Wie steht die Deutsche Kreditwirtschaft zum digitalen Euro?

Aktuell werden digitale Währungen von zwei Seiten vorangetrieben. Auf der einen Seite gibt es Ansätze privatwirtschaftlicher Lösungen, mit sogenannten Stablecoins. Auf der anderen Seite treibt die EZB ihre Pläne zur Entwicklung einer Central Bank Digital Currency (CBDC) weiter voran, die den Euro in seiner jetzigen Form ergänzen soll. Wir wollen nun verstehen, was die Motivation hinter dem digitalen Euro ist, welche Mehrwerte dieser erzeugen kann und welche Ausprägungen von Bedeutung sein werden.

Jens Holeczek gibt uns als Vertreter der Volksbanken und Raiffeisenbanken zum Thema digitaler Euro Antworten auf unsere brennendsten Fragen.

 

Digitaler Euro als Ergänzung zum klassischen Bargeld

Hallo Herr Holeczek, die aktuellen Pläne der EZB sehen den digitalen Euro als Ergänzung zum klassischen Bargeld. Welche Motivation steckt dahinter und hat der digitale Euro das Potenzial, den Finanzsektor zu revolutionieren?

Was die Motivation angeht, kann ich natürlich nicht für die EZB sprechen. Den Veröffentlichungen nach sind die Haupttreiber der Rückgang von physischem Bargeld und die Digitalisierung. Aber auch das Aufkommen von Kryptocoins und Stablecoins spielt sicherlich eine Rolle, da diese die Währungssouveränität und damit die Souveränität und Stabilität der Wirtschaftsräume bedrohen könnten.

Beim digitalen Euro geht es darum, allen Bürgerinnen und Bürgern auch in der digitalen Zukunft einen Zugang zu Zentralbankgeld zu ermöglichen, also wie beim Bargeld eine Forderung gegenüber der EZB zu erhalten. Dieses soll neben der Digitalisierung auch die Rolle des Euros als Währung stärken. Ob der digitale Euro den Finanzsektor revolutioniert oder auch mit erheblichem Schaden für die Volkswirtschaft „disintermediert“, hängt am Ende davon ab, wie der digitale Euro von der EZB ausgestaltet wird.

Retail-CBDC und Wholesale-CBDC

Die Deutsche Kreditwirtschaft spricht sich klar dafür aus, neben einer Retail-CBDC eine Wholesale-CBDC und einen Giralgeldtoken einzuführen. Können Sie diese Ausprägungen kurz für uns abgrenzen?

Wir reden über unsere Währung, also den Euro, als wäre diese genau eine Art von Geld. Vielen Menschen ist es nicht bewusst, aber der Euro besteht heute schon aus drei Geldformen. Es gibt den Euro als Bargeld, den Euro, den jeder auf seinem Konto hält, und den Euro, den die Banken bei der Zentralbank auf den Konten halten. Am Ende ist ein Euro immer einen Euro wert, da es immer einen Anspruch auf Tausch gibt – für die Bürgerinnen und Bürger z. B. mittels einer Abhebung in Euro-Bargeld, was eine Forderung gegen die Zentralbank darstellt.

Wenn nun ein digitaler Euro der EZB eingeführt wird, so ist das nur eine weitere Geldform, und als Ergänzung zum Bargeld sollte diese Form dann auch vergleichbare Eigenschaften wie Bargeld aufweisen, also beispielsweise Anonymität oder auch Funktionsfähigkeit im Fall von Krisen wie Naturkatastrophen.

Ein solcher digitaler Euro kann aber den Bedarf z. B. der Industrie nicht abdecken. Die Industrie braucht kein anonymes Geld, sondern Geld, das neue Technologien wie Blockchain/DLT unterstützt. Dies kann wie das heutige Bankguthaben auch eine Forderung gegenüber einer Bank darstellen – wir nennen das den Giralgeldtoken. Und da diese Technologien auch für Banken z. B. im Kapitalmarktgeschäft interessant sind, ergibt es Sinn, das heutige Zentralbankguthaben der Banken auch „blockchain-fähig“ zu machen. Das wäre die Wholesale-CBDC.

Am Ende geht es darum, alle drei heutigen Arten von Geld (Bargeld, Bankguthaben, Guthaben der Banken bei der Zentralbank) zielgruppen- und nutzenorientiert in digitaler Form verfügbar zu machen.

