Bonitätsprüfung 3.0 – Eine vollständig digitale Finanzanalyse der Konsumenten Ein Interview mit Stefan Krautkrämer, Co-Founder FinTecSystems

Hi Stefan. Vielen Dank erst mal, dass Du Dir für dieses Interview Zeit genommen hast. Starten wir doch direkt mit der klassischen Einstiegsfrage: Warum habt Ihr FinTecSystems gegründet und welches Kundenproblem habt Ihr im Markt erkannt?

Jeder, der einen Kredit bei einer Bank oder einem anderen Finanzinstitut beantragt, durchläuft vor der Bewilligung einen Kreditantragsprozess. Und dabei spielt die Prüfung der Bonität die zentrale Rolle. Die Bonität wird anhand verschiedener Daten von Auskunfteien (SCHUFA etc.) auf Basis eingereichter Gehaltsnachweise, Mietverträge usw. ermittelt.

Basierend auf persönlichen Erfahrungen haben wir dabei festgestellt, dass in der Durchführung dieser Bonitätsprüfung durch Banken und andere Finanzdienstleister noch erhebliches Potenzial steckt. Das ist uns besonders schmerzlich aufgefallen, als zum Beispiel einer unserer Gründer für ein privates Unterfangen keinen Kredit bei seiner Hausbank erhalten hat. Diesen Umstand konnte sich Dirk Rudolf anfangs nicht erklären, da er nach mehrmaligem Kalkulieren und Überprüfen immer wieder zum gleichen Ergebnis kam – er war liquide genug, um sich den Kredit inklusive Risiken leisten zu können. Erst im Nachgang hatte er festgestellt, dass aufgrund von veralteten und nicht vollständigen Informationen eine schlechte Bonität ermittelt wurde und zur Ablehnung des Kreditantrags geführt hat. Auch mir erging es in einem etwas anderen Fall bei der Beantragung einer Kreditkarte ähnlich. Der Grund: Die derzeitigen Prüfungsmechanismen von Banken beispielsweise errechnen lediglich eine Richtgröße des Liquiditätsrahmens, also nicht den tatsächlich verfügbaren Verdienst zur Kredittilgung. Wir ermitteln daher eine bessere und realistischere Bonität der Kunden, vollständig automatisiert und weitgehend standardisiert. Um diese Richtgröße genauer zu bestimmen, greifen wir auf das Gehaltskonto zu, analysieren dieses automatisiert und ermitteln so die wirklich verfügbare Liquidität der Kunden in Echtzeit.

Ok, das klingt logisch. Und wie sieht dabei Euer Geschäftsmodell aus, wie funktioniert das?

Grundsätzlich legen wir erst mal Wert auf die Einfachheit der Bedienung unserer Lösung. Der Prozess selbst sieht dabei folgendermaßen aus:

An dem Punkt, an dem im Kreditantragsprozess der zur Verfügung stehende Liquiditätsrahmen zur Kredittilgung inklusive der Bonität ermittelt wird, wird unsere Lösung vom jeweiligen Kreditinstitut in den eigenen Prozess integriert. Unsere Lösung fordert den Endkunden nach seiner Einwilligung dazu auf, sich in seinem Onlinebanking anzumelden. Dieser Login-Prozess unterscheidet sich dabei prinzipiell nicht von seinem gewohnten Onlinebanking-Login. Nachdem der Kunde sich dann erfolgreich angemeldet hat, werden die Kontoumsätze bis zu 360 Tage lang vollautomatisiert kategorisiert und eine digitale Haushaltsrechnung erstellt. In dieser sind dann die relevanten Zahlungsein- und ‑ausgänge nach unterschiedlichen Kategorien zusammengefasst und gewichtet. Anschließend wird diese digitale Zusammenfassung, die nur die relevanten Informationen für einen Kreditantragsprozess enthält, an das jeweilige Kreditinstitut zur Kreditentscheidung versendet.

Und wie sieht dabei Euer Ertragsmodell aus?

Das ist in erster Linie abhängig vom Umfang unseres Leistungspakets. Da wir flexibel auf unterschiedliche Kundenwünsche und -anforderungen eingehen, haben wir auch keine standardisierten Servicepreise. Grundsätzlich erhalten wir – ähnlich wie klassische Auskunfteien – eine Gebühr oder Provision von den Instituten. Dabei kann es sich auch um transaktions- oder nutzerabhängige Gebühren handeln.

