Papierlos, sicher und transparent: die Digitalisierung des internationalen Handels

Mit der Umsetzung des „Model Law on Electronic Transferable Records“ wird eine zunehmende Digitalisierung des internationalen Handels und damit der Handelsfinanzierung erwartet. Wie dieser Prozess beschleunigt werden kann und wie sich dabei Banken positionieren können, diskutieren wir mit Elena Sankova vom Softwareanbieter Finastra.

Ursachen des Digitalisierungsstau im internationalen Handel

Elena Sankova vom Softwareanbieter Finastra
Elena Sankova vom Softwareanbieter Finastra

Hallo Frau Sankova, während in den meisten Sektoren die Digitalisierung schnell voranschreitet, arbeitet der internationale Handel noch weitgehend mit analogen Prozessen. Können Sie erklären, warum im internationalen Handel immer noch überwiegend auf Papierdokumentation zurückgegriffen wird?

Die Finanzindustrie befindet sich in einer exponentiellen Phase der digitalen Transformation. In vielen Bereichen sehen wir einen starken Rückgang papierbasierter Prozesse, etwa im Zahlungsverkehr oder im Liquiditätsmanagement. In der Handelsfinanzierung hingegen schreitet die Digitalisierung aufgrund veralteter Systeme und interner Prozesse nur langsam voran.

Dies liegt vor allem darin begründet, dass der Handel ein komplexes Geschäft ist und oft über Landesgrenzen hinweg abgewickelt wird. Dabei erfordert der Transport von Waren eine umfangreiche Dokumentation, z. B. in Form von Frachtbriefen oder Packlisten.

Damit elektronische Dokumente (eDocs) effektiv und effizient eingesetzt werden können, müssen alle Beteiligten in der Lage sein, diese zu verarbeiten und zu erstellen. Das oftmalige Fehlen dieser Kompetenzen stellt eine wesentliche Hürde für die Adoption von eDocs dar. Zudem mangelte es bisher an Rechtssicherheit in Bezug auf die Akzeptanz von und den Umgang mit eDocs.

Model Law on Electronic Transferable Records: Chancen und Herausforderungen

Das „Model Law on Electronic Transferable Records“ (MLETR) wurde 2017 unter anderem eingeführt, um die Dokumentation im internationalen Handel zu digitalisieren. Wie könnte MLETR den Status quo verändern?

Papierdokumente und Originalunterschriften sind kostspielig und weder nachhaltig noch sicher. Sie können leicht vervielfältigt werden und sind Hauptursache für Reibungsverluste beim Handel. Durch MLETR wird nun die Grundlage für die Rechtsgültigkeit elektronischer Dokumente geschaffen und damit der Weg für eine zunehmende Digitalisierung des Handels geebnet.

Die Einführung von MLETR in Großbritannien, und weiteren Märkten ab 2023, wird erhebliche Auswirkungen auf den internationalen Handel haben. So wird es für Unternehmen einfacher und günstiger, international zu kaufen und zu verkaufen. Zudem wird erwartet, dass Finanzierungslücken im Handel für KMUs verringert werden. Darüber hinaus können Banken durch den verbesserten Zugang zu digitalen Daten im Zusammenspiel mit Technologien wie KI Prozesse wie z. B. Kreditentscheidungen automatisieren.

Durch den Abbau von Zugangshürden, Kosten und Reibungsverlusten im Handel bei gleichzeitiger Verbesserung der Zugänglichkeit und der Verfügbarkeit von Liquidität können Unternehmen schneller wachsen, ihr Handelsvolumen erhöhen und so zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum beitragen.

Trotz der Vorteile haben bisher nur wenige Länder MLETR umgesetzt und Lösungen zur Digitalisierung von Handelsdokumenten eingeführt. Welche Herausforderungen bestehen derzeit (z. B. für politische Entscheidungstragende) und wie kann die Akzeptanz gesteigert werden?

Die Digitalisierung des Handels ist keine leichte Aufgabe. Handelsfähige Finanzdokumente müssen spezielle Anforderungen erfüllen. Zudem sind Prozesse oft fragmentiert, komplex und unterliegen weltweit unterschiedlichen Rechtsvorschriften. Die Verabschiedung neuer Handelsregeln ist daher ein komplexer Prozess, der die Mitwirkung vieler Akteure und Interessengruppen erfordert. Zum Beispiel müssen Jurist:innen, Industrievertretende, Zollbeamt:innen, Speditionen und Hafenverwaltungen einbezogen werden.

Um eine breite Akzeptanz für MLETR zu schaffen, ist insbesondere eine enge Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor notwendig. So arbeiten derzeit viele Expert:innen aus öffentlichen Bereichen an MLETR, während der Großteil des Finanzsektors sowie KMUs noch nicht auf die Veränderungen vorbereitet sind. Daher ist es notwendig, vor allem im privaten Sektor ein Bewusstsein für die neue Initiative zu schaffen, Beteiligte angemessen zu informieren und ihnen die Vorteile zu erläutern.

Darüber hinaus bringt Großbritannien derzeit sein eDocs-Gesetz in das Parlament ein, das den Anstoß für einen weltweiten Wandel geben könnte. Da ein großer Teil der weltweiten Handelstransaktionen auf britischem Recht basiert, ist zu erwarten, dass nach der Verabschiedung des Gesetzes viele andere Regionen nachziehen und ihre eigenen Gesetze ähnlich denen Großbritanniens einführen werden. Das Endziel ist eine universelle Handhabung von eDocs in allen Ländern, was die Übernahme beschleunigen und eine modernisierte sowie nahtlose globale Handelswirtschaft fördern würde.

