Deutschland muss mehr finanzielle Bildung wagen Interview zur Finanzbildung mit Gründer Carlos Link-Arad von Beyond Saving

Schaut man sich aktuelle Studien zum Stand der finanziellen Bildung an, so wird deutlich: Hier besteht in Europa und vor allem auch in Deutschland definitiv noch Aufholbedarf.

Wir haben mit Carlos Link-Arad, Gründer von Beyond Saving – der Informations- und Bildungsplattform für finanzielle Selbstentscheider –, über die Finanzbildung in Deutschland und Europa gesprochen:

 


Carlos, du hast im Mai 2020 „Beyond Saving“ gestartet. Was ist die Idee dahinter?

Die Idee ist schnell erklärt: Meine Vision ist, dass jeder einfachen Zugang zu unabhängiger und professioneller Finanzbildung erhält, die Menschen langfristig finanziell gesünder macht. Finanzen sind für viele Leute immer noch einer der größten Stressfaktoren und werden sogar mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht. Das muss nicht sein. Ich möchte mit Beyond Saving zeigen, dass es nicht nur einfach ist, sich um seine Finanzen zu kümmern – sondern auch echt Spaß machen kann.

Stichwort finanzielle Bildung: Wie schätzt du die aktuelle Lage in Deutschland ein?

Schlecht. Und diese Einschätzung beruht nicht auf meiner Meinung, sondern auf realen Umfragewerten. 2017 hat die ING-DiBa eine Studie zur finanziellen Bildung in Europa veröffentlicht, in der Deutschland den vorletzten Platz belegte. Nur die Briten schnitten noch schlechter ab.

51 % der befragten Personen gaben an, keine Finanzbildung erhalten zu haben – das ist ein besorgniserregender Wert. Und wer zusätzlich einen Blick auf den SchuldnerAtlas der Creditreform wirft, erkennt relativ schnell, das 10 % der Deutschen überschuldet sind.

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind die Zahlen noch alarmierender. Es herrscht zudem große Uneinigkeit darüber, wer denn eigentlich verantwortlich für Finanzbildung ist. Die Mehrheit der Bundesbürger/-innen ist der Meinung, dass hier die Schulen in der Pflicht stehen. Diese wiederum sehen die Verantwortung bei den Eltern. Am Ende des Tages ist mangelnde finanzielle Bildung ein Systemfehler.

Woran liegt es, dass wir uns hierzulande einfach nicht um unsere Finanzen kümmern wollen?

Das ist eine spannende Frage. Laut einer Studie des Bankenverbands kümmern sich etwa 22 % der Deutschen selten oder nie um ihre eigenen Finanzen. Es ist im Großen und Ganzen aber auch eine Frage des Mindset. Deutsche mussten sehr viel mitmachen: Hyperinflation in den 1930er-Jahren, Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg, das Platzen der Dotcom-Blase Anfang des Jahrtausends und die globale Finanzkrise 2007/2008 haben die „Finanz-DNA“ nachhaltig beeinflusst.

Außerdem vertraut die Mehrheit der Menschen hier dem Sozialstaat und dem Rentensystem. Vielen Menschen fehlen einfach Anreize, um sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Dass das gesetzliche Rentensystem bröckelt oder die Inflation den Wert von Spareinlagen für die Altersvorsorge verschlingt, ist den meisten nicht bewusst. Zudem verbinden Deutsche mit dem Thema Finanzen überwiegend negative Gefühle wie Stress und verzichten deshalb gänzlich auf eine Auseinandersetzung damit. Angst spielt auch eine große Rolle. Mangelnde Finanzbildung sorgt für fehlendes Verständnis, und Dingen, die man nicht versteht, steht man prinzipiell ängstlich gegenüber. Aus diesem Grund ist auch die Aktionärsquote in Deutschland so niedrig.

Neben Sparen und Schulden erhalten die Deutschen auch beim Thema Investieren schlechte Noten. Wie erklärst du dir das Phänomen der deutschen Sparer-DNA?

Wie bereits erwähnt mussten Deutsche viele Krisen mitmachen. Das hat ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit hervorgerufen, das von Generation zu Generation weitergetragen wird. Auch in meiner Familie war das so. Wer nach dem Zusammenbruch der „New Economy“ um die 2000er-Wende herum einen großen Teil seiner Altersvorsorge verloren hat, wird seinen Kindern auch einen sehr kritischen Umgang mit Aktien beibringen. Das Wort „Aktie“ wird von den meisten Menschen mit den Gefühlen Verlust, Angst und Stress verbunden. Wenn dann auch noch unser Bundesfinanzminister zum Parken von Vermögen auf dem Tagesgeldkonto aufruft, hilft das leider auch nicht weiter.

