Sind Finanztechnologieunternehmen die neuen Banken? – Ein Interview mit Finastra Banking-as-a-Service stellt Kernbankenanbieter vor neue Herausforderungen

Das 2017 gegründete Finanztechnologieunternehmen Finastra hat sich auf flexible, komponentenbasierte Software für globale Finanzinstitute, Gemeinschaftsbanken und Kreditgenossenschaften im Retail- und Transaction Banking, Kreditgeschäft sowie im Finanz- und Kapitalmarkt spezialisiert. Mit der angebotenen Fusion-Sofware-Architektur und den Cloud-Ökosystemen baut das Technologieunternehmen darauf bestehende Kundensysteme über offene Schnittstellen schrittweise zu erweitern.

Wir hatten die Gelegenheit mit Achim Thienel, Senior Manager GSG Core Banking SaaS / Geschäftsführer bei Finastra, über Open Banking in Zusammenhang mit Kernbankensystemen zu sprechen.

Hallo Herr Thienel, schön, dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben. Wie gestaltet Open Banking die Core-Banking-System(CBS)-Landschaft? Wie verändert diese das Geschäftsmodell von Technologieanbietern?

Jan Welsch, Geschäftsführer von S-Kreditpartner / BankingHub,Über standardisierte Programmierschnittstellen (REST-APIs) ermöglicht es Open Banking, verschiedene Lösungen zusammen zu integrieren. Das bedeutet, dass Banken agiler werden und neue Technologien flexibler einbinden können. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, müssen CBS-Anbieter ihre Lösungen noch modularer und offener aufbauen sowie verstärkt auf Cloud-Technologien setzen. Der sogenannte Lock-in-Effekt wird damit der Vergangenheit angehören, und Wechselhürden zu einem neuen Anbieter werden verschwinden.

Dennoch wird es natürlich für Banken weiterhin Vorteile haben, alle CBS-Bestandteile aus einer Hand zu beziehen, um Kosten und Komplexität ihrer IT-Landschaft gering zu halten.

Was bedeutet BaaS für CBS-Anbieter? Wie positioniert sich Finastra in diesem Trend?

Banking-as-a-Service stellt die CBS-Anbieter vor die Herausforderung, einen Spagat zu leisten: zwischen stabilen, leistungsfähigen CBS-Lösungen mit umfassenden Funktionen für alle Bereiche des Bankings einerseits und den aktuellen technischen Neuheiten von künstlicher Intelligenz bis Blockchain andererseits. Denn nur die Kombination aus Verlässlichkeit, gewohntem Komfort und Lösungen am Puls der Zeit kann Banken bei ihren aktuellen Herausforderungen unterstützen.

Wir bei Finastra sehen hierbei enormes Potenzial im Plattformmodell. Über unser Ökosystem FusionFabric.cloud können Banken ihre Kernbankenlösungen über offene Schnittstellen andocken und innovative FinTech-Lösungen integrieren. Unser Entwicklungsportal als Teil der Plattform beschleunigt das Software-Development dabei immens, da nicht für jede Anwendung ein neuer Quellcode geschrieben werden muss. Stattdessen lassen sich Apps auf der Basis bestehender Softwaremodule und visueller Tools erstellen.

Ein App-Store nach dem Vorbild von Apple oder Google liefert Banken, FinTechs und Entwicklern einen gemeinsamen Marktplatz, um Apps anzubieten und einem breiteren Nutzerkreis zugänglich zu machen. Natürlich sind alle Apps in diesem Ökosystem flexibel mit den Kernbankenlösungen kombinierbar.

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Sehen Sie eine Bedrohung für etablierte Banken mit dem Markteintritt von Nichtbanken als BaaS-Anbieter? Gibt es auch Chancen für Banken?

Nichtbanken wie Google, Apple, Facebook oder Amazon (GAFA) versuchen aktuell, mit verschiedenen Projekten, den BaaS-Markt zu revolutionieren. Ihr Vorteil liegt dabei in ihrer Reichweite sowie in der reibungslosen User-Experience bei den Endkonsumenten. In naher Zukunft werden sich diese Nichtbanken vor allem auf den Zahlungsverkehr konzentrieren, weil dieser ihrem Kerngeschäft am nächsten liegt.

An deren Schnittstellen steht zwar am Ende immer noch der Saldenausgleich über eine klassische Bankverbindung, doch perspektivisch ist es denkbar, dass Google und Co. auch komplette Finanzprozesse neu definieren. So wie Uber die Taxizentralen überflüssig macht, könnten GAFA z. B. die zwischen Kreditnehmern und Geldgebern sitzende Bank ersetzen.

Aber auch die Kooperation ist eine Möglichkeit. So hat sich Google vor Kurzem mit der Citigroup zusammengetan, um künftig Girokonten anzubieten. In einigen Märkten sehen wir aber auch, wie Banken mit Anbietern von sogenannten Super-Apps zusammenarbeiten. Das sind Apps, die zahlreiche Funktionen unter einer Benutzeroberfläche vereinen, wie etwa WeChat. Kürzlich hat beispielsweise die thailändische Super-App Gojek eine Kooperation mit der Siam Commercial Bank verkündet.

