Was sind die Wohnformen der Zukunft? Welche Trends werden sich durchsetzen?

Bezahlbarer Wohnraum wird knapper und Trends wie Urbanisierung oder Landflucht werden als mögliche Zukunftsszenarien diskutiert. Was sind die Wohnformen der Zukunft und welche Trends werden sich durchsetzen? Wie entwickelt sich der Markt für Bausparverträge zukünftig?

Die Antworten gibt Mike Kammann, Finanz- und Risikovorstand der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG, im zweiten Teil unseres Interviews zu den Perspektiven des Wohnimmobilienmarkts und des Bausparens.

Nachhaltigkeit und Wohnen der Zukunft

Der Wunsch nach nachhaltigem Bauen und Wohnen hat in den letzten Jahren einen immensen Auftrieb bekommen. Nicht zuletzt wegen der stark gestiegenen Energiepreise sehnen sich Verbraucherinnen und Verbraucher nach neuen Alternativen und erwarten von den Banken nachhaltige Lösungsangebote.

Interview mit Mike Kammann, Finanzvorstand der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG und Mitglied der Geschäftsführung der Schwäbisch Hall Kreditservice GmbH
Mike Kammann ist Finanz- und Risikovorstand der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG

Herr Kammann, was müssen Baufinanzierer unternehmen, um die nachhaltige Transformation mitzugestalten? Wie begleitet die Bausparkasse Schwäbisch Hall den nachhaltigen Wandel?

Deutschland kann seine Klimaziele nur mit dem Gebäudesektor, der für rund 30 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich ist, erreichen. Rechnerisch muss dafür bis 2030 jede zweite Immobilie CO2-neutral sein. Expertinnen und Experten rechnen mit einem Investitionsbedarf im Gebäudebestand von bis zu 5 Billionen Euro bis 2045. Das bedeutet eine Verfünffachung der bisherigen jährlichen Investitionen in energetische Modernisierung.

Doch noch liegt ein langer Weg vor uns: Der Wohngebäudebestand ist überaltert, 67 Prozent wurden vor der ersten Wärmeschutzverordnung aus dem Jahr 1979 erbaut und 30 Prozent der Bestandsgebäude fallen in die schlechtesten Energieeffizienzklassen G und H. Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, müssen wir den Fokus also auf diesen Gebäudebestand legen.

Der energetische Sanierungsbedarf ist demnach sehr hoch und hat durch die Energiekrise eine noch höhere Relevanz bekommen.

Die gute Nachricht lautet: Bei den Eigentümerinnen und Eigentümern besteht eine hohe Investitionsbereitschaft. Laut KfW-Energiewendebarometer haben 45 Prozent der Selbstnutzenden bereits in die energetische Optimierung ihrer Immobilien investiert, 31 Prozent planen in den nächsten fünf Jahren energetische Modernisierungen.

Wir als Schwäbisch Hall wollen Treiber dieser nachhaltigen Transformation sein.

Hier setzen wir konkret an, indem wir aktuell bereits über 1.000 unserer Mitarbeitenden im Außendienst zu Zertifizierten Modernisierungsberaterinnen und -beratern ausgebildet haben und diese Kompetenz auch weiter ausbauen. Diese Beraterinnen und Berater wissen, wie man eine alte Immobilie energetisch auf Vordermann bringt, lotsen unsere Kundinnen und Kunden sicher durch den Förderdschungel und haben ein gutes Netzwerk an geeigneten Handwerkern in ihrer Region. Außerdem geben wir unserem Außendienst die passenden Produkte an die Hand und bieten zum Beispiel spezielle Produkte für energetische Modernisierungen an. Ohnehin fließen zwei Drittel der Bausparmittel traditionell in Bestandssanierungen.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Bezahlbarer Wohnraum wird weiterhin knapper, da die Bevölkerung wächst und die Nachfrage weiter ansteigen wird. Trends wie Urbanisierung oder Landflucht werden als mögliche Zukunftsszenarien diskutiert.

Was sind Ihrer Meinung nach die Wohnformen der Zukunft? Welche Trends werden sich durchsetzen?

Wir sehen zum Beispiel eine Tendenz zur Flucht aus der Großstadt. Grund ist die finanzielle Belastung durch die höheren Kaltmieten bzw. die hohen Immobilienpreise, die viele nicht (mehr) bezahlen können. Hinzu kommen aktuell die hohen Energiepreise. Auch die Pandemie hat den Wegzug aus der Stadt verstärkt. Heute ist es dank mobilen Arbeitens viel einfacher, nicht mehr direkt in der Stadt in der Nähe des Arbeitsplatzes zu leben.