Dabei zeigt die langfristige Entwicklung, dass Aktienbesitzer/-innen am erfolgreichsten Vermögen aufgebaut haben. Man kann zwar viel meckern, jedoch sind gerade bei der jüngeren Generation – der 25- bis 35-Jährigen – Tendenzen hin zu einer verstärkten Aktionärskultur zu beobachten.

Was würdest du einem 25-Jährigen, der heute seinen ersten Job angefangen hat, in Bezug auf seine Finanzen empfehlen?

Kümmere dich so früh wie möglich um eine solide Finanzplanung. Was am Anfang kompliziert klingt, ist eigentlich sehr einfach. Verschaff dir zunächst einmal einen Überblick und versuch deine Kosten in den Griff zu bekommen. Das geht am besten mit einem Haushaltsbuch – als App oder Excel-Tool. Im nächsten Schritt solltest du dir über deine Ziele bewusst werden. Was willst du in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren erreichen?

Hast du einen Überblick, solltest du dein Sparverhalten automatisieren. Dazu richtest du einfach einen monatlichen ETF-Sparplan ein. Für den Anfang reicht hier ein ETF auf den MSCI World, um möglichst breit gestreut zu investieren. Und wer der Meinung ist, ein Vermögen zu benötigen, um zu investieren, liegt vollkommen falsch. Bei den meisten Anbietern kann bereits ab 25 Euro monatlich in kostengünstige Indexfonds investiert werden. Das sollte für jeden machbar sein. Man sollte aber langfristig investieren – nicht nur ein Jahr, sondern lieber fünfzehn Jahre oder länger.

Wer ist deiner Ansicht nach für die finanzielle Bildung unserer Gesellschaft verantwortlich: Eltern, Schulen, Universitäten…?

Es ist sehr schwer, hier einen Hauptverantwortlichen zu bestimmen. Die Schule ergibt aus meiner Sicht am meisten Sinn, denn nicht alle Eltern verfügen über eine solide Finanzbildung. In der Schule können Themen wie Finanzen, Steuern, Investieren und Co. beispielsweise im Rahmen eines Unterrichtsfachs „Lebenskunde“ in den Lehrplan aufgenommen werden – Lebenskunde, weil neben Finanzen noch viele weitere Themen wie Entrepreneurship, digitale Mediennutzung oder gesunde Ernährung eine wichtigere Rolle in der modernen Bildung spielen sollten.

Aber auch für Eltern müssen entsprechende Angebote bereitgestellt werden, damit diese sich die passenden Grundlagen aneignen können. Am Ende des Tages übernehmen Kinder sehr viele Verhaltensweisen ihrer Eltern, und wenn Eltern z. B. sorglos mit Finanzen umgehen, werden Kinder ihnen das in vielen Fällen nachmachen. Wir müssen wegkommen von der Diskussion darüber, wer wofür verantwortlich ist. Das bringt uns nicht weiter. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht, die Dinge klar zu benennen und die Verantwortlichkeiten auf viele Schultern zu verteilen sowie vor allem anzuerkennen, dass finanzielles Wissen ein elementarer Bestandteil einer guten Allgemeinbildung ist. Nur so gelingt uns der Umschwung.
 

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In Deutschland existieren bereits zahlreiche Finanzblogs und auch Social-Media-Kanäle, die sich komplett dem Thema Finanzbildung verpflichtet haben. Kann E-Learning die große Bildungslücke rund um das Thema Finanzen schließen?

Absolut. E-Learning ermöglicht Bildung zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort. Die Zeiten, in denen man physisch anwesend sein musste, um zu lernen, sind längst vorbei. Wer wissen will, wie eine Aktie funktioniert, muss einfach auf YouTube das entsprechende Video anklicken – und kein BWL-Studium mehr absolvieren. Ein BWL-Studium führt nämlich nicht automatisch zu guter finanzieller Bildung.

Finanzblogs sind super, sie sind eine wichtige Quelle für Finanzwissen. Viele Blogger/-innen haben vor einigen Jahren auch angefangen, eigene Onlinekurse zu produzieren. Diese konzentrieren sich jedoch in den meisten Fällen sehr spezifisch auf ein Kernthema, wie beispielsweise den Optionshandel oder P2P-Kredite. Außerdem fehlt vielen Gründerinnen und Gründern professionelle Erfahrung auf dem Gebiet, über das sie aufklären. Wer zum Thema Investieren aufklären möchte, sollte in meinen Augen auch möglichst viel Erfahrung mit der Verwaltung von eigenem und fremdem Vermögen mitbringen und im Optimalfall auch schon einmal die ein oder andere Krise miterlebt haben. Aus diesem Grund habe ich bei Beyond Saving auch ein Beraterteam aus erfahrenen Vermögensverwaltern und Portfoliomanagern um mich versammelt, welches ein kritisches Auge auf die Inhalte der Plattform wirft.

