Robo Advisory – Revolution der Anlageberatung? Interview mit dem CEO und Gründer von Scalable Capital Erik Podzuweit

Nachdem die digitale Revolution bereits das Kreditgeschäft für private und gewerbliche Kunden erfasst hat und auch das Girokonto mit Anbietern wie Finreach und Number 26 im Fokus der FinTechs steht, deutet sich mit Robo Advice die nächste Revolution in der Anlageberatung an. Vereinfacht gesagt handelt es sich bei Robo Advice um ein Online-Portfoliomanagement mittels Algorithmen. Die Abbildung der Portfolios erfolgt dabei in der Regel über ETFs.

Hierdurch, so das Selbstverständnis der Robo Adviser, werden menschliche Fehler durch den Anlageberater sowie Fehlanreize durch hohe Vermittlungsprovisionen ausgeschlossen. Hat Robo Advice also das Zeug dazu, die Art und Weise, wie wir unser Geld anlegen, zu revolutionieren? Im Gespräch mit Erik Podzuweit, CEO und Gründer von Scalable Capital, sollen die Chancen von Robo Advisory beleuchtet werden.

Wolfgang Becher: Herr Podzuweit, Robo Advice – vereinfacht ein Online-Portfoliomanagement mittels Algorithmen – wird als Revolution der Geldanlage für Privatkunden gepriesen. Wie positioniert sich Scalable Capital, um von diesem Trend zu profitieren?

Erik Podzuweit: Wir sind ein digitaler Vermögensverwalter. Wir erstellen und managen ETF Portfolios für unsere Kunden und überwachen die Portfolios fortlaufend mit unserer Risikomanagement-Technologie. Scalable Capital wurde vor einem Jahr gegründet und beschäftigt derzeit über 33 Leute in unseren Büros in München und London. Wir sind als bankenunabhängiger Robo-Advisor mit einer BaFin-Lizenz zudem eine Seltenheit auf am deutschen Markt. Wir dürfen uns somit als regulierter Vermögensverwalter vollständig und im eigenen Ermessen um die Verwaltung der Kundengelder kümmern. Dies unterscheidet uns von den „Vertrieb 2.0“-FinTechs, die sich nur als Makler zwischen Anleger und Fondsanbieter schalten und Kundengelder an Fondsanbieter weitervermitteln. Des Weiteren setzen wir eine eigens entwickelte Risikomanagement-Technologie ein, die Privatinvestoren bislang nicht zur Verfügung stand.

Wie sieht der typische Kunde von Scalable Capital aus?

Unser Service richtet sich an gut ausgebildete Menschen, die ein kostengünstiges, automatisiertes ETF-Portfolio für ihre Vermögensbildung wünschen. Vertriebsorientierte Beratung, bei der man auch noch physisch einen Termin in einer Filiale wahrnehmen und sich Verkaufsgesprächen aussetzen muss, ist für diese Kunden eine wahre Qual. Selbst investieren, z. B. bei Onlinebanken in günstige ETFs, ist ihnen zu aufwendig. Genau hier setzen wir an und bieten eine professionelle Vermögensverwaltung, die konsequent Technologie einsetzt, um alle Kostentreiber, die für eine erfolgreiche Geldanlage unnötig sind, auszuschalten.

Nach welchen Kriterien werden die Anlegergelder alloziert?

Der Kern unseres Anlagemodells ist das mit unserem Mitgründer Professor Mittnik entwickelte Verfahren des dynamischen Risikomanagements, eine Technologie, die bislang – wenn überhaupt – nur großen, institutionellen Investoren zur Verfügung stand. Jedem Kundenportfolio wird ein numerisch quantifiziertes und der individuellen Risikoneigung entsprechendes Verlustrisiko zugeordnet. Droht eine Überschreitung dieses Verlustrisikos, wird eine automatische Anpassung vorgenommen, z. B. durch Umschichtung von risikoreichen Aktien in risikoärmere Anleihen. Somit wird das Anlagerisiko sowohl dynamisch als auch anlegerspezifisch kontrolliert und schwankt nicht einfach mit den Risiken an den Finanzmärkten. Unsere Technologie stützt sich dabei auf solide Erkenntnisse der Kapitalmarktforschung. Die Anlagestrategie setzten wir ausschließlich mit ETFs um, denn es gibt keine bessere und günstigere Art, ein breit diversifiziertes Portfolio aufzubauen. Die Auswahl der ETFs übernehmen wir vollständig für den Kunden.