Was ändert sich bei der Einführung einer Retail-CBDC für den Endkunden und welchen Mehrwert hätte eine solche Lösung?

Das ist eine sehr gute Frage. Das hängt am Ende davon ab, wie die EZB die Retail-CBDC ausgibt. Da sind die unterschiedlichsten Varianten im Gespräch. Ein kontobasierter digitaler Euro z. B. hätte nichts mit der neuen Technologie der Tokenökonomie zu tun, wäre in der Handhabung vermutlich ähnlich zum heutigen Bankguthaben (zwei Faktoren beim Zahlungsvorgang etc.) und nicht anonym.

Damit wäre der Mehrwert nahezu null – nur dass ich von der EZB die Rückzahlung verlangen kann, statt von meiner Bank. Und die Guthaben bei Banken sind ja durch die Einlagensicherung ebenfalls sicher. Bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken sind die Systeme sogar darauf ausgerichtet, nicht nur die einzelnen Sparerinnen und Sparer, sondern das gesamte Institut im Bedarfsfall zu retten.

Falls die EZB den digitalen Euro allerdings anonym und offlinefähig ausgeben würde, dann hätte ich digitales Geld, mit dem ich bei einem Einkauf weiterhin meine Frau mit Blumen überraschen könnte. Der digitale Euro wäre auch distanzfähig, das heißt, ich könnte meinen Kindern das Taschengeld von Smartphone zu Smartphone übertragen, ohne vor Ort zu sein. Insofern hängt der Mehrwert davon ab, für welche funktionale Ausgestaltung und letztlich welche Technik sich die EZB entscheidet.

Digitaler Euro: Rolle und Risiken der Banken beim Retail-CBDC

In Ihrem Positionspapier vom 25.06.2021 sprechen Sie sich klar für eine Begrenzung der Höchstsumme bei einer Retail-CBDC aus, um die Finanzstabilität zu sichern. Wo genau sehen Sie die Risiken einer CBDC als Bargeldalternative?

Wenn die Retail-CBDC einen Mehrwert für Bürgerinnen und Bürger mit sich bringen soll, muss sie anonym sein, denn bisher gibt es kein anonymes sicheres und gleichzeitig digitales Geld, wo niemand den Inhalt meines Portemonnaies und meine Zahlungen einsehen kann. Das wäre ein echter USP, also ein Mehrwert, den keine andere Geldform aufweist. Das passt auch gut zur Resilienz im Krisenfall. Selbst ohne Strom oder Internetverbindung – denken wir mal an die schrecklichen Hochwasser vergangenes Jahr oder auch an das Alpenhochland bei einem Ausflug – muss es eine Möglichkeit geben, digital zu bezahlen.

Wenn Geld aber offline und insbesondere Zahlungen anonym sind, gilt es, Geldwäsche vorzubeugen. Insofern stehen wirkliche Mehrwerte in einem Konflikt, den nur ein Limit lösen kann. Und ein heutiges Portemonnaie ist ja auch irgendwann voll.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist eine Krisensituation: Bei einer Krise, egal ob einer Vertrauenskrise, Naturkatastrophe oder der schrecklichen Situation, die wir gerade im östlichen Europa sehen, versorgen sich Menschen vermehrt mit Bargeld. Beim physischen Bargeld gibt es durch aufsichtsrechtliche Regelungen (Stichwort Auszahlungsverbot) und auch auf technischer Ebene (leergelaufener Automat) Stop-Mechanismen. Gerade in einer Krise brauchen Unternehmen und auch Verbraucherinnen und Verbraucher in der Regel mehr Liquidität in Form von Krediten.

Würde mit einem digitalen Euro binnen Sekunden zu viel Geld zur Verfügung gestellt werden, würden wir die Liquidität der Banken und damit Kredite noch weiter verknappen und die Krise verschärfen. Das darf aber auf keinen Fall passieren, sonst gefährden wir unsere Währungs- und Wirtschaftsstabilität in der Krise zusätzlich.

Die Deutsche Kreditwirtschaft spricht sich außerdem dafür aus, die Intermediärsfunktion der Banken auch bei einem digitalen Euro beizubehalten. Wo genau sehen Sie die Rolle der Banken bei der Retail-CBDC?