Finanzinstitute müssen das disruptive Potenzial erkennen und eine geeignete Strategie entwickeln, um künftig noch eine Rolle am Markt zu spielen. Sie stehen daher am Scheideweg: Sie können sich auf komplexe Nischenprodukte spezialisieren, die für Nichtbanken eher unattraktiv sind. Oder sie müssen einen Weg finden, sich technologisch von Grund auf zu modernisieren, um sich entweder selbst agiler und kundenzentrierter aufzustellen oder mit den Big Playern kooperieren zu können.

Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach CBS-Anbieter im BaaS-Markt spielen?

Kernbankensysteme bleiben wichtiger Bestandteil des Bankings, auch im Rahmen von Banking-as-a-Service. Doch die Anbieter müssen ihre Systeme an die neuen Anforderungen der Kunden anpassen, für neue Technologien öffnen und innovative Services mit dem Kunden im Mittelpunkt vorantreiben. Nur mit einem offenen und leistungsstarken Core-Banking-System ist das möglich. In diesem Sinne können CBS-Anbieter Banken dabei unterstützen, sich moderner aufzustellen und auch in Zukunft mit der Customer-Experience von Nichtbanken konkurrieren zu können.

Wir bei Finastra sehen darin auch unsere Stärke und unsere Aufgabe. Denn mit unserer cloudbasierten Core-Banking-Lösung und der innovativen Bankenplattform FusionFabric.cloud bilden wir die Basis, mit der Finanzinstitute flexibel neue Technologien in ihr bestehendes System integrieren können.

Könnten CBS-Anbieter in einer entwickelten BaaS-Welt Ihrer Meinung nach zunehmend anfangen, Bankdienstleistungen anzubieten (d. h. selbst zur Bank zu werden)? Wie würde sich das konkretisieren? Sehen Sie bereits Anzeichen dafür?

Grundsätzlich möchte ich diese Frage mit ja beantworten – zumindest was das Anbieten von Bankdienstleistungen angeht. Im Grunde genommen sind die Unternehmen, die BaaS auf Basis ihrer CBS-Systeme anbieten, schon auf dem halben Weg dahin. Das gilt auch für Finastra. So sind zumindest technologienahe Dienstleistungen schon heute Teil unseres Angebots. Beispiele sind Application Operations, Upgrade-Services oder die Überwachung von Schnittstellen.

Der nächste konsequente Schritt ist es, bankfachliche Dienstleistungen zu erbringen. Es ist ein Trend erkennbar, dass auch diese zunehmend angefragt werden. Abhängig von der Art dieser Leistungen ist hierfür eine Banklizenz notwendig. Aber auch mit einer solchen Lizenz werden die CBS-Anbieter nicht zu Konkurrenten ihres Kundenstamms, indem sie selbst zu einer operativen Bank werden. Vielmehr würde diese lediglich zur Erweiterung des Lösungsportfolios dienen.

Wie sind CBS-Anbieter besser für eine Orchestratorrolle in einer BaaS-Plattform gerüstet als etablierte Banken? Und wo liegen die Vorteile der Banken gegenüber CBS-Anbietern?

Wollen Banken eine zentrale Bankingplattform aufbauen, können sie gezielt bestimmte Anwendungen nachfragen. Eine so entstehende Symbiose erfüllt meist einen sehr spezifischen Zweck – beispielsweise eine Lösung für das Onbording über Videochat. Damit ist aber die Reichweite der Plattform auf die Kundenbasis der Bank beschränkt. Der Orchestrator einer Banking-as-a-Service-Plattform sollte jedoch in der Lage sein, allen beteiligten Akteuren Vorteile zu bieten.

Banken sollten eine große Auswahl innovativer Apps vorfinden, mit denen sie ihre bestehenden Lösungen ergänzen, auf ein aktuelles technologisches Level heben und ihre Kunden begeistern können. Die Anbieter der Apps, also FinTechs und selbstständige Entwickler, wollen aber ihre Anwendungen einer breiten Kundenbasis anbieten. Hier haben CBS-Anbieter einen entscheidenden Vorteil gegenüber Banken in der Orchestratorrolle. Stellen sie einen Marktplatz bereit, auf dem Entwickler ihre Apps mehreren Banken zur Verfügung stellen können, ist dies deutlich attraktiver. So kann auch eine kritische Masse an Akteuren entstehen, die immer mehr Banken und mehr FinTechs anlockt, auf einer Plattform zusammenbringt und ein Ökosystem für das Banking der Zukunft kreiert.

Damit sind wir am Ende des Interviews angekommen. Vielen Dank für das interessante Gespräch und die spannenden Einblicke!

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Nikola Jelicic

Senior Manager Office Wien
Autor Gabriel Motta Gomes / BankingHub

Gabriel Motta Gomes

Senior Consultant Office Wien

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