Tokenisierung von Vermögenswerten Wie die Zukunft des Eigentums aussehen wird

Zahlreiche Branchen haben das große Potenzial der Blockchain-Technologie erkannt und beginnen, eigene Anwendungen zu finden. Gerade die Finanzwelt sieht sich mit einer Entwicklung konfrontiert, die ebenso revolutionär sein dürfte wie einst die Einführung der Aktiengesellschaft im 17. Jahrhundert: die Tokenisierung von Vermögenswerten.

Zahlreiche Analysen und Studien des Weltwirtschaftsforums (WEF) gehen davon aus, dass bis 2029 etwa 10 % des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) tokenisiert sein werden – der Wert beläuft sich auf über 10 Trillionen US-Dollar.

Auch in Deutschland hat das Thema Blockchain einiges in Bewegung gebracht. Der Bundestag hat am 14. November 2019 Gesetzesänderungen beschlossen, die Kryptowerte in Deutschland zu einem offiziellen Finanzinstrument mit entsprechender Regulierung machen. Mit der Entscheidung wird die vierte EU-Änderungsrichtlinie zu Geldwäsche in deutsches Recht umgesetzt, und das bestehende Geldwäschegesetz und andere den Finanzsektor betreffende Gesetze (KWG) werden geändert. Ein Meilenstein wurde gelegt.

Was ist Tokenisierung?

Im Endeffekt handelt es um einen digitalen Verbriefungsprozess von Eigentumsverhältnissen an bestimmten Gütern, physischen Gegenständen oder Rechten. Stellen Sie sich das Eigentumsrecht an Ihrem Eigenheim in digitaler Form auf einer dezentralen Datenbank vor. Man kann rein theoretisch alles tokenisieren – ganz gleich ob Staatsanleihen, Sneaker, Gebäudekomplexe oder sogar Lizenzrechte an Musikstücken. Anstatt einer „physischen“ Urkunde „verbrieft“ ein digitaler Token die jeweiligen Besitzverhältnisse.

In erster Linie wird durch Tokenisierung die bestehende Markteffizienz enorm gesteigert. Was sich zunächst nach einem Zitat aus einer BWL-Vorlesung anhört, hat enorme Auswirkungen. Alles, was bis heute an Börsen handelbar ist, wird zukünftig um weitere Anlagegegenstände erweitert. Nicht nur das: Die aktuelle Infrastruktur an sich wird selbst noch effizienter. Zahlreiche Börsen wie die Börse in Stuttgart oder in Frankfurt arbeiten aktuell an der Implementierung der Blockchain-Technologie in die internen Systemen.

 

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Der Fokus liegt in Deutschland auf dem Thema Unternehmensfinanzierung

Blockchain erfährt gerade im Bereich der Mittelstandsfinanzierung eine große Welle der Beliebtheit in Deutschland. Über 99 % aller Unternehmen gehören hierzulande zum Mittelstand.

Eine große Herausforderung, mit der sich KMU heute konfrontiert sehen, ist ein mangelnder Zugang zum Kapitalmarkt. Der wachsende Konkurrenzdruck aus dem Ausland erhöht die Anforderungen an technische Innovationen, die ihrerseits steigende Ausgaben notwendig machen. Ohne externe Finanzmittel können diese Kapitalerfordernisse jedoch nicht gestemmt werden.

Ein Börsengang (IPO) fällt für die meisten Unternehmen aufgrund ihrer beschränkten Größe von vornherein aus. Auch die Platzierung von Schuldscheindarlehen oder Anleihen scheitert häufig daran, dass gerade Banken und Corporate-Finance-Unternehmen für diese Ticketgröße keine angemessene Aufwands-/Ertragsrelation sehen. Sie verdienen einfach zu wenig am Geschäft mit KMU. Das könnte sich bald ändern.

Tokenisierung im Finanzmarkt

Mit der Einführung von „digitalen“ (tokenisierten) Wertpapieren profitieren mittelständische Unternehmen von einer Entwicklung am Finanzmarkt, die sie in die bequeme Lage versetzt, ihre Finanzierungsvorhaben deutlich flexibler umzusetzen.

Heute schon können kleine- und mittelständische Unternehmen (KMU) Anleihen auf Basis digitaler Wertpapiere bis zu einem Emissionsvolumen von 8 Millionen Euro mit einer beschränkten Prospektpflicht emittieren. Der Emittent muss hierfür lediglich ein Wertpapierinformationsblatt (WIB) veröffentlichen. Die Kosten belaufen sich auf einen Bruchteil einer klassischen Anleiheemission.

Auch die Tokenisierung von GmbH-Anteilen wird gerade den Venture-Capital-Markt zukünftig prägen und mehr Investments möglich machen.

