Bitcoin – Chance oder Systemrisiko?

Keine Auflistung aktueller Themen beim Jahresrückblick, die ohne einen Verweis auf „Bitcoin“ oder „Krypto“ auskommt. Mit dem Aufspringen der klassischen Medien auf den Krypto-Zug ist das Thema endgültig in der allgemeinen gesellschaftlichen Debatte angekommen. Zusammengefasst: Alle reden über den Bitcoin. Einzig eine Gruppe hält sich erstaunlich zurück: Insbesondere deutsche Banken treten, wenn überhaupt, nur als Mahner in Erscheinung. Vergleiche zu den Hypes des Neuen Markts und der Dotcom-Blase werden herangezogen. Doch wie gerechtfertigt sind solche Gegenüberstellungen? Und können Bitcoins unsere heutige Geldordnung revolutionieren, wie deren Protagonisten behaupten? Im Folgenden wollen wir eine Einordnung anhand von drei Thesen geben.

These 1: Bitcoins sind als Währungsersatz untauglich und stellen keine Bedrohung für die Kreditvergabe der Banken als deren Kernfunktion dar

Die Welt in der Geldordnung nach Bretton Woods (seit 1971) ist für Kreditblasen und Finanzkrisen anfällig geworden. Darüber hinaus begünstigt sie Schuldenexzesse mit Verschuldungsgraden, die bislang nur in Kriegszeiten üblich waren. Krisen sind seither zum Regelfall geworden, wie das Deutsche Bank Market Research in einer Studie eindrucksvoll dokumentiert hat. Im bestehenden Geldsystem schöpfen Geschäftsbanken „Kredite aus dem Nichts“, d.h. sie können aus geldpolitischer Sicht ungedeckt und unbeschränkt Kredite ausgeben und schaffen im Zusammenspiel mit den Zentralbanken die Voraussetzungen für die o.g. Fehlentwicklungen.

Die große Finanzmarktkrise (2008/2009) war folgerichtig die Geburtsstunde des Bitcoins als digitale Alternativwährung, unabhängig von Regierungen, Zentralbanken und Geschäftsbanken. Kann dieser Anspruch eingelöst werden? „Der Bitcoin spielt eine sehr kleine Rolle in unserem Zahlungssystem, ist kein stabiles Wertaufbewahrungsmittel und auch als gesetzliches Zahlungsmittel nicht anerkannt“, so das kurze Urteil von Janett Yellen, Präsidentin der amerikanischen Notenbank. D.h. Bitcoins erfüllen heute die drei Merkmale einer Währung nur sehr unzureichend: Zahlungsmittel und Recheneinheit sowie Wertaufbewahrungsmittel zu sein. Axel Weber, ehemaliger Bundesbankpräsident, sieht zudem einen Konstruktionsfehler im Bitcoin: „Weil es keinen Emittenten gibt, der die Kontrolle über das Angebot an Bitcoins hat, wird der Wert allein über die Nachfrage bestimmt“. Dies impliziere eine hohe Volatilität und Crashs seien unvermeidlich (NZZ vom 17. Dez. 2017).

They’re just not big enough today, however.

Jerome Powell, Mitglied des Federal Reserve Board of Governors und nominiert als Vorsitzender. Quelle: Bloomberg

Bitcoins müssen ihre Kinderkrankheiten erst überwinden und sich gegen andere Kryptowährungen durchsetzen, bevor sie das Potenzial haben, unser Geldsystem zu reformieren. Und dann stehen sie im Wettbewerb mit den großen Weltwährungen, die durch die Notenbanken und Regierungen „beschützt“ werden.

These 2: Die hohe Volatilität des Bitcoins und anderer Kryptowährungen ist keine Gefahr für die Stabilität des Finanzmarktes

Der Bitcoin unterliegt, anders als eine Währung im klassischen Sinn, massiven Schwankungen. Erste Stimmen wurden laut, dies werde zur Gefahr für die Stabilität des gesamten Finanzsektors. Betrachtet man die Volumina des Bitcoins gegenüber anderen Akteuren und Assets, kommt man leicht zu einem anderen Schluss. Nämlich zu der Erkenntnis, dass der Bitcoin für sich genommen, aber auch Kryptowährungen insgesamt, trotz der immensen Steigerungsraten noch weit davon entfernt sind, systemdestabilisierend wirken zu können – jüngst in ähnlicher Weise auf einer Pressekonferenz geäußert durch Janet Yellen. So verfügt nach Zahlen von Mitte 2017 Bill Gates alleine über ein Vermögen, das das Volumen der Marktkapitalisierung des Bitcoin um das Doppelte übersteigt.