Lasst uns einmal über die Technik sprechen: Eure integrierte Lösung bei den jeweiligen Instituten läuft vermutlich vollautomatisiert?

Ja, unsere Lösung, die wir „accourate“ nennen, läuft in Echtzeit ohne Speicherung von Umsatz-, Kontakt- oder anderen personenbezogenen Daten. Dabei sind wir nur der Prozessor, die Finanzinstitute sind die datenschutzrechtlich relevanten Unternehmen. Die Übermittlung der Daten (von der Zusammenfassung der kreditrelevanten Daten bis zur Aufbereitung und Analyse) funktioniert bei uns vollautomatisiert. Wie allerdings der Prozess der Weiterverarbeitung in der Bank abläuft, hängt nicht mehr von uns ab.

Gibt es dabei Konfrontationen mit regulatorischen Anforderungen?

Ganz im Gegenteil! Die Regulatorik legitimiert unsere Lösung. Gemäß PSD2 ist der Zugriff der Banken auf Drittanbieter wie uns gewollt und gefordert. Dabei steht der Schutz der Kunden im Vordergrund, denn diese sollen in die Lage versetzt werden, Transparenz über Entscheidungen der Geldhäuser zu erlangen. Mit unserer Lösung schaffen wir genau diese Transparenz, da wir das tatsächliche Zahlungsverhalten der Endkunden auswerten.

Lasst uns nun auf Kooperationen zu sprechen kommen. Zuerst, wie funktioniert bei Euch ganz grundsätzlich eine Kooperation?

Da wir derzeit als reines Daten- und Analysehaus kein Front-End-Produkt anbieten, sind wir natürlich auf Kooperationen bzw. Kreditinstitute als Kunden angewiesen. Momentan haben ca. 50 Partner unsere Lösung im produktiven Einsatz.

Dabei funktioniert die Integration unserer Lösung in bestehende Prozesse und IT-Landschaften üblicherweise sehr schnell, da wir die unterschiedlichsten Schnittstellen der jeweiligen Institute bedienen und unsere White-Label-Lösung schnell an grafische Kundenwünsche anpassen können.

Könnt Ihr uns auch über ein paar Erfahrungsberichte Eurer Kunden Auskunft geben? Können diese nun zum Beispiel schneller und eine größere Anzahl an Krediten vergeben oder fallen nun weniger neu abgeschlossene Kredite aus, da die Selektion genauer ist?

Hier haben wir von verschiedenen Kunden bisher nur positive Rückmeldungen bekommen. Die Novum Bank hat uns beispielsweise die Rückmeldung gegeben, dass sie unter anderem mit unserer Lösung die Kreditabschlussraten verdoppelt haben. Die DKB bzw. SKG berichten ebenfalls von ansteigender Tendenz in den Abschlüssen. N26 kann mit unserer Hilfe nun einen Online-Dispo anbieten, bei dem natürlich der einfache und schnelle Abschluss im Vordergrund steht. Mit unserer Lösung kann N26 nun innerhalb von fünf Minuten den Kreditantrag vollständig bearbeiten und abschließen. Das Gleiche gilt für smava und Cashpresso, für die wir ebenfalls die Bonitätsprüfung für Instant-Kredite übernehmen. Generell wird uns bestätigt, dass wir die Banken in die Lage versetzen, eine deutlich bessere Bonitätsbewertung auf Basis einer trennschärferen Haushaltsrechnung zu betreiben.

Könnt Ihr uns auch Insights über Erfahrungsberichte aus Endkundenperspektive geben? Also den Kunden der Banken bzw. Finanzdienstleister, die letztlich mit Eurem Service in Kontakt kommen?

Erst mal können wir eine spürbar wachsende Bereitschaft der Endkunden erkennen, den Banken (und somit uns) Zugang zu ihren Konten zu gewähren, da sie vom Markenversprechen und Mehrwert der fairen Analyse überzeugt sind. Fast zwei Drittel der Kunden der DKB sind beispielsweise bereit, solche Angaben zu tätigen, um eine verbesserte Ermittlung ihrer Bonität zu erlangen. Allerdings bewertet der Endkunde diesen Service als Leistung der Bank, da FinTecSystems ein reiner White-Label-B2B-Anbieter ist, sprich der Endkunde sieht immer nur das Interface der Bank.

Wie ist denn Eure grundsätzliche Einschätzung zum Wettbewerb auf dem Markt und der Konkurrenzsituation? Und was ist in diesem Markt Euer Alleinstellungsmerkmal?

