Software-as-a-Service (SaaS) in der Finanzbranche Interview mit Martin Wallmann von Clearwater Analytics

Mit Herrn Martin Wallmann (Geschäftsführer DACH von Clearwater Analytics) haben wir über Software-as-a-Service (SaaS) für Finanzdienstleister gesprochen – unter anderem über Skalierbarkeit und Automatisierung, strategische Vorteile durch Outsourcing, Kundenzentrierung sowie die Transformation des Marktes in den kommenden Jahren.

Das 2004 gegründete Unternehmen Clearwater Analytics ist ein führender Anbieter von SaaS-Lösungen für die automatisierte Aggregation, Abstimmung und Buchhaltung sowie das Reporting von Investmentdaten. Martin Wallmann startete mit Wirkung zum 1. Juli 2021 als Geschäftsführer für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Seine Vision ist Teil der Wachstumsstrategie des Unternehmens in Kontinentaleuropa und nun auch in Deutschland. Über die Clearwater-Plattform werden auf täglicher Basis Daten und Berichte für Vermögenswerte von Kunden im Gegenwert von über 5,5 Billionen US-Dollar erstellt.
 


Der Kostendruck im Bereich Financial Services ist spürbar, Skalierbarkeit und Automatisierung werden immer wichtiger. Welche Rolle spielt Software-as-a-Service (SaaS) auf diesem Weg?

Wir sehen die immer stärkere Nutzung von SaaS-Lösungen als einen der wesentlichen Trends in der kurz- bis mittelfristigen Zukunft. Die Menge an Daten, die Unternehmen zu verwalten haben, steigt unaufhaltsam, gleichzeitig ermöglicht eine immer leistungsfähigere Technologie eine stetig steigende Datenkomplexität. Dies macht es zunehmend schwieriger, konsistente Datenverarbeitungsprozesse von der Datenquelle bis zu den Nutzenden sowie eine hohe Datenqualität sicherzustellen.

Nutzerinnen und Nutzer von SaaS-Lösungen profitieren nicht nur davon, dass sie einen bereits „fertigen Output“ erhalten, sondern können eben jene vorgelagerten Prozesse auslagern, die für die Herstellung dieser „Outputs“ benötigt werden. Insofern entfällt mit SaaS-Lösungen das Erfordernis, selbst eine entsprechende Infrastruktur (z. B. Server, Softwarelizenzen und -releases, IT- und Cyber-Sicherheit etc.), sowie die dafür benötigte „Manpower“ vorzuhalten. Schlussendlich verlagert sich die Notwendigkeit, stets eine aktuelle Technologie bzw. Systemarchitektur sicherzustellen, vom Kunden zum Anbieter. Gleichzeitig ergeben sich für Anbieter größere Skaleneffekte, da sie ihre Infrastruktur einer Vielzahl von Kunden anbieten und in der Folge einen deutlich besseren „Business Case“ vorweisen können, der wiederum kontinuierliche Investitionen in die eigene Technologieinfrastruktur rechtfertigt.

Nehmen wir die Versicherungsbranche als Beispiel – aufgrund von steigenden Anforderungen an das Datenmanagement, verbunden mit immer höheren Erwartungen seitens der Kunden und Regulatoren, sahen sich viele Versicherer mit nicht enden wollenden Herausforderungen konfrontiert. Gleichzeitig wurden diese Herausforderungen aber auch zu Chancen – für all jene Häuser nämlich, die sich nicht nur bemühten, den verschiedenen neuen Anforderungen gerecht zu werden, sondern diese zum Anlass nahmen, ihr gesamtes Geschäftsmodell zu hinterfragen und zu optimieren, und sich dadurch in die Lage versetzten, Finanzinformationen schneller und in besserer Qualität zu veröffentlichen.
 

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Clearwater Analytics ist auf die Automatisierung im Bereich Investmentdaten spezialisiert. Was macht dieses Marktsegment aus Ihrer Sicht so spannend?

Bis zum heutigen Tage generiert die Aufbereitung von Investmentdaten diverse „Touchpoints“, welche sich bei den in- und externen Prozessbeteiligten über verschiedenste, auch heute noch häufig fragmentierte Systeme erstrecken. Dies führt regelmäßig zu der Problematik, dass die entsprechenden Investmentdaten über die verschiedenen erforderlichen Prozessschritte hinweg an Datenqualität und ‑integrität verlieren.

