fairr.de – FinTech für die private Altersvorsorge Interview mit Jens Jennissen, Gründer und Geschäftsführer der Fairr.de GmbH

Hallo Jens, vielen Dank, dass du dir Zeit für unser Gespräch nimmst. Kurz nach der Einführung der Riester-Rente hat die private Altersvorsorge einen starken Zuspruch erfahren, allerdings ist das Interesse an dieser Form der privaten Altersvorsorge zurückgegangen, und Riester-Verträge werden u. a. stillgelegt. Wie kam es zu dem Entschluss, genau in diesem Marktsegment anzusetzen und einen digitalen Vertrieb von Altersvorsorgeprodukten anzubieten?

Wir haben 2013 nach der sinnvollsten Anlageform gesucht, um langfristig ein Vermögen für die Rente aufzubauen. Bei der Kritik zur Riester-Rente haben wir festgestellt, dass dringend zwischen der Förderung selbst und den teuren Produkten am Markt zu unterscheiden ist. Das Rahmenwerk von Riester und Rürup hat eine Menge Potenzial, wenn es mit einer Geldanlage verknüpft wird, wie sie auch ohne die Förderung sinnvoll wäre. Genau das haben wir dann mit den geförderten ETF-Sparplänen umgesetzt. Der Fokus liegt bei uns neben der Geldanlage auch auf der Kostenstruktur. So koppeln wir über die prozentualen Gebühren unser Interesse an das der Kunden: langfristig steigende Depotwerte. Wir vertreiben also nicht nur online, was vorher mit hoher Provision an den Mann oder die Frau gebracht wurde, sondern entwickeln die Produkte grundlegend neu. Dabei hinterfragen wir jeden Spiegelstrich in den Vertragsbedingungen. Bis heute sind wir der einzige Anbieter am Markt, der einen Riester-Fondssparplan mit ETFs bietet. Gut die Hälfte unserer Kunden übertragen Geld aus bestehenden Riester-Verträgen mit teuren Dachfonds und absurden Gebühren, die sie oftmals bereits stillgelegt hatten.

Das Riester-Produkt von fairr.de verfolgt mit ETFs, einer definierten Investmentstrategie und hoher Transparenz kundenorientierte Leistungen. Die grundsätzlichen Riester-Kritikpunkte (nicht flexibel genug – nur 30 % der Sparsumme können zu Rentenbeginn als Einmalzahlung ausgezahlt werden; erst bei einem hohen Lebensalter „rentiert“ sich das Riester-Produkt etc.) bleiben dennoch bestehen. Siehst du die künftige Bundesregierung in der Pflicht, weitere Anpassungen vorzunehmen, um die Attraktivität zu verbessern?

Auch bei den grundsätzlichen Kritikpunkten zur Riester-Rente halten sich einige Mythen hartnäckig, die auf den fairriester nicht zutreffen. Ein Altersvorsorgevertrag muss nicht unflexibel sein. In der Ansparphase sind unsere Kunden maximal flexibel – sie können die Sparrate jederzeit kostenfrei ändern und auf ihr Konto einzahlen, wann immer sie wollen. Zum Rentenbeginn können sich unsere Kunden entscheiden, ob sie das gesamte Vermögen inklusive der Förderung verrenten lassen, sich 30 % des Vermögens förderunschädlich auszahlen lassen oder das gesamte Vermögen auf einen Schlag aushändigen lassen. Im letzten Fall müssen zwar Steuervorteile und Zulagen in nominaler Höhe zurückgezahlt werden, aber der Zins und Zinseszins verbleibt. Die Förderung kann also wie ein kostenloser Kredit vom Staat verstanden werden, der den ETF-Sparplan hebelt. Das bietet kein anderes Finanzprodukt. Im Vergleich zu einem Robo-Advisor liegen wir bei den Effektivkosten gleichauf und bieten durch die ausgezeichnete Vermögensverwaltung der Sutor Bank in Verbindung mit der staatlichen Förderung schlicht deutlich mehr fürs Geld. Gerade auch im Vergleich zu ETF-Sparplänen werden die geringen Mehrkosten unserer Verträge durch die Förderung überkompensiert. Der farriester ist damit herkömmlichen ETF-Sparplänen vor allem über die lange Laufzeit in den meisten Fällen überlegen. Dass Sparer uralt werden müssen, um von der Riester-Förderung zu profitieren, trifft auf den fairriester also ebenfalls nicht zu. Auch diesen Mythos haben wir in unserem Blog widerlegt und anhand verschiedenster Szenarien vorgerechnet.