Dass viele Großstädterinnen und Großstädter aufgrund der Preise umziehen, zeigen unter anderem die Ergebnisse einer Umfrage des ifo Instituts und des Immobilienportals Immowelt, laut denen seit Beginn der Coronakrise 14 Prozent der in Großstädten lebenden Personen mit Beschäftigung aus den größten deutschen Städten weggezogen sind. Interessant ist auch: Diese Menschen sind überwiegend in den Speckgürtel sowie in kleinere Großstädte abgewandert und nicht komplett in die Peripherie.

Diese Tendenz zur Stadtflucht gilt vor allem für Familien, die vermehrt ins Umland abwandern. Anders sieht es aber bei jungen Menschen aus: Das IW Köln kommt beispielsweise in einer aktuellen Publikation zum Ergebnis, dass junge Ausbildungssuchende sowie Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger weiter in die Großstadt ziehen.

Ganz unabhängig vom Wohnort wird auch das Energiesparen immer wichtiger. Die gestiegenen Energiepreise haben diesen Trend zusätzlich befördert.

Ein weiterer, bereits angesprochener Trend: Trotz der gestiegenen Immobilienpreise wollen die Deutschen in ihren eigenen vier Wänden wohnen. forsa hat für den Verband der privaten Bausparkassen ermittelt, dass 78 Prozent der 20- bis 49-Jährigen am liebsten im Wohneigentum leben möchten.

Fazit: Die großen Städte sind aufgrund der Preise zunehmend unattraktiv – sowohl für Mieterinnen und Mieter als auch für Käuferinnen und Käufer, vor allem aber für Familien. Das Thema Energiesparen wird immer relevanter und die Bereitschaft für Modernisierungen ist unter den Eigentümerinnen und Eigentümern vorhanden. Und: Der Wunsch nach Wohneigentum ist ungebrochen.

Bausparkasse Schwäbisch Hall – Blick auf die nächsten Jahre

Vor welchen weiteren Herausforderungen steht die Bausparkasse Schwäbisch Hall aktuell/in den nächsten Jahren und wie gehen Sie diese an?

Zunächst: Schwäbisch Hall ist Teil der DZ BANK Gruppe und das Kompetenzzentrum für die private Immobilienfinanzierung in der Genossenschaftlichen FinanzGruppe. Als subsidiärer Lösungsanbieter unterstützen wir die genossenschaftlichen Banken vor Ort in der Marktbearbeitung und stärken die Finanzgruppe im Ausbau ihrer Position als führender Allfinanzanbieter.

Unsere Strategie mit den beiden Kerngeschäftsfeldern Bausparen und Baufinanzierung hat sich gerade unter den aktuell volatilen Rahmenbedingungen bewährt. Wir haben damit für jedes Zinsszenario das passende Angebot.

Doch wir stehen längst nicht mehr nur mit klassischen Finanzdienstleistern in Konkurrenz, sondern vermehrt mit anderen Playern wie Techunternehmen und Vergleichsplattformen. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist dabei, gemeinsam mit den genossenschaftlichen Banken so früh wie möglich an den Kundinnen und Kunden dran zu sein und die Schnittstelle zu ihnen durch die gesamte Kundenreise hindurch abzusichern – und zwar sowohl digital als auch analog.

Um das zu erreichen, schaffen wir aktuell die technischen Voraussetzungen: Wir wechseln unser Kernbankensystem von einer eigenprogrammierten Lösung auf den modernsten SAP-Standard. Außerdem transformieren wir unser Kerngeschäft, indem wir digitales Marketing und Smart Data nutzen, den Omnikanalansatz vorantreiben sowie die Prozesse in Bausparen und Baufinanzierung digitalisieren und weitgehend automatisieren – dabei setzen wir cloudbasierte Lösungen ein.

Wir sehen, wie wichtig digitale Informationen und Zugangswege am Start der Kundenreise bei der Informationsgenerierung und Kontaktaufnahme sind. Auch in der Bearbeitung von Aufträgen ist der Prozess digitalisiert. Aber dazwischen ist die persönliche Beratung – bei der genossenschaftlichen Bank vor Ort oder durch unseren Außendienst – nach wie vor der entscheidende Faktor. Denn die Entscheidung für eine Baufinanzierung ist für die meisten Menschen eine der wichtigsten ihres Lebens. Sie brauchen eine fachkundige Beratung, bei der sie kompetente Antworten auf ihre Fragen bekommen. Dabei ist es egal, ob das Gespräch virtuell oder persönlich stattfindet – aber es sollte durch einen Menschen erfolgen.
Daneben führt auch die hohe Volatilität – Zinssätze und Kosten verändern sich aktuell schnell – dazu, dass die Unsicherheit steigt und die Kundinnen und Kunden die qualifizierte Beratung suchen.