Auch hier hängt viel von der Ausgestaltung durch die EZB ab. Banken könnten die Wallets zur Verfügung stellen, Auszahlungen und Einzahlungen vom Konto in die Wallet tätigen, also quasi den digitalen Geldausgabeautomaten im Smartphone oder auch die virtuellen Kassen und die Bargeldlogistik für Handel und Wirtschaft bereitstellen – am Ende also den Kundenkontakt übernehmen, für den eine EZB nicht ausgelegt ist.

Was meines Erachtens nicht sein kann, ist, dass die Banken und die beaufsichtigten anderen Marktplayer die Infrastruktur betreiben, die Identifizierung und den Geldtransfer (z. B. bei einem kontobasierten digitalen Euro) übernehmen, alle Kosten tragen und nur die Arbeit haben. Das wäre ein tiefer und sehr einseitiger Eingriff in den Markt und kommt eher einer planwirtschaftlichen Struktur gleich als dem Wesen unserer sozialen und mittlerweile auch ökologischen Marktwirtschaft.

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Vorteile einer gesonderten Wholesale-CBDC

Beim Interbankenhandel spricht sich die DK für die Schaffung einer gesonderten Wholesale-CBDC aus. Können Sie bitte kurz erläutern, wo die Vorteile gegenüber bestehenden Systemen liegen und warum hierzu nicht die Retail-CBDC genutzt werden kann?

Unter anderem Wertpapierabwicklung und Verwahrung sind heute bereits auf Blockchain-/DLT-Infrastrukturen möglich. Statt durch eine Urkunde wird das Wertpapier in diesem Fall durch einen kryptografischen Schlüssel repräsentiert.

Nun kann man sicherlich ein rein digitales und tokenbasiertes Wertpapierregister schaffen, aber das ist wenig sinnvoll. Vielmehr sollte der Handel von Wertpapieren direkt auf der Blockchain stattfinden. Und da vermutlich nur selten ein Wertpapier gegen ein anderes getauscht wird, stellt sich die Frage: Wo ist das Geld in Form eines Tokens, das direkt gegen das Wertpapier getauscht werden kann?

In der Technik heißt dieser Vorgang auch Delivery versus Payment, kurz DvP. Es braucht also in unbeschränkter Höhe sicheres Geld eines allgemein anerkannten und verlässlichen Herausgebers auf der Blockchain. Diese Rolle sollte die EZB einnehmen. Aufgrund der aufgerufenen Beträge sollte das Geld aber nicht anonym sein, und es muss auch nicht offline funktionieren, da das Wertpapier ja auch nur online verfügbar ist. Das widerspricht dann wieder dem Kern einer Retail-CBDC.

Am Ende sind beides Token, die von der EZB kommen, aber es sind zwei technologisch unterschiedliche Ansätze, um die jeweils benötigten Funktionen sicherzustellen. Daher ist eine Retail-CBDC mit den Eigenschaften von Bargeld nicht geeignet. Jetzt kann die EZB die Retail-CBDC natürlich auch auf einer Blockchain ausgeben. Dann stellt sich aber die Frage, worin der Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger läge. Denn mindestens die Offlinefähigkeit wäre dann nur kurzfristig oder gar nicht gegeben. Übertragen auf die heutige Welt ähnelt das in etwa der Frage, warum Banken ihre Geschäfte untereinander nicht mit Bargeld abwickeln. Es ist einfach nicht für diesen Zweck geschaffen.

CBDC im Zusammenhang mit Internet of Things

Ein gänzlich neues Anwendungsfeld, über das die DK im Zusammenhang mit einer CBDC spricht, ist die Programmierbarkeit bzw. die Nutzung im Zusammenhang mit Internet of Things (IoT). Können Sie kurz erläutern, wie das funktionieren kann und wie hier die Rolle der EZB, der Banken und ggf. anderer (privatwirtschaftlicher) Akteure aussieht?

Wir müssen hier ein wenig aufpassen. Oft wird von der Programmierbarkeit des Geldes gesprochen. Diese lehnen wir strikt ab. Geld muss universell einsetzbar sein und sollte keine inhärenten Eigenschaften wie dauerhafte Nutzungsbeschränkung erhalten. Aber ich muss das Geld natürlich – bildlich gesprochen – in einen Umschlag stecken können, auf dem steht: Nur öffnen, wenn eine bestimmte Bedingung erfüllt ist. Das ist kein programmierbares Geld, sondern eine programmierbare Zahlungsauslösung über einen Smart Contract. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied.

