Dieses Bild wurde mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) generiert.

Warum Banken künftig nicht mehr nur Kreditwürdigkeit, sondern Transformationswürdigkeit bewerten müssen

Dieses Bild wurde mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) generiert.
Die Entscheidung der EZB zur Einführung eines Klimafaktors im Sicherheitenrahmen[1] wirkt auf den ersten Blick wie ein technisches Thema für Treasury und Risikocontrolling. Tatsächlich markiert sie aber einen weiter reichenden Perspektivwechsel: Transformationsrisiken werden zunehmend zu einem bewertungsrelevanten Faktor im Finanzsystem. Für Banken stellt sich damit nicht mehr nur die Frage, ob ein Kreditnehmer heute kreditwürdig ist.

Entscheidend wird zunehmend auch, ob sein Geschäftsmodell unter veränderten regulatorischen, technologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen tragfähig bleibt:

Welche Auswirkungen hat die Einführung des Klimafaktors durch die EZB?

Wenn Zentralbanken ihren Sicherheitenrahmen anpassen, klingt das zunächst nach einem Thema für Spezialist:innen. Es geht um Haircuts, Beleihungswerte, Refinanzierungsfähigkeit und die Frage, welche Vermögenswerte Banken bei geldpolitischen Geschäften des Eurosystems hinterlegen können. Wichtig, aber scheinbar weit entfernt vom Alltag des klassischen Kreditgeschäfts.

Genau diese Einordnung greift beim neuen Klimafaktor der Europäischen Zentralbank zu kurz. Der EZB-Rat hat beschlossen, ab der zweiten Jahreshälfte 2026 einen Klimafaktor auf marktfähige Vermögenswerte anzuwenden, die von nichtfinanziellen Unternehmen begeben werden. Der Faktor soll das Eurosystem vor potenziellen Wertverlusten schützen, die aus adversen klimabezogenen Transitionsschocks entstehen können.

Damit verändert die EZB nicht über Nacht die Kreditvergabe deutscher Banken. Aber sie macht etwas, das für die Entwicklung des Kreditgeschäfts deutlich relevanter ist: Sie übersetzt klimabezogene Unsicherheit in eine konkrete Risikosteuerungslogik. Und sie macht deutlich, dass nicht nur die aktuelle Bonität eines Emittenten zählt, sondern auch seine Verwundbarkeit gegenüber dem ökologischen Wandel.

Wie verändert sich die Risikobewertung?

Viele Institute haben Nachhaltigkeits- und Klimarisiken in den vergangenen Jahren bereits in ihre Kreditprozesse integriert. In der Praxis geschieht dies jedoch häufig noch additiv: ESG-Fragebogen, Branchenampel, kurzer Hinweis in der Kreditvorlage, gegebenenfalls ein ergänzender Kommentar zu physischen oder transitorischen Risiken.

Das ist ein wichtiger Anfang. Es reicht aber nicht aus, wenn Klimarisiken nicht nur als regulatorische Berichtspflicht, sondern als ökonomischer Risikotreiber verstanden werden sollen. Der Klimafaktor zeigt genau diese Verschiebung. Es geht weniger um die Frage, ob ein Unternehmen auf dem Papier nachhaltig wirkt. Es geht um die Frage, wie robust sein Geschäftsmodell in einer Wirtschaft ist, die sich schrittweise, teilweise aber auch sprunghaft, an Klimaziele, CO2-Preise, neue Technologien und veränderte Kundenpräferenzen anpasst.

Daraus folgt ein anderer Blick auf Kreditnehmer. Die klassische Bonitätsanalyse bleibt unverzichtbar. Kapitaldienstfähigkeit, Cashflow, Ertragskraft, Eigenkapitalausstattung und Sicherheiten werden auch künftig die Grundlage jeder Kreditentscheidung bilden. Aber sie beschreiben vor allem, wie tragfähig ein Unternehmen in der Vergangenheit und Gegenwart war. Transitionsrisiken stellen eine andere Frage: Wie tragfähig ist dieses Unternehmen in einer veränderten Zukunft?

Warum ist Kreditwürdigkeit notwendig – aber nicht mehr hinreichend?