Distributed Ledger und Blockchain als Schlüsseltechnologien für die Digitalisierung des Handels

Welche Technologien sind Ihrer Meinung nach für die Digitalisierung von Trade Finance am wichtigsten? Sehen Sie einen Anwendungsfall für die Distributed-Ledger-Technologie  in diesem Bereich?

Distributed Ledger und Blockchain gelten als zentrale Technologien für die Digitalisierung des Handels, da sie es den Akteuren in der Lieferkette ermöglichen, Informationen sicher und schnell auszutauschen. Dabei stellen die fälschungssichere und transparente Dokumentation sowie die Möglichkeit, durch Smart Contracts Transaktionen zu automatisieren und in Echtzeit abzuwickeln, die zentralen Vorteile bei der Anwendung dieser Technologie dar. Die Distributed-Ledger-Technologie kann zudem für die Rückverfolgung von Waren eingesetzt werden, was z. B. beim Nachweis einer nachhaltigen Produktion oder der Echtheit von Waren eine Rolle spielt.

Eine weitere wichtige Technologie für die Digitalisierung der Handelsfinanzierung ist die digitale Identität. Durch diese werden Bearbeitungszeit und -kosten für Compliance bei der Kreditbearbeitung reduziert, wodurch sich die Zeit bis zur Auszahlung erheblich verringern lässt. Die digitale Identität ist insbesondere für KMUs von Vorteil, deren Kreditanträge in der Know-Your-Customer(KYC)- oder Anti-Money-Laundering(AML)-Phase häufig abgelehnt werden, weil sie trotz guter Bonität nicht immer über die erforderlichen Nachweise zur Identifikation verfügen.

Zukünftige Rolle von Banken in der internationalen Handelsfinanzierung

Durch die erwartete Digitalisierung könnte sich die Rolle von Intermediären im internationalen Handel stark verändern. Was müssen Banken tun, um auch in Zukunft hier relevant zu bleiben?

Durch MLETR wird das internationale Handelsökosystem offener, digitaler und transparenter werden sowie sich zunehmend durch eine über Grenzen hinweg reibungslose Abwicklung auszeichnen. Dadurch stellen sich auch neue Anforderungen an Banken und deren Rolle im internationalen Handel. Damit Banken relevant bleiben und nicht von anderen Anbietern abgelöst werden, müssen sie zunächst sicherstellen, dass ihre Middle- und Backoffice-Verarbeitungssysteme auf dem neuesten Stand sind sowie die Einführung neuer Prozesse, Technologien und einen verbesserten Datenzugriff unterstützen.

Bei der Digitalisierung geht es jedoch nicht nur um die Software – es sind zusätzliche Partner nötig, um den Banken bei der Verbesserung ihrer End-to-End-Prozesse behilflich zu sein. Außerdem ist der Weg zur Interoperabilität lang und mühsam. Banken sollten die Digitalisierung durch ein Ökosystem vorantreiben, das die Integration von Diensten Dritter und die Übertragung von Informationen zwischen Instituten auf standardisierte Weise ermöglicht.

Durch die Nutzung offener APIs und von Open Finance kann die Branche besser zusammenarbeiten, integrieren und kommunizieren. Dadurch werden „digitale Inseln“ verbunden sowie eine wirklich digitale und integrative Handelsfinanzierungsbranche geschaffen. Es ist wichtig, offen und dynamisch zu bleiben. Deshalb konzentrieren wir uns bei Finastra darauf, ein Ökosystem von Lösungen zu entwickeln sowie dieses konsequent weiterzuentwickeln und zu diversifizieren.

Wie helfen die Lösungen von Finastra Banken dabei, sich für eine erfolgreiche Zukunft in der internationalen Handelsfinanzierung zu positionieren?

Unsere Trade-Finance-Lösung „Trade Innovation“ bietet Banken eine Plattform, um mit neuen Compliance- und Branchenanforderungen Schritt zu halten, den digitalen und offenen Handel zu erleichtern und neue Technologien wie Blockchain, Big Data Cloud und offene APIs zu implementieren. Mit unserem Trade Network Connector können wir Trade Innovation in Netzwerke wie Contour integrieren, sodass Transaktionen aus verschiedenen Quellen verarbeitet werden können.

Über unsere offene Plattform für Zusammenarbeit und Innovation „FusionFabric.cloud“ erleichtern wir Banken die nahtlose Integration von Mehrwertdiensten von FinTechs, die beispielsweise zur Optimierung von AML- und KYC-Kontrollen beitragen können. Wir sehen in diesem Bereich eine steigende Nachfrage und sind immer offen für neue Kooperationen mit anderen FinTechs und Lösungsanbietern – sowohl in kommerzieller als auch in technischer Hinsicht.

Sprechen Sie uns gerne an!

Yahya Yousofzai / Autor BankingHub

Yahya Yousofzai

Senior Manager Office Frankfurt
George Stylianou / Autor BankingHub

George Stylianou

Manager Office Berlin
Selina Bezler / Autorin BankingHub

Selina Bezler

Consultant Office München

Artikel teilen

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

BankingHub-Newsletter

Analysen, Artikel sowie Interviews rund um Trends und Innovationen
im Banking alle 2 Wochen direkt in Ihr Postfach