Private Vermögensverwaltung: LIQID – das erste digitale Family Office Interview mit Paul Becker, Mitgründer von LIQID

Beim Stichwort „Family Office“ kommen vielen Menschen auch im digitalen Zeitalter noch vorwiegend schwere Teppiche, Marmorsäulen und vor allem Mindestanlagesummen im sieben- bis achtstelligen Bereich in den Sinn. Das Berliner FinTech LIQID ist angetreten, dies zu ändern, und bietet in Kooperation mit dem HQ Trust eine aktive Portfoliosteuerung ab einer Mindestanlagesumme von nur 250.000 EUR an. Wir hatten die Gelegenheit, uns mit Paul Becker, Mitglied des Gründerteams und Head of Marketing, über die Idee hinter LIQID, die Vorteile einer digitalen Vermögensverwaltung und Herausforderungen im Markt zu unterhalten.

Wir möchten heute etwas mehr über Euch und Eure Unternehmensgründung erfahren. Um zeitlich ganz vorne anzufangen: Könnt Ihr schildern, wie es zu der Gründung von LIQID kam und welche Marktlücke Ihr mit Eurem Unternehmen schließen möchtet?

Vor dem Erfahrungshorizont unseres Gründerteams haben wir das Thema Vermögensverwaltung aus zwei Blickwinkeln in den Fokus genommen: dem von unzufriedenen Privatkunden und dem von Anlageexperten aus der Finanzindustrie. Auf der einen Seite stößt man als Kunde, der einen vertrauenswürdigen Partner für die Verwaltung seines Vermögens sucht, auf eine intransparente, mit sich selbst beschäftigte Industrie, deren beste Dienstleistungen zumeist nur für Hochvermögende zugänglich sind. Auf der anderen Seite sehen sich Bankangestellte und Finanzberater einer hohen Komplexität und geringen Automatisierung bei kundenbezogenen und internen Prozessen gegenüber. LIQID ist unsere Antwort auf diese Probleme. Den Kern unseres Angebots bildet eine voll automatisierte, digitale Plattform, die Anlegern bereits ab 100.000 EUR Zugriff zu Anlagestrategien ermöglicht, in die bisher nur Investoren mit mehrstelligen Millionenvermögen investieren konnten. Darüber hinaus bieten wir einen einfachen und kostengünstigen Zugang zu exklusiven Anlageklassen wie Private Equity.

Ihr bietet neben zwei passiven Portfolios auch ein Portfolio mit aktiver Steuerung („LIQID Select“) durch den HQ Trust an. Wie genau funktioniert die Zusammenarbeit und welche einzelnen Produkte kommen im Rahmen der Portfoliozusammenstellung zum Einsatz?

HQ Trust unterstützt uns als Investment-Adviser. In dieser Funktion ist HQ Trust maßgeblich an der (Weiter-)Entwicklung unserer Anlagestrategien sowie unseres operativen Portfoliomanagements beteiligt. Außerdem war die langjährige Kapitalmarkterfahrung von HQ Trust bei der Entwicklung des Rebalancing-Algorithmus für unsere passiven Anlagestrategien äußerst hilfreich. Bei unserer aktiven LIQID-Select-Strategie umfasst das Aufgabenspektrum von HQ Trust darüber hinaus die taktische Vermögenssteuerung und die Managerselektion.

Die zwei passiven Portfolios weisen auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit klassischen „Robo Advisors“ auf. Inwiefern unterscheidet sich hier Euer Angebot von denen der typischen Wettbewerber?

Mit LIQID Index bieten wir eine besonders kostengünstige passive Strategie, die mit zwei Indexfonds den globalen Kapitalmarkt abbildet. Bei unserer LIQID-Global-Strategie verwenden wir auf der Aktienseite eine BIP-orientierte Gewichtungsmethode. Dieses Konzept bietet einen gewissen Schutz vor regionalen Kapitalmarkblasen. Außerdem werden bei LIQID Global Rohstoffe und Gold als zusätzliche Anlageklassen berücksichtigt. Bei beiden Strategien haben wir auf Anlage- und Sub-Anlageklassen-Ebene feste Werte für die Schwankungsbreite definiert. Werden diese Schwellenwerte verletzt, führen wir am nächstmöglichen Handelstag automatisch ein Rebalancing durch. Dadurch können wir zeitnah und schnell auf Veränderungen reagieren und den Risikopräferenzen unserer Anleger zu jeder Zeit gerecht werden.

Im Rahmen des Registrierungsprozesses werden potenzielle Kunden durch verschiedene Fragen zu ihrer Risikoeinstellung geführt. Ihr arbeitet hier mit der Behavioural Finance Solutions GmbH (BhFS) der Universitäten Zürich und St. Gallen zusammen. Welche Vorteile bietet die Zusammenarbeit für Euch und wie profitiert der Kunde davon?

Bewiesenermaßen ist die strategische Vermögensaufteilung für einen langfristig orientierten Anleger der zentrale Erfolgsfaktor. Mit unserem Anlegertest können wir das Risikoprofil eines Investors ermitteln und somit eine Vermögensaufteilung berechnen, die den Bedürfnissen des Kunden entspricht. Die Zusammenarbeit mit BhFS war bei der Entwicklung unseres Anlegertests sehr hilfreich. Auf Basis langjähriger Studien und Untersuchungen im Bereich Behavioural Finance hat BhFS einen Fragenkatalog entwickelt, der die Risikotragfähigkeit und ‑bereitschaft eines Anlegers sehr genau ermitteln kann. Diese Erkenntnisse sind in den Algorithmus unseres Anlegertests eingeflossen.

