Post Corona – das (Wirtschafts-)Leben nach der Pandemie Auswirkungen der „Lockdown-Politik“ für Wirtschaft und Banken

Wir erleben derzeit eine Weltwirtschaft im durch die Corona-Krise verordneten Pausenstand, verbunden mit erheblichen Wohlstandsverlusten und der Gefahr gesellschaftlicher Verwerfungen. Die Zukunftsbilder schwanken zwischen „größter Rezession seit hundert Jahren“ und „neuer Renaissance“.

Sicher ist nur: Ein einfaches „Back-to-normal“ wird es nicht geben. Und Banken gehören diesmal zu den Rettungsakteuren.

Der Artikel im Überblick:

Historisches Experiment – globaler „Lockdown“

Die Corona-Krise hält die Welt in Atem. Laut WHO gilt Europa inzwischen als Epizentrum der Pandemie. Um unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren und Schlimmeres für die Gesellschaft zu verhindern, ergreifen Staaten weltweit bisher nie da gewesene Maßnahmen: Grenzen werden geschlossen, die Wirtschaft wird auf Minimalbetrieb heruntergefahren und das gesellschaftliche Leben stillgelegt.

Die wirtschaftlichen Folgen eines solchen „Lockdown“ sind bisher schwer abzuschätzen. Waren Anfang März noch positive Wachstumsraten für den Euroraum denkbar[1], so stellt sich aktuell die Frage, wie stark die Wirtschaft in eine zumindest kurzfristige Rezession stürzen wird. Nach aktueller Einschätzung der EZB könnte das Bruttoinlandsprodukt im europäischen Währungsraum 2020 durch einen einmonatigen Lockdown um 1,3 % gegenüber dem Vorjahr sinken. Beim durchaus realistischen Fall von drei Monaten wären sogar -5,0 % möglich.

Vergleich zur Finanzkrise 2009

Zum Vergleich: Der Einbruch im Jahr der Finanzkrise 2009 betrug lediglich -4,5 %. Für Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas und starke Exportnation könnten die Folgen weitaus dramatischer ausfallen. Nach einer Szenariorechnung des ifo Instituts könnte eine partielle Stilllegung der deutschen Wirtschaft für zwei Monate ein negatives Wirtschaftswachstum für 2020 zwischen 7,2 % und 11,2 % sowie einen entsprechenden Wertschöpfungsverlust von 255 bis 495 Mrd. EUR verursachen. Bei drei Monaten wäre sogar ein Wachstumseinbruch von 20,6 % möglich[2] – in jeglicher Hinsicht eine Entwicklung historischen Ausmaßes.

Aktuell rechnen viele Ökonomen noch mit einer Erholung der Wirtschaft innerhalb der zweiten Jahreshälfte und, durch Nachholeffekte bedingt, mit entsprechend positiven Wachstumsraten für 2021. Ob dieser Heilungsprozess so einsetzen wird, hängt allerdings sehr stark von der Länge der aktuell verordneten wirtschaftlichen Zwangspause ab, d. h. von der Zeitspanne zwischen Lockdown und langsamem kontrolliertem Hochfahren. Je länger es dauert, desto unwahrscheinlicher wird ein solcher konjunktureller V-Effekt.

Welchen Preis zahlen wir für die wirtschaftliche Genesung?

Die Bundesregierung wird in diesem Jahr Milliarden in den Schutz der deutschen Wirtschaft investieren. Mit dem nach eigenen Aussagen größten Hilfspaket der Geschichte wird die Bundesregierung zusätzliche Kredite in Höhe von 156 Mrd. EUR aufnehmen. Dies entspricht einer Größenordnung von ca. 4,5 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und erhöht den bisher geplanten Bundeshaushalt um satte 43 %. Mit einer Verschuldungsquote von knapp unter 60 % des eigenen BIP ist dies in dieser besonderen Situation aber noch verkraftbar. Einen solchen Spielraum haben andere europäische Länder allerdings nicht.

Solche massiven staatlichen Ausgabenprogramme können auf den Kapitalmärkten zum Risiko werden. Gerade hoch verschuldete Länder wie Italien können diese Last möglicherweise nicht weiter tragen, wenn zunehmender Vertrauensverlust die Risikoaufschläge für Staatsanleihen und damit die Refinanzierungskosten der Länder in die Höhe treibt. Die EZB hat zwar mit ihrem neuen 750 Mrd. EUR Anleihekaufprogramm PEPP[3] einen möglichen Rahmen geschaffen, dennoch besteht die Gefahr, dass die Bekämpfung der Corona-Pandemie eine neue Eurokrise hervorruft.

Es stellt sich die Frage, mit welchen Maßnahmen wir die Dauer der „Lockdown-Wochen“ verkürzen können und gleichzeitig die Effektivität des Gesundheitsschutzes verbessern. Das Festhalten an einer einfachen „Lockdown-Politik“ mit den Nebenwirkungen sozialer und wirtschaftlicher Verwerfungen ist nicht alternativlos. Die Debatte hat gerade begonnen.

