Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch (IRRBB)

Die Höhe des Zinsänderungsrisikos wird wesentlich durch das Ausmaß der eingegangenen Fristentransformation zwischen den Zinsbindungsfristen der Aktiv- und Passivseite beeinflusst. Natürliche Fristentransformation resultiert dabei insbesondere im Retailgeschäft mit lang laufenden Kundenkrediten auf der Aktivseite und täglich fälligen, variabel verzinslichen Einlagen auf der Passivseite. Mittels derivativer Instrumente kann eine Fristentransformationsposition zielgerichtet gesteuert, d. h. ab- oder aufgebaut werden.

Zinsänderungsrisiko im Anlagenbuch messen

Das Zinsänderungsrisiko im Bankbuch lässt sich barwertig und periodisch messen und steuern. In der barwertigen Perspektive wird das Risiko als ökonomische Wertveränderung des Gesamtbankbuch-Cashflows bei einer Veränderung der Zinsstrukturkurve quantifiziert.

Der Fokus liegt somit auf dem Einfluss der Veränderung des Zinsniveaus auf den Barwert der aktivischen und passivischen Geschäfte eines Instituts. So mindert z. B eine Erhöhung der Zinsen aus heutiger Sicht den Wert des Cashflows eines Aktivgeschäfts (oder des Gesamtbankbuch-Cashflows mit Aktivüberhang in langen Laufzeiten). In der periodischen Perspektive hingegen wird die unmittelbare Auswirkung auf die GuV eines Kreditinstituts quantifiziert, die sich insbesondere im Zinsüberschuss und ggf. im Bewertungsergebnis niederschlägt.

Institute sollten in der Lage sein, die Auswirkungen von Zinsänderungen sowohl aus barwertiger als auch das periodischer Perspektive zu quantifizieren, um strategiekonforme Steuerungsimpulse ableiten zu können und die Risikotragfähigkeit sicherzustellen.

Regulatorische Anforderungen für die Messung und Steuerung von Zinsänderungsrisiken (IRRBB)

Aufgrund der grundsätzlich hohen Relevanz des Zinsänderungsrisikos im Anlagebuch – insbesondere im Kontext einer lang andauernden Niedrigzinsphase – gibt es seitens der internationalen und nationalen Aufsichtsbehörden eine Vielzahl von regulatorischen Anforderungen für die Messung und Steuerung von Zinsänderungsrisiken.

So wurden von der European Banking Authority (EBA) in 2018 Leitlinien (EBA/GL/2018/02) zur Steuerung und Messung von Zinsänderungsrisiken veröffentlicht. Die EBA/GL/2018/02 bilden dabei den zentralen Baustein zur Umsetzung der durch das Basler Komitee für Bankenaufsicht (BCBS) in 2016 veröffentlichten IRRBB-Standards (BCBS #368)[1].

Weitere Elemente zur Umsetzung von BCBS #368 umfassen die CRD V (u. a. barwertiger Standardansatz) sowie die CRR II (quantitative und qualitative Offenlegung) der europäischen Kommission. Darüber hinaus gibt es auch seitens der deutschen Aufsichtsbehörden Regularien mit direktem Bezug zum Zinsänderungsrisiko, welche sich an den europäischen und internationalen Standards orientieren und so einen Gleichklang der aufsichtsrechtlichen Anforderungen sicherstellen.

Für Deutschland sind dies z. B. die MaRisk und das BaFin-Rundschreiben 06/2019 (BA) zum Zinsänderungsrisiko, welches sich mit dem barwertigen Zinsschock befasst. Die weniger bedeutenden Institute (sog. „Less Significant Institutions“ oder kurz: LSIs), die in Deutschland von der BaFin beaufsichtigt werden, müssen im Rahmen des aufsichtsrechtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozesses (LSI-SREP) zudem Teile des eingegangenen Risikos direkt mit Eigenkapital unterlegen.[2]

Auch für die kommenden Jahre ist mit weiteren regulatorischen Neuerungen zu rechnen. Hierzu gehören u. a. die Abgrenzung und Messung von Credit-Spread-Risiken sowie die Umsetzung eines periodischen Ausreißertests als Ergänzung des bereits etablierten barwertigen Zinsschocks.

Quellen: BaFin, Bundesbank, BCBS, EBA, zeb.research.

[1] Vgl. hierzu BankingHub: Gramatke/Kollmeyer/Benz (2016): „Finale BCBS-Standards zum Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch“.
[2] Vgl. hierzu BankingHub: Gramatke/Franke/Kollmeyer (2016): „Neue Kapitalanforderungen für das Zinsänderungsrisiko im Bankbuch im Rahmen des SREP“ sowie BankingHub: Schiele/Franke/Abraham (2020): „LSI-SREP 2.0: Hintergründe, Herausforderungen und Implikationen“.

Sprechen Sie uns gerne an!