Ihr bezeichnet Euch als digitales Family Office. Klassische Family Offices bieten neben der unmittelbaren Geldanlage auch Beratung zu diversen anderen Themen, z. B. zu Steueroptimierung, Grundbesitz oder Erbschaftsfragen. Plant Ihr, Euer Leistungsspektrum in Zukunft auszuweiten oder steht die reine Geldanlage auch zukünftig im Fokus Eurer Leistungen?

Perspektivisch kann unser Angebot u. a. durch externe Kooperationen noch breiter werden. Mit Blick auf die nächsten zwölf Monate konzentrieren wir uns aber derzeit auf die Vermögensverwaltung und Private Equity als alternative Investitionsmöglichkeit.

Gerade im Bereich größerer Volumina verteilen Menschen ihr liquides Vermögen auf mehrere Anbieter und investieren zudem in Sachwerte wie Immobilien. Das Wissen darüber besitzt für die Zusammenstellung eines gut diversifizierten Portfolios eine hohe Relevanz. Macht Ihr Eure Kunden darauf aufmerksam und könnt Ihr dementsprechend die Portfoliozusammenstellung anpassen?

Wir berechnen unseren Kunden im Rahmen ihres uns zur Verfügung gestellten Anlagevolumens eine passende Portfoliozusammenstellung. Im persönlichen Kontakt mit unseren Kunden können wir darüber hinaus je nach Präferenzen und Zielsetzung auch Hinweise zur weiteren Optimierung geben.

Das Mindestanlagevolumen für die Nutzung Eurer Services beträgt 100.000 EUR. Die Anzahl potenzieller Kunden ist damit geringer als die der meisten FinTechs, die sich auf den Retailmarkt konzentrieren. Zudem spricht man häufig davon, dass der „Faktor Mensch“ bei größeren Anlagevolumina eine immer bedeutendere Rolle einnimmt. Welche Marketingmaßnahmen setzt Ihr ein, um diese Zielgruppe auf Euch aufmerksam zu machen, und kann die Mindestanlagesumme in Ausnahmefällen auch unterschritten werden?

Wir konzentrieren uns auf das Affluent-Segment und versuchen unser Angebot bestmöglich an die Bedürfnisse dieser Zielgruppe anzupassen. Deshalb hat die Reduktion der Mindestanlagesummen für uns aktuell eher einen geringen Stellenwert. Der Faktor Mensch ist für uns essenziell. Aus diesem Grund haben wir Anlageexperten, die unseren Kunden bei Bedarf jederzeit zur Seite stehen. Unser Konzept verbindet digitale und reichweitestarke Kanäle mit der Pflege des persönlichen Kundenkontakts, um auf diese Weise einerseits an Bekanntheit zu gewinnen und andererseits nachhaltiges Vertrauen bei unseren Kunden aufzubauen.

Die von Euch verlangten Fees von maximal 1,79 % p. a. inklusive Produktkosten bei aktiver Vermögensverwaltung sind signifikant geringer als der angegebene Marktdurchschnitt. Wie schafft Ihr es, die Kosten so gering zu halten?

Durch unsere Kooperation mit HQ Trust haben wir Zugriff auf kostengünstigere, institutionelle Tranchen. Unsere schlanke Unternehmensstruktur sowie digitalisierte Prozesse ermöglichen es uns zudem, intern massiv Kosten einzusparen und führen letztlich zu einer geringeren Fee für den Endkunden.

Um ein Thema kommt man bei einem Interview im Bankenumfeld leider nicht herum – die Regulierung. Auch FinTechs geraten ja in letzter Zeit stärker in den Fokus der Bankenaufsicht. Gibt es auch für Euch regulatorische Herausforderungen, und wenn ja, wie begegnet Ihr ihnen?

Regulierung ist aus unserer Sicht absolut wichtig und notwendig. Im Interesse unsere Kunden und auch angesichts von MIFID II sowie den damit erwarteten Veränderungen bemühen wir uns derzeit um eine eigene Vermögensverwaltungslizenz (§ 32 KWG), um bereits frühzeitig – vor unserem offiziellen Launch – auf einem soliden regulatorischen Fundament arbeiten zu können.

Zu guter Letzt ein Klassiker: Wo seht Ihr Euch in fünf Jahren, wenn Ihr Eure Pläne so umsetzen könnt, wie Ihr es Euch vorstellt?

Als digitaler Vermögensverwalter verstehen wir uns als wichtigen Teil des Digitalisierungsprozesses in unserer Gesellschaft und im Bereich der Finanzdienstleistung. Aus Sicht eines Privatanlegers ist seit den 1990er-Jahren mit dem Start der Discount-Broker keine substanzielle Entwicklung zu beobachten. Hier setzen wir an und wollen mit unserem Angebot die technologische Entwicklung vorantreiben und unseren Kunden auch in Zukunft eine zeitgemäße Vermögensverwaltung anbieten.

Weitere Informationen zu LIQID finden Sie auf dem Fintech Hub by zeb.

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