DLT-Technologien zwischen Hype und Praxis Interview mit Klaus Himmer, CEO und Mitgründer von CryptoTax

Verteilte Datenbanktechnologien, auch als Distributed-Ledger-Technologien (DLT) bezeichnet, sind durch den Hype rund um Kryptowährungen und Blockchain omnipräsent. Der aktuelle Aufschwung von Bitcoin und anderen Kryptowährungen hat das Interesse jüngst wieder steigen lassen. Doch auch jenseits des Hypes wächst das DLT-Ökosystem immer stärker und wird so für Endnutzer leichter zugänglich. Große Konsortien wie we.trade und Marco Polo mit Beteiligungen deutscher Banken zeigen das zunehmende Interesse auch etablierter Unternehmen an den neuen Lösungsmöglichkeiten. Dazu kommen aktuelle Veröffentlichungen wie das Whitepaper zum Libra Coin.

DLT selbst basiert auf der Idee, Informationen dezentralisiert abzulegen, sodass diese nicht mehr nur einer einzelnen Partei gehören, die dadurch allein über die Verwendung entscheiden könnte. Die Informationen liegen im Netzwerk. Je nach Ausprägung des Netzwerks kann sich jeder daran beteiligen. Hierbei wird die Idee verfolgt, dass Informationen durch die teilnehmenden Parteien auf Richtigkeit geprüft und bestätigt werden müssen. Nur wenn ein gemeinsamer Konsens gefunden ist, werden die Informationen dauerhaft im Netzwerk abgelegt. Einmal abgelegte Informationen lassen sich nachträglich nicht mehr unmittelbar verändern und können nur fortgeführt werden, sodass der Fluss einer Information jederzeit nachvollzogen werden kann. Diese Fälschungssicherheit ist mithin die interessanteste Eigenschaft einer solch verteilten Datenbank.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung von Distributed-Ledger-Technologien stellt sich daher die Frage, wie Finanzinstitute damit umgehen sollen.

Klaus Himmer, CEO und Mitgründer von Logo von CryptoTax, hält es für entscheidend, die Technologien im Detail zu beobachten und sich auch aktiv und gezielt an Projekten zu beteiligen, um so beispielsweise die Effizienz innerhalb von Finanzinstituten zu steigern. Dabei versucht er auch die Frage zu beantworten, ob es wirklich den einen Blockchain-Anwendungsfall gibt oder es sich bei der Technologie nur um ein zusätzliches Werkzeug im Baukasten für die Speicherung von Informationen handelt. Zudem ist er als Steuerexperte am Blockchain Center der Frankfurt School of Finance & Management tätig und vermittelt hier den Studenten die steuerliche Sicht auf Kryptowährungstransaktionen.

Klaus, was macht CrypoTax genau bzw. welche Rolle hast Du im Kreise der Blockchain-Experten eingenommen?

Wir sind ein LegalTech-Start-up aus München, das sich auf steuerliche Implikationen der Blockchain spezialisiert hat. Unser Kerngeschäft ist eine Multishore-Tax-Reporting-Anwendung für Retailinvestoren in Deutschland, der Schweiz und den USA, mit der diese Steuerreports für ihre Kryptogeschäfte erstellen können. Die Tax Engine ist zudem als API-Schnittstelle für Finanzdienstleister verfügbar, die ihren Kunden Steuerreporting als Service anbieten wollen. Außerdem haben wir neuerdings einen Steuerdatenfeed für Krypto-Assets im Angebot und arbeiten mit ausgewählten Security-Token-Plattformen an einer Kapitalertragssteuerlösung. Die fachliche Grundlage unserer SaaS-Produkte haben wir zusammen mit der KPMG AG entwickelt, insoweit verfügen diese über eine entsprechende Zertifizierung.

Durch meinen fachlichen Hintergrund in der Steuerberatung im Financial-Services-Bereich und meinen engen Bezug zur jungen Assetklasse der Blockchain-basierten Vermögenswerte liegt mein Schwerpunkt auf juristischen, insbesondere steuerrechtlichen Fragestellungen und den damit einhergehenden Implikationen in der Praxis.

Welche Rolle spielt die Blockchain im Finanzsektor heute?

Bei den traditionellen Playern ist die Blockchain allenfalls als Medium unkonventioneller Vermögenswerte angekommen, was durch die Neuartigkeit der Technologie und die Schwerfälligkeit bestehender Banken-IT-Systeme nicht verwunderlich ist. DLT-Technologien wie die Blockchain beschränken sich daher bei interessierten Marktteilnehmern auf einen Proof of Concept und Pilotprojekte, die abgekoppelt vom Kerngeschäft entstehen.

Wo siehst Du die Potenziale der verteilten Datenbanktechnologien (DLT) allgemein mit Blick auf die nächsten Jahre? Wie kann der Finanzsektor hiervon profitieren?

Meines Erachtens wird es – wie bei jeder neuen technologischen Entwicklung – Gewinner und Verlierer geben. In Bezug auf das originäre Bankengeschäft verspricht der Einsatz von Datenbanktechnologien hauptsächlich Effizienzvorteile, zum Beispiel im Interbankenzahlungsverkehr. Diese auf Effizienz ausgerichteten Einsatzgebiete sind jedoch im Ergebnis eher mit allgemeinen Digitalisierungsbemühungen vergleichbar.

Das „disruptive“ Potenzial der Blockchain wird sich daher eher im Dienstleistungsbereich zeigen, der sich bereits in den letzten Jahren von den Banken weg hin zu spezialisierten Anbietern entwickelt hat. Dort entstehen neue Geschäftsmodelle bzw. Möglichkeiten für Start-ups, Finanzdienstleistungen anbieten zu können, ohne von bestehenden Oligopolen abhängig zu sein.