Darüber hinaus etablieren wir neue Geschäftsmodelle mit schnell agierenden Tochterunternehmen, zum Beispiel BAUFINEX, den genossenschaftlichen B2B-Marktplatz für private Baufinanzierung, der sich heute unter den drei größten B2B-Baufi-Marktplätzen etabliert hat, oder das Unternehmen Impleco, den Nukleus für unser Ökosystem rund ums Bauen und Wohnen. Auf wohnglück.de bietet Impleco Verbraucherinnen und Verbrauchern mehrwertschaffenden Content sowie ein Netzwerk aus Dienstleistern zu allen Themen rund ums Bauen und Wohnen. Und das White-Label-Angebot „Persönliche Immobilien Assistentin“, kurz PIA, ermöglicht es den genossenschaftlichen Banken, ihren Kundinnen und Kunden alle Impleco-Services auch direkt auf ihrer eigenen Homepage anzubieten.

Außerdem bleibt Nachhaltigkeit fester Bestandteil unserer strategischen Agenda. Wir nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung in puncto Nachhaltigkeit als Unternehmen ernst und wollen darüber hinaus ein Ermöglicher der Energiewende im Gebäudesektor sein.

Grundlage all unserer Aktivitäten und damit auch unseres Erfolgs sind qualifizierte Mitarbeitende. Sowohl bestehende, die wir halten als auch neue, die wir gewinnen wollen. Auch wenn wir seit Jahren Spitzenplätze beispielsweise beim Top-Employer-Ranking belegen, ist das in Zeiten des Fachkräftemangels kein Selbstläufer. Wir bieten jungen Menschen zum Beispiel attraktive, zukunftsgerichtete Ausbildungsberufe und Expertinnen und Experten spannende Tätigkeiten in klassischen Bankberufen genauso wie im Umfeld modernster Technologien wie Smart Data an. Außerdem legen wir großen Wert auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und fördern diese, unter anderem mit mobilem Arbeiten und Gleitzeit, oder auch Möglichkeiten für Teilzeit und Sabbaticals. Seit mehr als fünfzig Jahren betreiben wir zudem eine eigene Kindertagesstätte, den „Fuchsbau“.

Die Bausparkasse Schwäbisch Hall ist bereits Marktführer in Deutschland. Was möchten Sie in den nächsten Jahren mit Schwäbisch Hall erreichen? Was möchten Sie persönlich noch umsetzen?

Gemeinsam mit unseren Partnern der Genossenschaftlichen FinanzGruppe sind wir Marktführer im Bausparen und unter den Topanbietern in der Baufinanzierung – und das wollen wir auch bleiben. Immer, wenn die Menschen ein Thema rund ums Bauen und Wohnen haben, sollen sie zuerst an uns und unsere genossenschaftlichen Partnerbanken denken.

Dabei wollen wir noch früher und näher an unseren Kundinnen und Kunden dran sein und ihre Bedürfnisse rund ums Bauen und Wohnen bedienen. Wir selbst rüsten uns für die Zukunft des Unternehmens und treiben die digitale Transformation konsequent voran.

Außerdem wollen wir ein attraktiver und fairer Arbeitgeber bleiben, mit spannenden Themen und Projekten für unsere Mitarbeitenden und Führungskräfte.

Kurzum: Wir wollen Kunden, Partner und Mitarbeiter zu Fans machen und dadurch unseren profitablen Wachstumskurs fortsetzen.

Zu guter Letzt – bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: „Bausparen/Baufinanzierung in zehn Jahren ist …“

… weiterhin gefragt, weil Bauen und Wohnen ein zentrales Grundbedürfnis aller Menschen ist.

Lieber Herr Kammann, vielen Dank für den interessanten Austausch! Wir wünschen Ihnen und Ihrem Team weiterhin viel Erfolg!

Wie entwickelt sich der Markt für Bausparverträge zukünftig? Welche Trends wird es geben, die man als Bausparkasse mitgehen sollte?

Und wie wird sich der deutsche Immobilienmarkt entwickeln? Wird es zum Platzen einer Preisblase kommen? Wie werden die Immobilienpreise 2023 aussehen?

Die Antworten gibt uns Mike Kammann im ersten Teil unseres Interviews:

Interview mit Mike Kammann, Finanzvorstand der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG und Mitglied der Geschäftsführung der Schwäbisch Hall Kreditservice GmbH
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Julia Schraut / Redakteurin und Autorin BankingHub

Julia Schraut

Expert Office Berlin
Dr. Madita Amelie Pesch / Autorin BankingHub

Dr. Madita Amelie Pesch

Senior Consultant Office Münster

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