re:publica 2022: Any Way the Wind Blows

Vom 8. bis 10. Juni gab es endlich das langersehnte Wiedersehen: Die re:publica 22 aka. #rp22, die größte Digitalkonferenz in Europa, fand nach drei Jahren pandemiebedingter Pause wieder in Präsenz statt. Gemäß dem diesjährigen Motto „Any Way the Wind Blows“ galt es da anzuknüpfen, wo die letzte re:publica 2019 endete. Woher und wohin wehte also der Wind bei der re:publica 2022? Ein kurzer Event-Einblick.

Motto: „Any Way the Wind Blows“

Die Sehnsucht nach einer physischen Zusammenkunft nach zwei Jahren ausschließlicher Onlinekonferenz zeigte sich in der Euphorie des Publikums. Eingeleitet mit einem kurzen, den aktuellen Zeitgeist aufgreifenden Musikmix wurden die vier re:publica-Gründungsmitglieder und Verantwortlichen der Blogs „Spreeblick“ und „Netzpolitik.org“ Tanja Haeusler, Johnny Haeusler, Andreas Gebhard und Markus Beckedahl in der großen Hauptarena unter tobenden Applaus des Publikums willkommen geheißen. Endlich konnte wieder in Präsenz diskutiert, genetzwerkt und neue Impulse gesammelt werden.

Unter dem Motto „Any Way the Wind Blows“, angelehnt an die letzte Zeile des Queens-Songs Bohemian Rhapsody, der am Ende jeder re:publica feierlich zusammen gesungen wird, galt es, den roten Faden wieder in physischer Form aufzugreifen und die gesellschaftlichen, medialen und politischen Missstände, die drei Jahre Pandemie offenbart hatten, zu diskutieren. Die letzten Worte vor der Zwangspause sollten wieder die ersten sein.

Zentrale Themen der Konferenz zur digitalen Gesellschaft

Heiße Themen der diesjährigen Digitalkonferenz waren akute gesellschaftliche, digitale und politische Missstände, sichtbar in den zu bewältigenden Krisen: die Klimakrise, der Angriff Russlands auf die Ukraine, die noch immer andauernde Coronakrise und der durch die Pandemie nochmals verschärfte, notwendige Kampf gegen Hass und Hetze im Netz.

Mit über 400 Workshop- und Programmpunkten auf zehn In- und Outdoorbühnen und mehr als 700 eingeladenen Speakern sollte es auch nicht an neuen Impulsen mangeln. Doch wehte nach 15 Jahren re:publica auch ein neuer Wind auf dem Festival für die digitale Gesellschaft?

Woher weht der Wind auf der republica 2022?

Für frischen Wind sorgte zunächst einmal die neue Location im direkt an der Spree gelegenen Areal rund um die Arena Berlin und den Festsaal Kreuzberg, die im nun größeren Außenbereich mit einem Pool, Badeschiff und Beachfeeling glänzen konnte. Mit einem u. a. gänzlich veganen Catering und am Ende zu kompensierenden CO2-Emmissionen sei es laut Johnny Haeusler (Blogger und re:publica-Gründer) auch die bisher nachhaltigste re:publica.

Dass die re:publica längst keine Bloggerkonferenz wie zum Ursprung in 2007 mehr ist, zeigte sich neben den erwarteten 18.000 Besuchenden auch dieses Jahr wieder im politischen Aufgebot der referierenden Personen.

Eine kritische Stimme erhob gleich im zweiten Hauptsaal-Slot des ersten Tages die deutsch-ukrainische Journalistin und Aktivistin sowie gebürtige Kiewerin Marina Weisband – virtuell zugeschaltet – in einem Appell zum deutschen Zögern und Reagieren im Ukrainekrieg an das Publikum. Die demokratischen Staaten müssten nun mehr denn je zusammenhalten. „Es war nie gefährlicher, nicht zu handeln.“

Stellung zur geplanten Digitalstrategie und Digitalpolitik Deutschlands nahmen, wenn auch nur vage, Volker Wissing, Bundesminister für Digitales, und wiederum zu den digitalen Lehren aus der Ukrainekrise Bundesinnenministerin Nancy Faeser sowie Bundes-CIO und Staatssekretär Markus Richter.

Mit Olaf Scholz war zum ersten Mal auch ein Bundeskanzler mit von der Partie. Dieser versicherte dem digitalen Publikum auf der re:publica mit vielen Schlagwörtern, jedoch ohne wenige konkrete Aussagen: Man sehe die Not, die digitale Transformation und Zeitenwende sei auch in Deutschland machbar und Start-ups, der Ausbau von Glasfaser sowie Mobilfunk kommen. Der digitale Weltgeist der re:publica würde gerade dann gebraucht werden, wenn der Wind uns hart ins Gesicht blase. Als kleine Anekdote zur Digitalisierung der Verwaltung räumte er letztlich ein: „Ich habe heute einen neuen Pass und einen neuen Personalausweis offline beantragt – es war nicht anders möglich.“

So steht es also aktuell um die Digitalisierung der Verwaltung. Bis sich Peter Altmaiers Aussage von 2017 „Bis 2021 ist Deutschlands Verwaltung komplett digital“ erfüllt, ist es also noch ein langer Weg. So sieht dies auch Markus Beckedahl, der in seiner traditionellen digitalen Bestandsaufnahme „Neue Regierung, neues Glück?“, der neuen Regierung und der vergangenen Digitalpolitik wieder ordentlich auf den Zahn fühlte. So richtig digital und motiviert sei laut Beckedahl noch niemand in der ersten Reihe und ein Einmischen in Sachen Netzneutralität, Überwachung, Debattenkultur – auch vor dem Hintergrund der neuen Plattformregulierungsgesetze der EU (Digital Services Act, Digital Market Act) – sei weiter zwingend von Nöten. Gerade dafür ist die re:publica da: um sich für eine bessere digitale Welt einzusetzen, sich zu vernetzen, andere informieren und dafür zu kämpfen

Hat sich der Besuch dieses Jahr gelohnt?

Meine persönlichen Programmhighlights der ersten beiden re:publica-Tage waren neben der digitalen Bestandsaufnahme von Markus Beckedahl der unterhaltsame Beitrag „Social-Media-Recht: Saisonrückblick“ der Juristen Henning Krieg und Thorsten Feldmann, die noch einmal die juristischen Highlights der digitalen Medien mit Blick auf Urheberrecht, Werbekennzeichnung, Datenschutz und Hatespeech Revue passieren ließen.

Ein weiterer Höhepunkt war mein Workshop mit dem jungen TikTok-Team der Tagesschau. Das junge Digtialteam plauderte im Workshop zur Redaktionskonferenz aus dem Nähkästchen und gab Einblicke in die Digitalstrategie ihres Kanals. Der Kanal hat sich vom ersten deutschen Nachrichtenkanal 2019 mit seiner Doppelstrategie aus Nachrichtencontent und Unterhaltungswert mit 1,3 Mio. Followern zu den erfolgreichsten Medienmarken in Deutschland und Europa entwickelt.

Abschließend lässt sich sagen: Die re:publica ist das, was du daraus machst, und spiegelt mit Vorträgen aus Politik, Medien und Kultur die digitale Gesellschaft. Aufgrund der großen Anzahl an parallelen Slots obliegt es jeder Person selbst, sich die Punkte aus der bunten Agenda herauszupicken, die persönlichen Mehrwert bringen und in denen sich noch kritische Stimmen entnehmen lassen.

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