Die nächste Bundesregierung sehe ich dennoch in der Pflicht, auf den Verbesserungen durch das Betriebsrentenstärkungsgesetz aufzubauen und die Riester-Förderung für alle zu öffnen. Das würde die Komplexität bei der Beantragung der Förderung ungemein reduzieren. Die Förderung selbst sollte über alle Säulen hinweg konsequent dynamisiert werden. In Relation zum Anstieg von Gehältern und der Inflationsrate ist die Förderung in den letzten Jahren nicht ausreichend erhöht worden.

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Den großen Finanzinstituten, die ebenfalls Riester-Angebote bereitstellen, wird eine starke Finanzkraft zugesprochen, sodass ein Ausfallrisiko kaum Beachtung findet. Mit der Sutor Bank habt ihr einen Partner an Bord, der auf eine lange Historie zurückblicken kann – was sagen eure Kunden insbesondere mit Blick auf ihren Lebensversicherungspartner myLife, der im Vergleich zu anderen Lebensversicherern geringere Kapitalanlagen verwaltet?

Größe sollte niemals mit Sicherheit gleichgesetzt werden. MyLife gehört zu den wenigen deutschen Versicherungen, die sich auf Nettopolicen spezialisiert haben und Tarife ohne Provisionsanteil entwickeln. Dieser Ansatz passt sehr gut zur Philosophie von fairr.de. Mit einer Gesamtverzinsung von 2,75 % in 2018 gehört myLife zu den leistungsstärksten Lebensversicherern. Im Belastungstest von Morgen & Morgen hat myLife erst kürzlich die Bestnote „ausgezeichnet“ erzielt. Die Ratingagentur Assekurata bescheinigt eine starke Bonität mit stabilem Ausblick. Darüber hinaus ist die Versicherungsbranche in Deutschland mehr als ausreichend reguliert. So sind alle Verträge und Ansprüche über die Protektor Lebensversicherungs-AG abgesichert. Auf Kundenseite erreichen uns daher keine Zweifel an der Finanzkraft von myLife, das ja auch erst zum Renteneintritt das angesparte Vermögen übertragen bekommt, um eine lebenslange Rente zu garantieren.

Um einen Wechsel zwischen Riester-Anbietern zu ermöglichen, bietet fairr.de seinen Kunden einen Wechselservice an. Auch wenn dieser Service von fairr.de problemlos durchgeführt wird, kann es vorkommen, dass der Altanbieter Probleme mit dem Übertrag von Vermögen hat (Stichwort „Anbieterwechsel 2.0 bei der ZfA“). Hieran angeknüpft haben wir folgende Fragen: Erstens, wie stellt fairr.de für seine Kunden bei Problemen mit einem Altanbieter-Wechsel möglichst viel Transparenz her? Zweitens, welche digitalen Kommunikationskanäle (z. B. Videochat) nutzt ihr für die Beratung von Kunden und welche Meinung hast du zum Einsatz von Chatbots (AI)?

Ein Wechsel zu fairr.de ist grundsätzlich kostenlos, da wir die Wechselkosten des Altanbieters übernehmen. Das Kapital wird nach drei bis maximal sechs Monaten übertragen – so will es die gesetzlich festgeschriebene Kündigungsfrist. Bei einigen Anbietern hat eine Umstellung  bei der Zulagenstelle für Altersvermögen Mitte 2017 für Probleme gesorgt. Hier mussten wir nachgreifen und auf die korrekte Meldung und Dokumentation des Wechsels drängen. Die betroffenen Kunden haben wir darüber telefonisch und per E-Mail informiert. Die Umstellung ist nun zum Jahreswechsel endgültig durch und bereitet keine Probleme mehr.

Chatbots sind bei unerwarteten Problemen wie diesen überfragt. Wir haben den Anspruch, auch komplizierte Anfragen zeitnah und abschließend zu bearbeiten. Unsere Kunden bevorzugen verbindliche Ansprechpartner und werden daher auch nicht durch ein Ticketsystem geschleust. Dadurch können wir immer eine zufriedenstellende Lösung garantieren. Der Livechat wird häufig genutzt, wenn sich Fragen zum Angebotsrechner oder beim Ausfüllen des Antrags ergeben. Ansonsten sind wir ganz klassisch via E-Mail und Telefon zu erreichen.

Mit Blick auf die Zahlungsdiensterichtlinie II (PSD II) ergeben sich neue Marktchancen. Geldinstitute müssen bei Einverständnis des Kunden Drittanbietern Zugriff auf die Kontodaten gewähren. Im Rahmen der Altersvorsorge wäre eine intelligente Kontoanalyse denkbar, um z. B. dem Kunden automatisiert eine Anpassung der Sparrate zu empfehlen, damit er die maximale Riester-Förderung erhält. Wo siehst du Chancen und auch Risiken, die sich für euer Geschäftsmodell durch PSD II ergeben?