Genau hier liegt der eigentliche Kern des Themas. Ein Unternehmen kann heute kreditwürdig sein und dennoch ein erhöhtes Transformationsrisiko tragen. Umgekehrt kann ein Unternehmen in einer belasteten Ausgangslage stehen, aber über einen überzeugenden Transformationspfad verfügen, der seine mittelfristige Finanzierungsperspektive verbessert.

Für Banken entsteht daraus eine zusätzliche Bewertungsdimension. Neben die Kreditwürdigkeit tritt die Transformationswürdigkeit. Gemeint ist damit nicht eine moralische Bewertung des Kunden, sondern die bankfachliche Einschätzung, ob ein Geschäftsmodell den absehbaren Wandel regulatorisch, technologisch, operativ und finanziell bewältigen kann.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn sie verhindert, dass Klimarisiken auf ein einfaches Grün-Rot-Schema reduziert werden. Die entscheidende Kreditfrage lautet nicht: Ist der Kunde grün? Sie lautet: Ist der Kunde transformierbar, investitionsfähig und strategisch anschlussfähig?

Was bedeutet Transformationswürdigkeit im Kreditgeschäft?

Transformationswürdigkeit lässt sich nicht durch eine einzelne Kennzahl bestimmen. Sie ist eine qualitative und quantitative Einschätzung, die in die Kreditentscheidung, die Portfoliosteuerung und die Kundenbetreuung übersetzt werden muss.

Für die Kreditpraxis sind aus meiner Sicht fünf Dimensionen besonders relevant:

  1. Geschäftsmodellresilienz: Wie abhängig ist der Kunde von emissionsintensiven Produkten, energieintensiven Prozessen oder regulatorisch besonders betroffenen Märkten?
  2. Investitionsfähigkeit: Kann das Unternehmen notwendige Transformationsinvestitionen aus eigener Kraft oder mit tragfähiger Finanzierung leisten?
  3. Kostenweitergabe und Margenstabilität: Kann der Kunde steigende CO2-, Energie- oder Regulierungskosten an seine Kunden weitergeben oder entstehen strukturelle Ergebniseffekte?
  4. Technologische Anschlussfähigkeit: Besteht das Risiko, dass Anlagen, Produkte oder Verfahren durch neue Technologien an Wettbewerbsfähigkeit verlieren?
  5. Management- und Umsetzungsfähigkeit: Gibt es eine belastbare Strategie, konkrete Maßnahmen und eine glaubwürdige Steuerung der Transformation?

Für viele Kreditnehmer dürften diese Fragen nicht vollständig beantwortet werden können. Genau deshalb sollten Banken nicht auf Scheingenauigkeit setzen. Entscheidend ist ein robuster, nachvollziehbarer Bewertungsrahmen, der wesentliche Risikotreiber sichtbar macht und die Kreditentscheidung besser begründet.

Welche Auswirkungen haben Transformationsrisiken auf Pricing, Sicherheiten und Kreditentscheidungen?

Wenn Transformationsrisiken ökonomisch relevant werden, werden sie mittelfristig auch in Pricing, Sicherheitenbewertung und Kreditvotum sichtbar werden müssen – nicht zwingend durch einen pauschalen Nachhaltigkeitsaufschlag, sondern differenziert entlang der Risikowirkung.

Ein Unternehmen mit hohem Anpassungsbedarf, fehlender Investitionskraft und unklarem Transformationspfad wird aus Risikosicht anders zu beurteilen sein als ein Unternehmen derselben Branche, das seinen Investitionsbedarf transparent plant, Fördermöglichkeiten nutzt, Kostenwirkungen belastbar quantifiziert und seine Marktposition aktiv weiterentwickelt.

Auch Sicherheiten sind hiervon betroffen. Die EZB bezieht den Klimafaktor formal auf marktfähige Vermögenswerte. Die dahinterliegende Logik ist jedoch anschlussfähig für das Kreditgeschäft: Der Wert einer Sicherheit kann sich verändern, wenn regulatorische Anforderungen, Energieeffizienz, Nutzbarkeit oder Marktakzeptanz unter Transformationsdruck geraten. Das betrifft gewerbliche Immobilien ebenso wie Produktionsanlagen oder einzelne unternehmerische Vermögenswerte.

Wie verändert sich der Fokus in der Portfoliosteuerung?

Besonders relevant wird der neue Blick auf Portfolioebene. Viele Banken steuern ihre Kreditportfolios nach klassischen Dimensionen: Branche, Ratingklasse, Größenklasse, Region, Sicherheitenart oder Einzelengagement. Diese Logik bleibt notwendig, greift aber bei Transitionsrisiken zu kurz.