Den Markt bezeichnen wir als sehr heterogen, was an den äußerst unterschiedlichen Systemen und Anbindungsmöglichkeiten der Finanzinstitute liegt. Das heißt, es existieren keine Standardschnittstellen, mit denen sich sämtliche Systeme der Kunden auf die gleiche Weise anbinden lassen. Außerdem läuft die technische Anbindung von Girokonten verschiedener Banken sehr unterschiedlich. Zusätzlich ist der Datenoutput der Finanzdienstleister uneinheitlich, was eine standardisierte Lösung zur Aufbereitung und Auslesbarkeit für alle Systeme unmöglich macht. Deshalb existieren derzeit mehrere Anbieter, die sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert haben.

Wir hingegen sehen unsere USP genau in der Fähigkeit, de facto alle Schnittstellen unserer Kunden anbinden und somit automatisiert alle Kontobewegungen auswerten zu können. Das liegt unter anderem daran, dass wir über zehn Jahre Erfahrung in der Branche verfügen, da unser Gründerteam vor einigen Jahren SOFORT Überweisung entwickelt hat und wir daraus sehr viele wertvolle Rückschlüsse ziehen können. Daher gewährleisten wir auch eine Bankenabdeckung von rund 99,5 %, was zusammen mit der Qualität der Kategorisierung und der Skalierung über Landesgrenzen hinweg unser wichtigstes Alleinstellungsmerkmal ist. Bislang decken wir Deutschland, Österreich und Spanien ab, weitere Länder folgen. Ferner sehen wir uns als Lösungsanbieter für ganz spezifische Problemszenarien im Banken- und Zahlungsverkehr, wie beispielsweise Zahlungsabsicherung, Beschleunigung sowie Digitalisierung von Finanzierungsanträgen oder Verbesserung von KYC-Abläufen.

Vielen Dank für die Einblicke. Lass uns abschließend noch einen Blick nach vorne werfen. Wie sieht Euer weiterer Zeitplan aus und wo seht Ihr Euch in fünf Jahren?

Wir wollen unsere Position als Technologieführer weiter ausbauen, da unserer Meinung nach eine Konsolidierung im Markt stattfinden wird und wir uns damit weiter absetzen können. Weitere zukünftige Kooperationen, beispielsweise mit Auskunfteien sind sicherlich denkbare Wege. Dabei wollen wir uns zunächst weiterhin auf unser Kerngeschäft fokussieren, also auf die Datenanalyse für unsere Kunden. Theoretisch könnten wir natürlich auch als Front-End-Anbieter auftreten und sozusagen unsere eigene Technik selbst nutzen. Allerdings wäre dieser nächste Schritt, sich beispielsweise als e-commerce-Finanzierer zu positionieren, schon deutlich größer, da wir aufsichtsrechtlich als Kreditgeber über entsprechende Lizenzen verfügen müssten. Ausschließen wollen wir diesen Weg aber auf keinen Fall.

Super, vielen Dank für diesen Ausblick. Wir danken Dir für das äußerst interessante und kurzweilige Interview und wünschen Euch noch viel Erfolg weiterhin!

FinTecSystems, das 2014 in München gegründet wurde, hat sich auf die vollautomatisierte Finanzanalyse auf Basis von Online-Banking-Daten spezialisiert. Mit Hilfe seiner Produktsuite „accourate“, die von Bankkunden in Deutschland und Österreich genutzt werden kann, liefert FinTecSystems von drei Standorten aus eine präzise Analyse zur Kreditfähigkeit von Konsumenten. FinTecSystems befähigt somit Banken, Finanz- und Zahlungsdienstleister in Echtzeit eine Kredit-Entscheidung zu treffen sowie Bonitätsrisiken zu analysieren und zu minimieren. Damit wird der Kreditantragsprozess schneller, einfacher, valider und abschließend digital. www.accourate.io

Weitere Informationen zu FinTecSystems finden Sie auf dem Fintech Hub by zeb.

Christoph Hanschke

Senior Consultant Office Frankfurt

David Meissner

Consultant Office Berlin

Autoren

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit BankingHub immer auf dem Laufenden!

Einfach E-Mail-Adresse eingeben, und Sie erhalten alle 2 Wochen die neuesten Analysen und Berichte unserer Banking-Experten – direkt in Ihr Postfach.