These 3: Der Bitcoin und andere Kryptowährungen werden als Assetklasse weiter an Bedeutung gewinnen, entsprechende Derivate werden handelbar und breiter zugänglich sein

Ein Grund, warum der Bitcoin es schwer hat, sich als Zahlungsmittel zu etablieren, dürfte die Tatsache sein, dass er von jenen, die ihn kaufen, primär als Spekulationsobjekt gesehen wird. Gekauft in der Hoffnung, dass er nicht nur seinen Wert erhalten möge, sondern, wie aktuell zu sehen, in ungeahnte Kursregionen vorstößt. Die garantierte Knappheit durch die Mengenbegrenzung der Bitcoins auf 21 Millionen Stück ist hier zusätzlich förderlich und bietet nicht zuletzt Sicherheit. Ist der Bitcoin also das neue Gold? In der Tat weisen beide Assets viele Gemeinsamkeiten auf:

  • Beide sind in ihrer Menge begrenzt
  • Beide Assets befinden sich außerhalb des Zugriffs und der Regulierung einzelner Finanzmarktakteure
  • Beide sind (der Bitcoin noch in der Theorie) mit dem Aktienmarkt nicht direkt korreliert, besitzen also für ein Portfolio hohe Diversifikationskraft
  • Beide stellen einen Wert für sich dar, das Gold physisch, der Bitcoin in Form seines Schlüssels

Es spricht demnach einiges dafür, dass sich mit Kryptowährungen allgemein bzw. mit dem Bitcoin im Speziellen dauerhaft eine neue Assetklasse etabliert. Für Banken bietet sich hier die Chance, als Partner oder Betreiber von Handelsplattformen aktiv mitzuwirken. Zusätzlich eröffnen die Konstruktion und der Handel mit auf dem Asset Bitcoin aufbauenden Papieren weitere Möglichkeiten zur Positionierung in diesem gänzlich neuen Geschäftsfeld.

 

Sollte der Preis der weltgrößten Kryptowährung stark einbrechen, „dann werden sicherlich einige Einzelpersonen viel Geld verlieren, aber ich sehe nicht, dass daraus ein Risiko für die Stabilität des Finanzsystems entsteht.“

Janet Yellen, Präsidentin des Federal Reserve Board. Quelle: Handelsblatt

Fazit

Die gänzliche Zurückhaltung insbesondere deutscher Institute beim Thema Bitcoin bedeutet aus unserer Sicht eine verpasste Chance, auch wenn es sich beim Bitcoin um eine hochspekulative Assetklasse handelt. So entstammen die meisten gängigen Handelsplattformen dem angelsächsischen Raum und es sind lediglich Internetkontos wie Revolut, die das Thema offensiv angehen und ihren Kunden einen Zugang zum Kauf von Bitcoin und anderen Kryptowährungen gewähren. In anderen Texten zum Thema wird fast reflexartig auf die Blockchain-Technologie verwiesen mit dem Hinweis auf ihre „Game-Changer-Qualitäten“ Das haben die europäischen Großbanken aufgenommen und sind in mehreren Konsortien organisiert, um an den weiteren Entwicklungen in diesem Bereich nicht nur zu partizipieren, sondern diese auch zu prägen. Dieses Engagement ist nicht falsch, die Blockchain-Technologie bietet viele Chancen – als Basis neuer Geschäftsmodelle im Kleinen und als Fundament einer Gesellschaft im Großen. Festzuhalten ist jedoch, dass wir Stand heute von beidem noch weit entfernt sind und es unklar ist, ob sich ein Blockchain-basiertes Modell in einem größeren Rahmen überhaupt wird durchsetzen können. Wo findet ein einzelnes Bankhaus in diesem Spiel seinen Platz? Niemand weiß, was genau die Zukunft bringen wird – und daher erscheint es ratsam, naheliegende Marktchancen zu ergreifen und sich auch bei der neuen Assetklasse Bitcoin zu positionieren – in Zugang bietender Funktion, als Akteur in der Abwicklung, etc. Vor allem aber: als Partner des Kunden und Teil der Entwicklung.

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Heinz-Gerd Stickling / Autor BankingHub

Heinz-Gerd Stickling

Partner Office Münster

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