Lass uns noch kurz über die aktuelle Situation rund um COVID-19 sprechen. Die Corona-Pandemie belastet aktuell viele private Haushalte – besonders in finanzieller Hinsicht. Siehst du in der Phase eine Chance, finanzielle Bildung stärker in den Fokus zu rücken? Oder ist die Angst – beispielsweise zu investieren – jetzt größer?

Chancen sind da, denn viele Menschen haben gemerkt, wie wichtig Notfallrücklagen und ein solides finanzielles Fundament sein können, wenn plötzlich ein großer Teil des Einkommens wegfällt. Das erkennt man interessanterweise auch am erhöhten Suchvolumen nach Finanzthemen bei Google. Sehr beliebte Keywords waren beispielsweise „Geldanlage trotz Corona“, „Wie Finanzen organisieren“ und „Welcher Broker ist der beste“. Und dieses Verhalten ist genau richtig. Denn solche Krisen können im Leben immer passieren – besonders dann, wenn Menschen plötzlich erkranken und anschließend arbeitsunfähig werden oder zu eingeschränkt sind, um auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen.

Das Anlageverhalten war in der Corona-Krise sehr positiv und macht Hoffnung. Viele Onlinebroker, wie beispielsweise Trade Republic, hatten bei der Depoteröffnung sehr lange Wartezeiten – teilweise bis zu 6 Wochen. Der Prozess dauert normalerweise nur wenige Stunden. Die überwiegende Teil der Neukunden ist unter 35 Jahre alt.

Die Mehrheit der Nutzer von Finanzblogs und Social Media ist jung. Wahrscheinlich haben diese Leute einfach aufgrund ihres Wissensvorsprungs erkannt, dass in der aktuellen Situation einige Chancen für den langfristigen Vermögensaufbau liegen.
 

Eine abschließende Frage: Welche Empfehlungen hast du für die Menschen, um finanzielle Notlagen zukünftig zu vermeiden?

Macht euch im ersten Schritt klar, wie gut bzw. schlecht ihr aktuell finanziell aufgestellt seid.

Baut euch im nächsten Schritt eine Notfallrücklage auf. Diese sollte hoch genug sein, um mindestens 5 Monate lang eure gesamten Kosten decken zu können. Ein weiterer Tipp ist, sich passive Einkommensströme aufzubauen, die einen unabhängig von Arbeitgebern machen und die Einkommensquellen breiter streuen. So reduziert man das Risiko von plötzlichen Einkommenseinbrüchen aufgrund von Kurzarbeit, um hier mal ein aktuelles Beispiel zu erwähnen.

Und zu guter Letzt solltet ihr mehr in die persönliche Weiterbildung investieren. Digitale Medien ermöglichen ständige Weiterbildung und den Aufbau neuer Skills. Geld kann man verlieren, Wissen bleibt, macht uns unabhängiger von klassischen Jobs und ermöglicht es uns, flexibler zu reagieren.
 

Damit sind wir am Ende des Interviews angekommen. Vielen Dank Carlos, dass du dir Zeit für das Gespräch genommen hast. Ich wünsche euch viel Erfolg bei den in der nächsten Zeit anstehenden Projekten.

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Autor Julia Schraut / BankingHub

Julia Schraut

Senior Professional Office Berlin

Autoren

2 Antworten auf “Deutschland muss mehr finanzielle Bildung wagen

  • Daniel Hanke

    Interessantes Interview zu einem – gerade in Deutschland – überaus relevantem Thema. Wir bekommen die Situation regelmäßig in unseren Filialen mit. Es ist klasse zu sehen, dass sich immer mehr Leute um Quellen für finanzielle Bildung bemühen. Wichtig muss jedoch die Seriosität der Quellen bleiben. Man sieht es viel zu häufig, dass junge „Teenager“ sich als Coaches vermarkten wollen – dabei haben diese Leute noch keine Finanzkrise miterlebt, haben kaum Lebenserfahrung und haben noch nie Verantwortung über fremdes Vermögen übernehmen müssen. Aus dem Grund finde ich den Ansatz sehr richtig, externe Expertise an das Modell anzubinden. Glückwunsch und alles Gute für die Zukunft.

    Antworten

  • Milo Ferrand

    Hervorragendes Interview, absolut relevantes Thema, das gesellschaftlich leider eine noch zu nebensächliche Rolle spielt.

    Besten Dank!

    Antworten

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