New Work – Old Orders

Die Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGfP), die größte deutsche Vereinigung von Personalmanagern aller Branchen, hat interaktive Workshops durchgeführt und dabei zunächst 116 Thesen zu „New Work Orders“ erarbeitet, diese dann aber für Lesefaule wie mich zu 49 Thesen verdichtet, die man für noch Lesefaulere auf die Aussagen reduzieren kann, die bei einer Abstimmung unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Workshops die meisten Stimmen gewannen: 1. Mut haben: Der Mitarbeiter probieren aus, brechen Regeln, machen Fehler und lernen daraus, denken in Chancen. 2. Rollenflexibilität: Eine zukünftige Kernkompetenz ist „Rollenflexibilität“, z. B. als Führungskraft, Mentor, Coach, Experte, Berater oder Kollege, um frei von Hierarchien, partizipativ und vernetzt zu arbeiten 3. Fehlerkultur: Entscheidungen können revidiert werden und als Entwicklungschance für die Organisation gesehen werden, Ausprobieren ist erlaubt, wobei Fehler als Hilfe zum Erreichen des idealen Ergebnisses betrachtet werden und Teil des  Prozesses sind

Die neuen Arbeitsformen heißen nicht etwa „Großraumbüro“ oder „Kommunikationszone“, sondern Squad, Chapter, Tribe und Guild

Dass dies nicht nur Modelle für Zusammenarbeit, sondern auch für Firmengründung und -finanzierung sein kann, findet man heraus, wenn man als Vater für seinen Sprößling nach Weihnachtsgeschenken sucht: Tinkerbots schaffen aus einer Mischung von Legosteinen, Servomotoren und intelligenten Ein-Chip-Computern eine neue Form von Spielzeug- und Selbstbaurobotern, wobei sowohl deren Entwicklung als auch die Produktion der ersten Kleinserie über das InternetportalIndiegogo finanziert wurde. Auf einem Diskussionsforum über neue Arbeitsformen auf der Internet- und Blogger-Konferenz „re:publica“ wurde diese Art des selbstbestimmten Arbeitens und der Firmengründung als neue Arbeitsform gefeiert und heiß diskutiert.

Vergessen wird bei aller Euphorie, dass die großen Umwälzungen für die meisten Arbeitnehmer in den Industrieunternehmen stattgefunden haben: Von Akkord- und Einzelarbeit am Fließband zu selbstbestimmten Teams in hoch flexiblen Produktionsketten, die planende, kontrollierende und ausführende Tätigkeiten umfassen. Diese ausführenden Tätigkeiten können ihrerseits an fast allen Arbeitsplätzen von einem oder mehreren Mitarbeiter/innen übernommen werden, um Produktionsmengen schnell anpassen zu können. Doch die Industriearbeit wurde nicht nur flexibler und teamorientierter, sie wurde auch gesünder. Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zeigt, dass in der Industrie die Produktivität der Mitarbeiter bis zum Alter von 50-55 Jahren zunimmt und danach nur wenig abnimmt – in der Dienstleistung, auch bei Banken, setzt jedoch schon ab Mitte 40 eine Abnahme der Produktivität ein.

Diese flexible und gesunde Arbeit ist auch „New Work“

– nur eben anders, als sie sich die Internet-Entrepreneure und Start-Ups erschaffen.

An welchem Modell sollen sich denn nun Banken beim Aufbruch ins digitale Zeitalter orientientieren? Vielleicht an beiden, denn: Bankensteuerung und –beratung ist größtenteils Wissens- und Teamarbeit. Nicht zuletzt entspricht selbstbestimmtes und flexibles Arbeiten den Wünschen und Erwartungen nicht nur der jüngeren Generationen. Aber: Was für ein Start-Up mit Einzelunternehmer/inne/n, die vielfach in prekären Verhältnissen arbeiten, funktioniert, kann nicht das leitende Modell für eine Bank sein, weil es

  1. zukünftige Wachstumssaufgaben nicht bewältigen kann und
  2. den Ansprüchen der Regulatorik hinsichtlich Standardisierung, Kontrolle und Dokumentaton nicht gerecht wird.

Die Kreativen des Digitalzeitalters haben Arbeitsformen zum Ideal erhoben, die die eigentlichen Wachstumsaufgaben für Firmen, die aus dem Start-Up-Alter herauswachsen, noch gar nicht gelöst haben: Konsequente Führung ohne Bevormundung, Strukturierung ohne Bürokratisierung und Teamkultur auch in großen und daher anonymen Unternehmen.

Banken brauchen den Aufbruch ins digitale Zeitalter. Aber mit Digitalisierung allein werden sie die Zukunft gegen die Apples und Googles dieser Welt nicht gewinnen. Statt ein „Start-Up“ sein zu wollen, sollten sie standardisierte, kontrollierte, flexible und dabei ‚durch und durch‘ kundenorientierte Arbeit anstreben. Diese neue Arbeit nutzt die Digitalisierung, um die Kundenbeziehung in den Mittelpunkt zu stellen. Beispiel dafür gibt es schon: Neue Bürokonzepte („Lümmelbretter und Leuchtringe“), interne Inkubatoren als Teil einer großen Firma („INNOVATE“ der Deutschen Post), Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen mit und am Kunden („Living Labs zur Elektro-Mobilität“) sowie Beratung und Terminplanung im direkten Online-Dialog mit Kunden („Handy ersetzt Bankfiliale“). Schließlich entstehen ganz neue Finanzprodukte und -dienstleistungen, für die erwähnte Kombination aus Firmenfinanzierung und Produktplatzierung auf Indiegogo nur ein Beispiel ist.

Unter der Überschrift „Industrie 4.0“ lernt die Industrie gerade, wie sie aus flexibler, vernetzter und gesunder Arbeit nun auch sehr individuelle und flexible Arbeitsmodelle mit horizontalen Karrieren, internen Jobbörsen, Teilzeit- und Auszeitmodellen macht („Smartphone statt Stechuhr“). Bei den Banken ringen wir noch um die ‚Bankdienstleistung 2.0‘.

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Prof. Dr. Joachim Paul Hasebrook / Autor BankingHub

Prof. Dr. Joachim Paul Hasebrook

Senior Manager Office Münster

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