Finanzindustrie – Teil der Lösung nach Corona

Eine Wirtschaft im Pausenstand heißt für viele Akteure wegbrechende Erträge/Einkünfte und negative Cashflows. Der Zeitpunkt ihrer Insolvenz ist dann abhängig von der Dauer des verordneten Stillstands sowie der Höhe der Liquiditätsreserven und Kreditlinien.

Jetzt kommen die Rettungsakteure auf die Bühne

Notenbanken, wie z. B. die EZB mit ihrem Anleihekaufprogramm PEPP und neuen Refinanzierungsprogrammen für Banken, um die Liquidität der Märkte zu sichern; Regierungen mit diversen Notfallprogrammen, um Firmen und Haushalte nicht ins Bodenlose fallen zu lassen; und Banken und Sparkassen als Arm der öffentlichen Hand bei der Prüfung und Durchleitung von Krediten/Hilfen sowie als Hausbank und Partner ihrer Kunden.

Eine partnerschaftliche Positionierung ist für Sparkassen und Genossenschaftsbanken nicht erst in Notzeiten Teil ihres gesetzlichen Auftrags. Aber auch private Geschäftsbanken sind dem Zielbild des „good citizenship“ verpflichtet. Darüber hinaus ist es in dieser Krise höchst rational, Regenschirme für alle Firmen und Haushalte auszuteilen, deren Geschäftsmodell tragfähig ist. Denn von einer gemeinsamen Stützungsaktion mit fairer Lasten- und Risikoteilung profitieren nicht zuletzt die Banken. Die Alternative wären hohe Insolvenzquoten und Wertberichtigungen auf das Kreditbuch wie in der Dotcom-Krise zu Beginn des Jahrtausends.

Bleibt die Frage, ob Banken und Sparkassen stark genug sind, ihre Kunden zusammen mit dem Staat und der EZB abzuschirmen?

Die operative Ertragskraft der Banken war in den zurückliegenden Jahren nicht üppig. Aber im bilanzbezogenen Geschäft wird die Topline (Ertragsbasis) in diesem Jahr nicht wegbrechen, vielleicht im Gegenteil. Kunden werden ihre Kreditlinien verstärkt nutzen, und es wird zu deutlichen Margenausweitungen kommen. Der Bondmarkt mit seinem Spreadanstieg weist die Richtung. Der Knackpunkt wird das Bewertungsergebnis werden. Neben Abschreibungen auf das Wertpapierbuch werden wir eine Wiederkehr von Einzelwertberichtigungen auf Kreditengagements sehen. Das Ausmaß ist abhängig vom Erfolg der Rettungsakteure.

Zwei mögliche regulatorische Showstopper wären noch zu überprüfen

Liquidität und Eigenkapital. Banken und Sparkassen haben ihre Liquiditätspuffer und ihre Eigenkapitalbasis nach der Finanzmarktkrise bekanntlich deutlich gestärkt und an Widerstandskraft gewonnen. Bei starker Beanspruchung der Betriebsmittelkredite, bei Einlagenabflüssen und Verzögerungen bei der KfW-Refinanzierung kann es zu einem Unterschreiten regulatorischer Liquiditätskennziffern (v. a. LCR) kommen. Der RWA-Auftrieb durch Kreditwachstum, verschlechterte Kundenbonitäten, wachsende NPL-Portfolios etc. kann ebenfalls bei einigen Instituten perspektivisch zu Eigenkapitalengpässen führen. Die Aufsicht (EBA, EZB, BaFin, Bundesbank) hat aber bereits eine hohe Kooperationsbereitschaft signalisiert und bestimmte Entlastungen angekündigt. So dürfen Banken temporär Kennzahlen wie die Liquiditätsdeckungsquote (LCR), den Kapitalerhaltungspuffer oder die „Pillar 2 Guidance“ unterschreiten.

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Kipppunkte – geschichtliche Umbruchphasen als Katalysator

Der globale Lockdown soll verhindern, dass die Menschheit erneut die Folgen einer Pandemie wie der Spanischen Grippe oder der Pest erleben muss. Das ist gut und richtig so. Doch es erwachsen auch Chancen aus solchen globalen Krisensituationen, weil sie Gesellschaften zu fundamentalen Richtungsentscheidungen provozieren. Im Jahr 1346 erreichte die Beulenpest, der Schwarze Tod, den Mittelmeerraum und Nordeuropa. Händler aus China, die auf der Seidenstraße herbeigereist waren, schleppten die Erreger ein. Die Seuche tötete, wo immer sie auftrat, etwa die Hälfte der Bevölkerung.[4]