Das Anlageverhalten der Deutschen gilt als sehr konservativ. In der aktuellen Niedrigszinsphase ist die private Altersvorsorge vieler Haushalte dadurch gefährdet. Wie wird Robo Advice das Anlegeverhalten der Deutschen beeinflussen?

Robo Advice bietet unserer Meinung nach die große Chance, den Anlagenotstand in Deutschland zu mildern. Denn so wird der hochwertige Service der Vermögensverwaltung, der bislang nur wenigen sehr vermögenden Kunden zur Verfügung steht, einem viel größeren Publikum ermöglicht. Um das nötige Vertrauen in der Breite aufzubauen, sind jedoch sehr viele große und kleine Schritte notwendig: das richtige Anlagemodell, eine faire Gebührenstruktur, 100%ige Transparenz, sofortige Verfügbarkeit, offene Kommunikation und vieles mehr. In der Finanzindustrie wird viel Geld mit der Asymmetrie der Informationsverteilung verdient. Mit anderen Worten: Es ist sehr leicht, etwas mehr zu verdienen, ohne dass der Kunde dies zeitnah merken kann. Wir sind überzeugt, dass man ein wirklich kundenzentriertes Finanzinstitut aufbauen kann, wenn man sich dafür entscheidet, in all diesen Situationen im Sinne des Kunden zu handeln. Der intelligente Kunde wird dies erkennen und schätzen. So baut man eine vertrauenswürdige Marke auf und verhilft vielen Menschen zu einer professionellen und günstigen Altersvorsorge.

Anderes Thema: Als neugegründetes FinTech haben Sie sich bewusst für den Standort München entschieden. Was sind die ausschlaggebenden Gründe für München als attraktiven Gründerstandort?

Das ist zum einem dem Gründerteam geschuldet: Unser Mitgründer Prof. Dr. Mittnik leitet den Lehrstuhl für Finanzökonometrie hier an der LMU in München. Zum anderen sind die Voraussetzungen für FinTechs in Bayern gut. Die Behörden wie z. B. die Bayrische Bundesbank sind sehr gut und schnell und es gibt mehr ausgebildete Informatiker als in jeder anderen deutschen Stadt. Und zu guter Letzt gibt es viel Kapital in München, das sich auch nach einer besseren Geldanlage sehnt.

Wie beurteilen Sie die politischen Rahmenbedingungen für FinTech-Unternehmer/-Gründer in Deutschland? Haben Sie Verbesserungsvorschläge?

Die regulatorischen Rahmenbedingungen sind entegen allen Gerüchten gut. Verbesserungsvorschläge sehen wir für unseren Bereich der privaten Geldanlage vor allem bei den steuerlichen Anreizen. Diese sind in Deutschland einfach viel zu gering. Länder wie USA, England oder Australien fördern die private Vorsorge am Kapitalmarkt deutlich stärker, was diese Märkte für Robo-Advisor und andere FinTechs attraktiver macht.

Zurück zu Scalable Capital: Wo sehen Sie Ihr Unternehmen und Robo Advice im Jahr 2020?

Robo Advice wird die Art, sein Geld zu investieren, in den nächsten zehn Jahren stärker verändern als in den letzten 30 Jahren. Der Einsatz und die Akzeptanz von Technologie wird sie günstiger, transparenter und vor allem zugänglicher machen. Diese Veränderung wird das finanzielle Leben von vielen Privatinvestoren, die aktuell von einer fairen Geldanlage praktisch ausgeschlossen sind, deutlich verbessern. Es wird also kein Nischenprodukt bleiben, sondern sich als echte Alternative in der Geldanlage festsetzen. Der große Leidtragende wird der physische Bankberater sein. Und unser Vorhaben ist, dass Scalable Capital diese Entwicklung in Europa maßgeblich anführt.

Herr Podzuweit, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen zu Scalable Capital finden Sie auf dem Fintech Hub by zeb.

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Wolfgang Becher

Senior Manager Office München

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