Tokenisierung: Die Vorteile überzeugen

Nach der Einschätzung führender Ökonomen und zahlreicher Studien verbirgt sich hinter der Tokenisierung von Vermögenswerten ein Multibillionen-Dollar-Markt. Dieses neue Modell des digitalen Eigentums wird das Finanzsystem effizienter, zugänglicher und globaler machen. Die Finanzwelt von heute könnte schon bald auf den Kopf gestellt werden, denn:

  • Digitale Vermögenswerte machen den komplexen Weg über Banken, Börsen, Vermittler und Zwischenhändler überflüssig und verzichten auf papiergetriebenen Handel. Die Abwicklung von Transaktionen wird also deutlich günstiger und schneller werden.
  • Durch die digitale Nachverfolgbarkeit garantiert die Technologie eine transparente Übermittlung der eigenen Geldmittel und erlaubt eine einfache und schnelle Form der Geldanlage. Mehrtägige Verzögerungen durch Banküberweisungen gehören dank sekundenschneller Transaktionen der Vergangenheit an.
  • Investitionen erfolgen direkt mit eigenen Mitteln in ein Anlageobjekt – z. B. eine Unternehmensbeteiligung, zu der man bislang nur über geschlossene Fonds Zugang erhalten konnte. Dadurch ergeben sich größere Handlungsspielräume sowohl für Emittenten (größerer Liquiditätspool) als auch für Investoren (Erweiterung des Anlagespektrums).
  • Tokenisierung hat das Potenzial, Marktmanipulationen erheblich zu reduzieren, da jede Transaktion transparent, in Echtzeit, redundant, unveränderlich, nachvollziehbar und jederzeit für alle Beteiligten – einschließlich der Aufsichtsbehörden – zugänglich aufgezeichnet wird.

Wie wird sich der Markt entwickeln

Kurzfristig wird Tokenisierung besonders standardisierte Emissionsprodukte betreffen. Dazu gehören grundsätzlich klassisches Eigenkapital in Form von Aktien sowie Schuldscheindarlehen, Anleihen, aber auch Genussrechte. Diese Anlageklassen werden von niedrigen Emissions- und Transaktionskosten profitieren. Gleichzeitig wird die Tokenisierung von aktuell illiquiden und nicht handelbaren Vermögenswerten (z. B. KMU-Beteiligungen oder Immobilien) beschleunigt werden. Diese Entwicklung wird von der Aussicht auf eine schnellere Eigentumsübertragung getrieben sein, die durch den Einsatz der Blockchain-Technologie ermöglicht wird.

Mittel- bis langfristig wird Tokenisierung eine große Bandbreite an Use Cases haben. Das können Projektfinanzierungen sein, die aktuell nur in großen Tranchen vollzogen werden können, aber auch Luxusgüter wie Oldtimer und Kunst. Bitcar beispielsweise ist ein Unternehmen mit Sitz in Singapur, welches es Investoren ermöglicht, Bruchteile eines Portfolios von exotischen Autos zu kaufen. Was auf den ersten Blick wie ein spekulatives Investment aussieht, hat durchaus einen rationalen ökonomischen Hintergrund: Gerade seltene Sammlerstücke haben sich in den vergangenen Jahren – besonders in Krisen – als Anlageklasse erwiesen, die sehr krisenresistent ist. Zudem eröffnet die Tokenisierung physischer Vermögenswerte einem gänzlich neuen Investorensegment eine Anlageklasse, die bislang aufgrund der hohen Einstiegshürden nicht erreichbar war – in Zeiten von Niedrigzinsen und Alternativlosigkeit auf klassischen Finanzmärkten eine gelungene Abwechslung und Ergänzung des eigenen Portfolios.

Nicht nur Investoren, auch Eigentümer profitieren von Tokenisierung. Stellen Sie sich den Eigentümer eines Kunstwerks vor, der kurzfristig Liquidität benötigt: in einer Welt ohne Tokenisierung ein langwieriger Prozess bis hin zur Veräußerung über ein i. d. R. komplexes Auktionsverfahren. Dank der Tokenisierung von Vermögenswerten könnte er nun ein öffentliches Zeichnungsangebot machen, was zuvor prohibitiv teuer gewesen wäre. Wer möchte, kann auch nur 10 % des Eigentumsrechts an seinem Gemälde verkaufen.

Was bedeutet Tokenisierung für etablierte Finanzinstitute?

Und die etablierten Finanzinstitute? Sie sollten schon jetzt analysieren, welche Rolle sie in der zukünftig tokenisierten Wertschöpfungskette spielen. Werden sie als Berater für Emittenten, als Emittenten neuer Anlageprodukte oder als Verwahrer digitaler Vermögenswerte agieren. Der Markt ist noch jung, und noch ist genug Zeit da, die eigene Funktion zu definieren.

Wichtig wird sein, dass gerade Banken und Vermögensverwalter diese Entwicklung aufmerksam beobachten und ihre Rolle im neuen Ökosystem definieren. Gerade junge, digitalaffine Kunden zeigen großes Interesse an der Tokenisierung. Wer zunächst keine eigenen Produkte entwickeln möchte, sollte eine Anbindung von Drittanbietern in Betracht ziehen. Dadurch wird die eigene Wettbewerbsfähigkeit, die Kundenzufriedenheit sowie auch die Entwicklung eines gesunden Ökosystems für digitale Vermögenswerte gefördert.

Die nächsten Schritte werden insgesamt erst einmal in der Weiterentwicklung des rechtlichen Rahmens liegen. Sichere und nutzerfreundliche Verwahrlösungen für digitale Vermögenswerte werden ein maßgeblicher Faktor zur Adoption der Technologie sein.

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Autor Christopher Grätz, CEO von Kapilendo / BankingHub

Christopher Grätz

Geschäftsführer Kapilendo

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