Doch die Pest hatte auch einen umwälzenden Effekt auf Wirtschaft und Gesellschaft. Der massive Arbeitskräftemangel erschütterte die damals vorherrschende Feudalordnung in ihren Grundfesten. Insbesondere in England war es der Beginn einer inklusiven Wirtschaft, der Marktwirtschaft. Diese grundlegenden Veränderungen führten letztlich mit der „Glorious Revolution“ 1688/89, dem Sieg über den königlichen Absolutismus in England, zum Beginn westlicher Demokratien. Es folgten Aufklärung, Humanismus und industrielle Revolutionen.[5] Dank dieser Veränderungen leben wir seit über 150 Jahren in einem vorher nie da gewesen Wohlstand für die Breite der Bevölkerung.[6]

Die COVID-19-Krise ist in keinerlei Hinsicht vergleichbar mit der Pest. Aber die sich auftürmenden Schuldenlasten befinden sich auf Kriegsniveau, und die aufziehende Rezession wird die Verteilungskämpfe in der Gesellschaft verschärfen. Dazu kommen die Herausforderungen der Migration und das eigentliche Jahrhundertthema, der Klimaschutz. Möglicherweise stehen wir also auch jetzt an einem „tipping point“ für unsere Gesellschaftsordnung.

Die Corona-Krise macht deutlich, wie fragil unser global ausgerichtetes Wirtschaftssystem ist. Unternehmen sind gezwungen, ihre Wertschöpfungsketten neu zu justieren und gegebenenfalls deutlich zu verkürzen. Die drohende schwere Rezession in bereits durch schlechte Regierungspolitik und Finanzmarktkrise gebeutelten südeuropäischen Staaten könnte zu einem Wiederaufkeimen der strukturellen Probleme im europäischen Währungsraum führen und bestehende Schwachstellen gnadenlos offenlegen. Weltweit könnte das Vertrauen in den internationalen Zusammenhalt weiter sinken und nationales Handeln sowie „deglobalisierende“ Tendenzen verstärken. Im Extremfall würde das Coronavirus zu einem „populistisch-patriotischen Virus“ mutieren, wie es in den letzten Jahren unter anderem durch den Brexit und Donald Trumps „America first“-Politik zum Ausdruck gekommen ist.

Wenn demokratische Institutionen, globaler Ideenaustausch und Handel sowie grenzübergreifende Lieferketten beschädigt werden, kann dies langfristig höhere Wohlstandsverluste erzeugen als die Corona-Pandemie selbst.

Aber auch eine gegenteilige Entwicklung ist durchaus möglich. Globale Herausforderungen brauchen globale Institutionen und Prozesse zur Problemlösung. Die Weltgemeinschaft hat die Finanzmarktkrise 2008 durch den G20-Prozess vorbildlich gemeistert und könnte es auch in diesem Fall durch koordiniertes Handeln tun. Die Welt könnte durch die Krise wieder näher zusammenrücken. Für Europa wäre es eine Chance, überfällige Strukturveränderungen durchzusetzen und das Vertrauen in die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion sowie deren Mechanismen zu stärken.

Die aktuellen Ereignisse könnten aber auch unsere Gesellschaft nachhaltig verändern, die Art, wie wir konsumieren, reisen oder arbeiten. In den kommenden Monaten wird sichtbar werden, was in unserer Gesellschaft möglich und wirklich wichtig ist – und was nicht. Diskussionen hinsichtlich der Vergütung von Pflegekräften oder einer Neuordnung der Krankenhauslandschaft werden eine andere Richtung bekommen. Regionale Produkte und lokale Onlineshops erlangen größere Bedeutung, weniger Flugreisen und Kreuzfahrten zum Schutz des Klimas scheinen plötzlich verkraftbar zu sein.

Unser Arbeiten, Kommunizieren oder Organisieren erleben momentan eine Entwicklung im Zeitraffer. Für viele Unternehmen und Arbeitnehmer ist die aktuelle Situation ein Trainingscamp für die Nutzung digitaler Kommunikationskanäle, agiler Arbeitsweisen, virtueller Teamführung und -arbeit. Für solche Prozesse sowie den dafür nötigen Ausbau der digitalen Infrastruktur wirkt die Krise als echter Katalysator.

In unsicheren Zeiten ist es wichtiger denn je, dass Finanzdienstleister gute Partner ihrer Kunden bleiben und sich als Teil der Lösung präsentieren. Weitere Informationen hierzu finden Sie hier.

 

[1] OECD Interim Economic Assessment, 02.03.2020, Coronavirus: The World Economy at Risk
[2] ifo Schnelldienst, 2020, 73, Nr. 04, Die volkswirtschaftlichen Kosten des Corona-Shutdown für Deutschland: Eine Szenarienrechnung
[3] Pandemic Emergency Purchase Programme
[4] Daron Acemoglu, James A. Robinson: Why nations fail, London 2012
[5] Ebd.
[6] Steven Pinker: Enlightenment now: The Case for Reason, Science, Humanism and Progress, 2018

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Autor: Heinz-Gerd Stickling / BankingHub

Heinz-Gerd Stickling

Partner Office Münster

Dr. Benedikt Rotermann

Senior Consultant Office Münster

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