Innerhalb derselben Branche können sich nämlich sehr unterschiedliche Transformationsprofile ergeben: Zwei Kunden aus der Chemieindustrie können vollkommen unterschiedliche Energieverbräuche, Produktportfolios, Investitionspläne und regulatorische Exponierungen haben. Zwei Immobilienkunden können sich in der energetischen Qualität ihrer Objekte, der Vermietbarkeit und dem künftigen Capex-Bedarf deutlich unterscheiden.

Für Banken wird es deshalb wichtiger, nicht nur Branchen zu klassifizieren, sondern Transformationsprofile zu verstehen. Das Ziel ist nicht, ganze Sektoren pauschal auszuschließen. Das Ziel ist, Risikotreiber, Konzentrationen und Chancen differenzierter zu erkennen.

Wie können Banken den Klimafaktor im Firmenkundengeschäft nutzen?

Der Klimafaktor sollte im Kreditgeschäft nicht nur als Risikothema gelesen werden. Er kann auch ein Impuls sein, die Rolle der Bank im Firmenkundengeschäft weiterzuentwickeln. Viele mittelständische Unternehmen stehen vor erheblichen Investitionsentscheidungen: Energieversorgung, Gebäudebestand, Maschinenpark, Lieferketten, Produktportfolio, Digitalisierung und Dokumentationsfähigkeit.

Gerade hier können Banken einen Unterschied machen – nicht indem sie sich als Nachhaltigkeitsberater inszenieren, sondern indem sie Finanzierung, Risikoanalyse und strategischen Kundendialog besser miteinander verbinden. Wer die Transformationsfähigkeit seiner Kunden versteht, kann Investitionsbedarfe früher erkennen, Finanzierungsstrukturen passender gestalten und Risiken sauberer bepreisen.

Das setzt allerdings voraus, dass die Bank intern sprechfähig wird. Markt, Marktfolge, Risikocontrolling und Treasury dürfen das Thema nicht jeweils in eigenen Logiken bearbeiten. Der Kunde erlebt am Ende eine Bank. Und diese Bank sollte erklären können, warum bestimmte Informationen benötigt werden, wie sie in die Kreditentscheidung einfließen und welchen Mehrwert eine solide Transformationsplanung für den Kunden selbst hat.

Was sollten Banken jetzt konkret tun?

Aus der EZB-Entscheidung folgt kein hektischer Sofortumbau des Kreditgeschäfts, wohl aber ein klarer Arbeitsauftrag. Institute sollten die Zeit nutzen, um ihre Kreditlogik schrittweise weiterzuentwickeln.

  1. Relevante Portfoliobereiche identifizieren: Welche Branchen, Sicherheiten und Kundengruppen sind besonders abhängig von Energiepreisen, CO2-Kosten, regulatorischen Anforderungen oder technologischen Veränderungen?
  2. Kreditanalyse um Transformationsfragen ergänzen: nicht als zusätzlicher Fragebogen, sondern als Bestandteil der wirtschaftlichen Beurteilung des Geschäftsmodells.
  3. Sicherheitenbewertung weiterdenken: Bei Immobilien, Anlagen und Unternehmenswerten sollten künftige Nutzbarkeit, Investitionsbedarf und Marktgängigkeit stärker berücksichtigt werden.
  4. Pricing- und Risikostrategie überprüfen: Transitionsrisiken sollten nicht automatisch zu pauschalen Aufschlägen führen, aber dort sichtbar werden, wo sie Bonität, Kapitaldienstfähigkeit oder Sicherheitenwert beeinflussen.
  5. Kundenkommunikation professionalisieren: Banken sollten erklären können, warum Transformationsinformationen kreditrelevant sind und wie sie in die Finanzierungsperspektive des Kunden einzahlen.

Fazit: Mehr als nur ein Risikofilter – warum ist der Klimafaktor nur ein Vorbote?

Der Klimafaktor der EZB ist formal eine Maßnahme des Sicherheitenrahmens. Inhaltlich ist er mehr. Er ist ein Signal dafür, dass klimabezogene Transitionsrisiken nicht dauerhaft am Rand der Risikosteuerung bleiben werden. Sie werden in Bewertungslogiken, Stresstests, Sicherheitenansätze, Portfoliosteuerung und Kreditentscheidungen hineinwachsen.