Mit welchen Anwendungsfällen hat Eure Firma gute Erfahrungen gemacht, welche Ideen musstet Ihr wieder verwerfen? Siehst Du in der Technologie Alternativen zur klassischen Blockchain?

Da wir lediglich mit den Transaktionsdaten unserer Kunden arbeiten, die On- und Off-Chain entstehen, gibt es bisher bei uns kein Anwendungsgebiet für Blockchain oder andere DLT. Allenfalls bei der Beschaffung der On-Chain-Daten greifen wir auf öffentliche Blockchains zu, um den Ledger auszulesen. Ferner ist es schwer, eine allgemeingültige Aussage für diese Fragestellung zu geben, denn verschiedene Use Cases erfordern unterschiedliche technische Lösungen. Daher haben verschiedene DLT-Ansätze und auch die Vielzahl an Blockchain-Projekten eine Daseinsberechtigung, ohne sich zwangsläufig kannibalisieren zu müssen.

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Ein häufig erwähnter Anwendungsfall sind Smart Contracts, welche Erfahrungen habt Ihr bei der Nutzung solch intelligenter Verträge gemacht?

Bei uns selbst kam noch kein Smart Contract zum Einsatz. Allerdings konnten wir bei vielen unserer Kunden eine erfolgreiche Anwendung von Smart Contracts im Rahmen von digitalen Finanzierungsrunden beobachten.

Inwiefern ist die Blockchain eine echte Alternative zu konventionellen zentralen Datenspeichern wie den typischen Data-Warehouses?

Die Vor- und Nachteile gegenüber anderen Technologien sind abhängig vom Einsatzgebiet. DLT sind vor allem geeignet, wenn eine auditierbare Knappheit von digitalen Gegenständen benötigt wird, also sichergestellt werden muss, dass digitale Gegenstände nicht beliebig vervielfältigt werden. Ebenso entstehen neue Kooperationsmöglichkeiten zwischen Unternehmen, die bisher nur durch vertrauenswürdige Intermediäre möglich waren. Kommt es hingegen ausschließlich auf eine innerbetriebliche Effizienzsteigerung an, ist eine einfache zentrale Datenbank in der Regel wohl das effizientere Mittel.

Wie sieht der Business-Case für Blockchain-Projekte aus, welche Einsparungen, Effizienz- oder Ertragssteigerungen ergeben sich?

Da die Blockchain als Technologielösung nur das Werkzeug zur Umsetzung der Geschäftsidee darstellt, gibt es nicht per se „den Blockchain-Business-Case“. Letztendlich ist jedem Projekt zu raten, nicht den Business-Case nach der Technologie auszurichten, sondern die beste technische Lösung für einen bestehenden Business-Case zu finden.

Die letzten Jahre des Kryptomarkts haben gezeigt, dass Buzzwords allein kein nachhaltiger Erfolgsgarant sind. Treffen jedoch innovative Ideen, die ggf. erst durch neue Technologien ermöglicht wurden, auf eine passende technische Umsetzung, bietet dies für Projektbetreiber und Verbraucher ganz natürliche Mehrwerte, die sich zu nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen gegenüber bestehenden Marktlösungen und Konkurrenzprodukten entwickeln können.

Wie beurteilst Du die aufsichtsrechtliche Perspektive auf DLT-Technologien?

Die Blockchain ist im Aufsichtsrecht angekommen, und es finden zumindest die richtigen Gespräche mit und in den Aufsichtsbehörden statt. Natürlich ist das deutsche Aufsichtsrecht weniger dynamisch, als viele Marktteilnehmer es sich wünschen. Jedoch ist das Aufsichts- genau wie das Steuerrecht grundsätzlich technologieneutral, daher ist (hoffentlich) davon auszugehen, dass langfristig keine Technologie bevorzugt oder benachteiligt wird, vorausgesetzt, die aufsichtsrechtlichen Zielsetzungen können erreicht werden.

Zu guter Letzt: Was rätst Du Banken und Versicherern im Umgang mit den DLT-Technologien?

Leider gibt es hier wohl kein Patentrezept. Langjährig etablierte Häuser stehen meines Erachtens vor einer Digitalisierungsherausforderung, bei der DLT im Speziellen wohl eher eine untergeordnete Rolle einnehmen. Ich persönlich bin Anhänger der Innovator’s-Dilemma-Theorie von Harvard-Professor Christensen, welche davon ausgeht, dass es für Traditionsbetriebe sehr schwer ist, wahre Innovation zu erkennen und zu schaffen, da deren Umwelt dies nicht aktiv fordert. Ein Weg, dieser Herausforderung zu begeben, ist, den engen Kontakt zu Start-ups zu fördern und sich im Rahmen von Digital-Ventures-Initiativen an passenden Projekten zu beteiligen, ohne sie sofort in die Konzernwelt einzubinden.

Nicht zu unterschätzen sind Kollaborationen zwischen Marktführern verschiedener Branchen, wie zum Beispiel Libra Coin von Facebook, Mastercard etc. Ob diese den bestmöglichen Nutzen für den Verbraucher darstellen, ist fraglich, das Erfolgspotenzial für die Initiatoren ist allein auf Grundlage der unvergleichbar großen Nutzerbasis jedoch sehr wahrscheinlich.

Klaus, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen zu CryptoTax finden Sie auf dem Fintech Hub by zeb.

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Wolfgang Becher

Senior Manager Office München
Autor Moritz Lederer / BankingHub

Moritz Lederer

Manager Office Frankfurt
Autor Alexander Schrimpf / BankingHub

Alexander Schrimpf

Consultant Office München

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