Autor Alexander Rubach / BankingHub

Alexander Rubach

Manager Office Münster

Artikel zum Thema

Zins- und Liquiditätsrisiken im Bankbuch im Fokus der Aufsicht und der Märkte

Zins- und Liquiditätsrisiken im Bankbuch im Fokus der Aufsicht und der Märkte

Was im Jahr 2022 noch als völlig unrealistisches Szenario eingestuft worden war, haben wir jüngst erlebt. Einen Zinsanstieg, der in Höhe, Geschwindigkeit und Form bislang
Isometrische Darstellung: Risikoprozesse "Fünf Jahre IRRBB – Standortbestimmung für das Zinsrisikomanagement"

Fünf Jahre IRRBB – Eine Standortbestimmung für das Zinsrisikomanagement

Zinsstudie 2020: Aktueller Umsetzungsstand der IRRBB-Anforderungen und Herausforderungen.
Analyse von Kursen als Metapher für "IRRBB – Regulatorische Neuerungen durch CRD V, CRR II und die EBA"

IRRBB – Regulatorische Neuerungen durch CRD V, CRR II und die EBA

Neu-Anforderungen für IRRBB im Rahmen der neuen CRR II und CRD V – Einordnung, Überblick und weiterer Fahrplan.
Abstrakte Darstellung von Personen vor Netzwerk an ihren Notebooks als Metapher für das Update des BaFin-Rundschreibens zum Zinsänderungsrisiko

Update des BaFin-Rundschreibens zum Zinsänderungsrisiko

Die BaFin hat im Januar einen ersten Entwurf der Neufassung des 2018 überarbeiteten BaFin-Rundschreibens zum Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch vorgestellt.
EBA-Konsultationspapier

EBA-Konsultationspapier EBA/CP/2017/19 zur Überarbeitung bestehender IRRBB-Leitlinien

Geringfügige Anpassungen oder weitreichende Änderungen?
Blick auf Daten und Analysen als Metapher für den Artikel "Neufassung des BaFin-Rundschreibens zum Standardzinsschock"

Neufassung des BaFin-Rundschreibens zum Standardzinsschock

Neue Anforderungen und Annahmen für die Berechnung des Standardzinsschocks zur Messung des Zinsänderungsrisikos im Anlagebuch.
Glaskugel liegt auf einen Felsen vor dem Meer als Metapher für aufsichtsrechtliche Entwicklungen für das Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch (IRRBB)

Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch (IRRBB): CRD-V-Novelle

Zusammenfassung aktueller aufsichtsrechtlicher Entwicklungen und Hintergründe der CRD-V-Novelle Nachdem internationale Aufsichtsbehörden bereits in 2015 durch die Leitlinien zur Steuerung des
Blick über das Smartphone auf Kurse als Metapher für den Artikel "Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch (IRRBB)"

Allgemeinverfügung für das Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch

Zusätzliche Eigenkapitalanforderungen für Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch für alle als weniger bedeutend klassifizierten Kreditinstitute (LSI).
BCBS-Standards

Finale BCBS-Standards zum Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch

Überarbeitete Grundsätze verschärfen Säule-2- und Offenlegungsanforderungen für IRRBB
Zinsänderungsrisiko

Neue Kapitalanforderungen für das Zinsänderungsrisiko im Bankbuch im Rahmen des SREP

Aktuelles Vorgehen der Aufsichtsbehörden zur Berechnung des SREP-Kapitalzuschlags für Zinsänderungsrisiken im Bankbuch und quantitative Analyse

Neue Anforderungen zur Berechnung des Standardzinsschocks nach EBA-Leitlinien

Einer der zentralen regulatorischen Bausteine des Managements von Zinsänderungsrisiken ist die Ermittlung der Auswirkung des Standardzinsschock.
implizite Optionen

Dynamisierung der Cashflows im Bankbuch durch implizite Optionen

Relevanz des Zinsänderungsrisikos Neben detaillierten Anforderungen an die Definition von Zinsänderungsszenarien, an die Bestimmung des Risikoexposures und die periodischen sowie
EBA-Leitlinien

Neue EBA-Leitlinien für die Steuerung des Zinsänderungsrisikos im Bankbuch

Die im Mai 2015 veröffentlichten EBA-Leitlinien für die Steuerung des Zinsänderungsrisikos bei Geschäften des Anlagebuchs treten ab dem 01.01.2016 in Kraft.
Konsultationspapier zur Eigenkapitalunterlegung von Zinsänderungsrisiken im Bankbuch (IRRBB)

Konsul­tations­papier zur Eigen­kapital­unter­legung von Zins­änderungs­risiken im Bank­buch (IRRBB)

Ein neuer 6-stufiger Prozess soll die bisher stark variierenden Messungs- und Berechnungsmethoden für Zinsänderungsrisiken vereinheitlichen.
Eigenmittelunterlegung

Pflicht zur Eigenmittelunterlegung von Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch

Unmittelbare Unterlegungen mit regulatorischen Eigenmitteln werden bislang nicht gefordert, aber eine zukünftige Eigenmittelunterlegung wird derzeit geprüft.
Negativzinsen

Negativzinsen in der Schweiz – Auswirkung auf die ALM-Steuerung

Der Artikel diskutiert den Einfluss negativer Zinsen auf eine Bank am Beispiel kurzfristiger Einlagen. Wird der Kundenzins systematisch nicht angepasst, entsteht der Bank unabhängig

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

BankingHub-Newsletter

Analysen, Artikel sowie Interviews rund um Trends und Innovationen
im Banking alle 2 Wochen direkt in Ihr Postfach

Send this to a friend