Die Richtlinie verspricht, den Zahlungsverkehr tatsächlich schneller und den Datenaustausch sicherer zu machen. Der Zugriff auf die Kontodaten durch Drittanbieter wird äußerst spannend. Neben einer Analyse von Einnahmen und Ausgaben sehen wir uns in der Lage, perspektivisch auch die Sparraten unserer Kunden automatisch zu optimieren und darüber hinaus sogar intelligent auf die jeweiligen Sparpläne zu verteilen. Im ersten Schritt wird mindestens die jährliche Aktualisierung des Bruttoeinkommens im Cockpit entfallen, da wir dieses einfach über die Gehaltseingänge ermitteln können.

Durch euer „Renten-Cockpit“ ist es möglich, dass fairr.de-Kunden ihre Rentenbausteine in einer Übersicht im Blick haben. Bislang sind die gesetzlichen Rentenansprüche noch manuell in das Cockpit einzutragen. Gibt es an dieser Stelle Überlegungen, eine direkte Schnittstelle zur Deutschen Rentenversicherung aufzubauen, um Renteninformationen auslesen und anschließend die Rentenlücke kundenindividuell berechnen zu können? Für Kunden könnten somit individuelle Maßnahmen abgeleitet werden, um Rentenziele zu erreichen.

In der nächsten Version des Cockpits sind wir bereits einen Schritt weiter. Ab März genügt uns ein Upload der jährlichen Renteninformation. Wir lesen die Daten dann unmittelbar über eine semantische Dokumentenanalyse aus, wie dies bereits über die Rentist-App geschieht. Eine Schnittstelle zur Deutschen Rentenversicherung bleibt leider Zukunftsmusik. Seit Jahren wird eine zentrale Renteninformationsstelle gefordert, auf deren Daten dann auch Anbieter von Altersvorsorgelösungen zugreifen könnten. Eine solche Stelle wurde bis dato aber leider nur in der Theorie diskutiert. Ein Grund mehr, uns auf die Weiterentwicklung des fairr.de-Cockpits zu konzentrieren. Vom Staat ist an dieser Stelle zurzeit keine entsprechende Lösung zu erwarten.

Im App Store kann man neben eurer fairr.de-App auch die erwähnte App „Rentist“ herunterladen. Wie unterscheiden sich die beiden Apps und ist in Anlehnung an die vorherige Frage eine Integration von Rentist in die Haupt-App geplant?

Über die aktuelle App wird lediglich das Kundenportal der Sutor Bank dargestellt. Die Funktionen von „Rentist“ implementieren wir gerade in das Renten-Cockpit, das bereits für die mobile Nutzung optimiert ist. Zukünftig wird es dann nur noch eine fairr.de-App geben, die alle Funktionen des Cockpits umfasst und das Kundenportal der Sutor Bank damit ersetzt. So schaffen wir erstmalig eine säulenübergreifende Übersicht, die den tagesaktuellen Stand der persönlichen Vorsorgesituation aufzeigt und eine Optimierung in Echtzeit ermöglicht.

Zu guter Letzt möchten wir gerne deine Einschätzung zum Marktausblick einholen: Immer mehr FinTechs wollen neue Wege finden, Geschäftsprozesse- und methoden in der Finanzwirtschaft zu optimieren. Häufig genannte Trends in diesem Zusammenhang sind z. B. Blockchain und Artificial Intelligence. Wie ist deine Einschätzung hierzu und wo siehst Du für fairr.de Potenziale?

Ich sehe die Zukunft für fairr.de in einem hybriden Ansatz. Das bedeutet, dass sich auf der einen Seite viele Prozesse weiter digitalisieren und dadurch automatisieren lassen. Das senkt Verwaltungskosten und führt zu einer deutlich besseren User Experience. Künstliche Intelligenz könnte dabei schon mittelfristig eine immer größere Rolle spielen. Auf der anderen Seite habe ich jedoch festgestellt, dass ein Tunnelblick bei der Digitalisierung in vielen Bereichen der Banken- und Versicherungsbranche nicht zum Erfolg führt. Insbesondere im Bereich der betrieblichen Altersvorsorge sind Anbieter, die eine vollständige Digitalisierung versprechen, auf dem Holzweg unterwegs. Eine reibungslose Einführung unserer fairrbav stellen wir durch Experten sicher. Auch im Support sind persönliche Ansprechpartner für komplexere Anliegen unabdingbar. Konkrete Anwendungsfälle für die Blockchain sehe ich für uns noch nicht.

Jens, vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einsichten.

 

Weitere Informationen zu fairr.de finden Sie auf dem Fintech Hub by zeb.

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Alexander Nitsche

Senior Consultant Office München

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