Und wenn der digitale Euro schon digital genutzt werden kann, dann sollte der Übertrag auch programmiert werden können. Ich empfände es als Mehrwert, wenn meine Kinder z. B. wöchentlich automatisch ihr Taschengeld bekämen, vorausgesetzt, der Inhalt meines digitalen Portemonnaies gibt das noch her.

Für diesen automatischen Geldübertrag wird es nach unserer Auffassung auch im IoT-Umfeld zukünftig vielfache Verwendung geben. Das gilt übrigens nicht nur für die Retail-CBDC, sondern für alle drei neuen Geldformen – für den Giralgeldtoken gleichermaßen wie für die Wholesale-CBDC.

Die Rolle der Bank unterscheidet sich dabei. Einmal sind wir vielleicht Lösungsanbieter, wenn wir die digitale Geldbörse verantworten (Retail-CBDC), ein anderes Mal Ausgeber des Geldes (Giralgeldtoken) oder auch selbst Nutzer wie bei der Wholesale-CBDC.

Hat der Giralgeldtoken das Potenzial, die Wertschöpfung im Bankwesen zu verändern, und wenn ja, inwiefern?

Der Giralgeldtoken zielt darauf ab, das heutige Bankguthaben weiterhin in der Bilanz zu behalten und damit den wesentlichen Beitrag des Finanzsektors für die Wirtschafts- und Währungsstabilität zu bewahren, trotzdem aber das Geld in neuer Form – also als Token und damit blockchaintauglich – bereitzustellen. Es wird meiner Meinung nach Veränderungen geben, da dieses Geld auf den verschiedenen Blockchains der Wirtschaftsakteure leben muss. Dennoch braucht es eine Verbindung zur Bank, damit es weiter eine Einlage und damit die Basis für Kredite sein kann.

Ich glaube, die Verbindung unserer Technik zur Technik der Wirtschaftsakteure ist neu und ein zusätzlicher Aufwand. Dafür findet aber der Transfer des Geldes direkt in den Systemen der Wirtschaft statt. Am Ende ist das vermutliche eine Verschiebung der Wertschöpfung in beide Richtungen. Ob sich das schließlich aufhebt, vermag ich heute noch nicht zu beurteilen.

Eine Abschlussfrage haben wir noch: Glauben Sie an die Einführung des digitalen Euros und wann wird dieser Ihrer Ansicht nach kommen?

Was die Retail-CBDC angeht, so wird die EZB meiner Ansicht nach in 1,5 Jahren entscheiden, dass es den digitalen Euro geben wird. Bei drei bis fünf Jahren Einführungszeit wäre dieser dann vermutlich 2026 bis 2028 da. Wie schnell er sich dann allerdings verbreitet, hängt auch davon ab, ob die Nutzerinnen und Nutzer einen Mehrwert erkennen oder nicht. Da wage ich heute keine Prognose zu geben.

Ich bin mir sicher, dass der digitale Euro der Kreditwirtschaft – also der Giralgeldtoken – kommen wird, sobald die Wirtschaft tokenisiertes Geld auf ihren DLT-basierten Systemen benötigt; ob einheitlich als Giralgeldtoken oder eher als Stablecoin hängt davon ab, wie schnell sich die Wirtschaft entwickelt, denn ein europaweit akzeptierter, einheitlicher Giralgeldtoken braucht etwas mehr Zeit als ein Stablecoin einzelner Banken oder Bankengruppen.

Wir gehen von einem Bedarf noch vor 2026 aus, und die Kreditwirtschaft und insbesondere auch die Volksbanken Raiffeisenbanken werden sich diesem Bedarf stellen. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass wir heute bereits Lösungen haben, bei denen Smart Contracts eigenständig Zahlungen im heutigen Zahlungsverkehr ausführen können, also Banken im Bereich Payment weiter sind, als ihnen manchmal zugetraut wird.

Vielen Dank Herr Holeczek für dieses informative Interview!

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Nikola Jelicic / Autor BankingHub

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