Für Banken bedeutet das: Kreditwürdigkeit bleibt der Ausgangspunkt. Aber sie wird durch eine zweite Frage ergänzt werden müssen. Ist der Kunde auch transformationswürdig? Also verfügt er über ein Geschäftsmodell, eine Finanzierungsfähigkeit und eine strategische Handlungsfähigkeit, die ihn durch den Wandel tragen?

Banken, die diese Frage frühzeitig in ihre Kreditprozesse integrieren, erfüllen nicht nur regulatorische Erwartungen – sie gewinnen ein besseres Verständnis der eigenen Risiken, schärfen die Portfoliosteuerung und können ihre Firmenkunden in einer Phase begleiten, in der Investitionsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit enger zusammenrücken.

Am Ende geht es damit nicht um mehr Bürokratie im Kreditgeschäft. Es geht um bessere Kreditentscheidungen in einer Wirtschaft, deren Risiken sich verändern.

Unsere Beratungsangebote für jede Bankengruppe

In der sich ständig wandelnden Finanzlandschaft stehen Banken und Finanzinstitute vor vielen Herausforderungen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Individualität – keine zwei Institute sind gleich, und somit sollte auch die Strategie zur Bewältigung dieser Herausforderungen maßgeschneidert sein.

Expert Partner

Bastian Walkhoff ist Expert Partner bei zeb und inhaltlich vor allem für die Optimierung des Kreditgeschäfts in mittelständischen Banken zuständig.

Über Bastian Walkhoff
Individuelle Beratungsangebote

Mit über 30 Jahren Erfahrung als anerkannte Berater in den verschiedenen Sparten der Finanzwelt, verstehen wir die Besonderheiten jeder Bankengruppe tiefgreifend.

Lesen Sie, welche Antworten zeb Ihnen zu geben hat

Sie sollten nun in der Lage sein, über diese zentralen Punkte des Artikels zu sprechen:

Was versteht man unter „Transformationswürdigkeit“ im Kreditgeschäft?

Dabei handelt es sich um eine bankfachliche Einschätzung, ob ein Unternehmen den absehbaren regulatorischen, technologischen und finanziellen Wandel erfolgreich bewältigen kann. Im Gegensatz zur reinen Nachhaltigkeitsprüfung geht es dabei um die Frage, wie robust und anpassungsfähig ein Geschäftsmodell gegenüber Klimazielen und neuen Marktbedingungen ist.

Warum reicht die klassische Kreditwürdigkeit heute nicht mehr aus?

Die klassische Bonitätsanalyse bewertet vor allem die Tragfähigkeit eines Unternehmens in Vergangenheit und Gegenwart. Da sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch Klimarisiken jedoch massiv verändern können, kann ein Unternehmen, das aktuell noch als kreditwürdig eingestuft wird, bereits erhöhte Transformationsrisiken tragen, die seine mittelfristige Zukunft gefährden.

Welche Folgen hat der neue Klimafaktor der EZB für die Banken?

Die EZB wird ab der zweiten Jahreshälfte 2026 einen Klimafaktor auf Sicherheiten anwenden, um das Finanzsystem vor klimabezogenen Schocks zu schützen. Für Banken bedeutet dies einen Perspektivwechsel: Klimarisiken müssen von bloßen Checklisten-Themen zu konkreten ökonomischen Risikotreibern in der Preisgestaltung und Risikosteuerung werden.

Wie können Banken die Bewertung der Transformationswürdigkeit konkret umsetzen?

Banken sollten damit beginnen, besonders betroffene Portfoliobereiche zu identifizieren und die Kreditanalyse um qualitative Fragen zur Zukunftsfähigkeit der Kunden zu ergänzen. Das Ziel besteht darin, den Risikofilter zu einem Beratungsanlass weiterzuentwickeln, um Investitionsbedarfe frühzeitig zu erkennen und Kunden bei ihrem Wandel zu begleiten.

Sprechen Sie uns gerne an!

Bastian Walkhoff/ Autor BankingHub

Bastian Walkhoff

Expert Partner Office Hamburg

Artikel teilen

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

BankingHub-Newsletter

Analysen, Artikel sowie Interviews rund um Trends und Innovationen
im Banking alle 2 Wochen direkt in Ihr Postfach