschäftsfeld „vividam“ nur minimal betroffen. Im Gegenteil – Kunden haben weiter Depots eröffnet und nachgezahlt. Auch der obligatorische Sparplan und die transparente und ehrliche Kommunikation haben in dieser Phase sehr geholfen. Last, but not least hat die Krise die Vorteile der Nachhaltigkeit, also Risiken begrenzen, noch einmal deutlich gemacht. Das kann in diversen Studien nachgelesen werden. Die größte Herausforderung ist, die Kunden davon zu überzeugen, dass viele „teure“ aktive und nachhaltige Fonds ihr Geld mehr als wert sind. Das müssen wir noch besser kommunizieren.

 

 

Welche mittel- bis langfristigen Risiken erwarten Sie durch die Corona-Pandemie für sich und den Robo-Advisory-Markt allgemein?

Ich sehe für uns durch Corona mehr Chancen als Risiken. Nachhaltigkeit in all ihren Facetten ist nun omnipräsent. Wir stehen eventuell durch Corona vor einer Gezeitenwende. Ich verweise hier auf einen Artikel des Zukunftsforschers Matthias Horx, der vor ein paar Tagen in der FAZ erschienen ist. Neue Wirtschaftsmodelle werden diskutiert. Vom „Green Tech“-Trend werden viele Unternehmen profitieren, andere werden verschwinden – Schumpeters schöpferische Zerstörung lässt grüßen. Wer dies allerdings nicht erkennt, wird es schwer haben, am Markt zu bestehen. Das gilt für klassische Unternehmen wie auch Robo Advisors. Was jedoch nicht passieren darf, ist, dass wir doch in eine große wirtschaftliche Depression abgleiten. Dann hat nicht nur unsere Branche ein Problem.

Welche Chancen könnten durch die Krise entstehen?

Neben den in der vorherigen Antwort erwähnten Chancen hat Corona gezeigt, wie wichtig Digitalisierung ist. Unsere Branche ist zum Glück deutlich weiter als viele andere und kann ihren Vorsprung ausbauen. Eine Vermögensverwaltung in etwa 30 Minuten inkl. einer Onlinelegitimierung abzuschließen, ist in einer Bankfiliale schwierig und war während Corona gar nicht möglich. Unsere Kunden können dies von zu Hause stressfrei erledigen – 24/7. Und wir sind in Deutschland in der komfortablen Lage, dass mehr als 2.500 Mrd. EUR als Bargeld oder Sichteinlagen bei Banken schlummern und immer öfter mit Negativzinsen belastet werden. Der Realzins ist schon lange negativ. Eine riesige Chance für die gesamte Branche.

Eine letzte Frage haben wir noch für Sie…

Was wollten Sie in einem Interview schon immer einmal sagen, wurden es aber nie gefragt?

Ich habe eher eine Bitte. Kundinnen und Kunden sollten sich im Klaren darüber sein, was ihr Geld bewirkt. Geld hat immer eine Wirkung, ob auf dem Bankkonto, in einer Versicherung oder einem Depot. Und alle, die ihr Leben bereits nachhaltig gestalten oder es ändern möchten, sollten dies auch bei der Altersvorsorge und Geldanlage tun. Viele kleine Beträge ergeben eine große Summe. Wir alle haben damit viel Macht, die wir nun nutzen können, um Dinge zum Positiven zu ändern. Jetzt kommt jedoch ein Satz, mit dem ich bei vielen anecke und mir keine Freunde mache: Bitte erliegt nicht den Marketingversprechungen von nachhaltigen ETFs (und einiger auch aktiver Fonds). Viele dieser ETFs sind nicht das Wort Nachhaltigkeit wert. Billig ist nicht immer gut. Mehr möchte ich jetzt hier nicht schreiben. Wer tiefer einsteigen möchte, kann sich an qualifizierte Beraterinnen und Berater wenden.

Herzlichen Dank für das Interview

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