Versicherungsunternehmen und Asset-Manager sehen sich daher mit kontinuierlich steigenden Kosten konfrontiert, um eine jederzeitige Nachvollziehbarkeit der zur Anwendung kommenden Datenquellen sowie eine zweifelsfreie Datenqualität sicherzustellen. Beide Bereiche sind dabei von entscheidender Bedeutung für die Vermeidung von Reputationsschäden bei Endkunden und im Kontext der Einhaltung treuhänderischer Aufgaben und Sorgfaltspflichten. Clearwater nutzt in diesem Zusammenhang eine einzige zentrale Datenplattform für sämtliche Investment-Accounting-Prozesse. Dieser Plattform wiederum liegt ein einziges, einheitliches Datenmodell zugrunde, welches von einem zentralen Team als „Managed Service“ betrieben wird.

Wir finden es in der Tat besonders spannend, dass wir unseren Kunden durch unsere innovative Technologie eine präzise und ganzheitliche Sicht auf ihren Datenhaushalt anbieten („Single Source of Truth“) und in der Folge eine Aggregation und Weitergabe von konsistenten Folgedaten ermöglichen können. Dies wiederum vereinfacht die Administration von Investmentdaten für unsere Kunden erheblich, insofern tragen wir nachhaltig dazu bei, die Prozesse unserer Kunden im täglichen Arbeitsablauf zu verbessern. Arbeitsprozesse werden schlanker, was durch höhere Automatisierungsgrade zu einer Eliminierung manueller Arbeitsvorgänge und damit gleichzeitig zu einer Aufwertung der in den Prozess eingebundenen Mitarbeiterprofile führt.

Darüber hinaus versetzen wir Entscheidungsträger/-innen und Risikomanager/-innen unserer Kunden in die Lage, das Risikoprofil ihrer Anlagen und Portfolios, z. B. im Falle von Finanzmarktturbulenzen, unverzüglich und auf Basis vollständig korrekter Datengrundlagen zu bewerten und dadurch besonders schnell erforderliche Maßnahmen zum Schutz der zugrunde liegenden Investments einzuleiten. Mit traditionellen technologischen Lösungen ist dies in diesem Umfang schlichtweg nicht möglich.

Hat SaaS im Bereich Investmentdaten damit auch eine strategische Komponente?

Ja, wir sind absolut davon überzeugt, dass der Einsatz von SaaS-Lösungen im Bereich von Investmentdaten eine strategische Komponente mit sich bringt – aus einer Reihe von Gründen, von denen wir einige bereits erwähnt haben.

Unternehmen, welche SaaS-Anbieter nutzen, können sich vollständig auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, ohne durch die Administration von Softwarelösungen und der zugehörigen Infrastruktur abgelenkt zu sein. Da ein SaaS-Anbieter zudem eine einheitliche Lösung für alle Kunden auf einer zentralen Plattform betreibt, werden neue Funktionalitäten automatisch und ohne Zeitverzug einheitlich für alle Kunden ausgerollt. In der Folge entfällt insbesondere die Notwendigkeit, individuelle Lösungen für einzelne Kunden zu entwickeln. Zudem treiben SaaS-Lösungen vor diesem Hintergrund die Entwicklung von Standards unter Einbeziehung von sich verändernden Marktanforderungen voran.

Darüber hinaus können Kunden SaaS-Applikationen mittels APIs (Application Programming Interfaces) sehr einfach in das „digitale Ecosystem“ ihres Unternehmens integrieren, was in der Folge die Weiterentwicklung des „Internet of Things“ (IoT) unterstützt. Es gibt diverse weitere Punkte, die man an dieser Stelle aufführen könnte, die vorgenannten Aspekte sind aber gewiss für die Mehrheit der Nutzenden von SaaS-Lösungen von Relevanz. Abhängig vom individuellen Anwendungsszenario einzelner Nutzerinnen und Nutzer wird es noch weitere nennenswerte Punkte geben.

Stichwort „Transformation“: Was glauben Sie, wie sich der Markt in den nächsten Jahren verändern wird?

Die Industrie durchläuft zurzeit einen Transformationsprozess. Eine Reihe von Anbietern bietet cloud-basierte SaaS-Lösungen an, die bei genauerem Hinsehen eigentlich auf „gehosteter“ Infrastruktur basieren und insofern eher traditionellen „Application-Service-Provider(ASP)“- oder „Full-Service Provider(FSP)“-Modellen ähneln.

Aus Sicht von institutionellen Anlegern, hier sei nochmals die Versicherungsbranche erwähnt, und um einige konkrete Beispiele von Marktveränderungen aufzuführen: IFRS 9 wird zum 1. Januar 2023 in Kraft treten und die Branche im direkten Vergleich zum analogen Zeitraum ab dem 1. Januar 2022 signifikant verändern sowie in der Folge nachhaltige Auswirkungen auf unternehmensweite Investmentprozesse haben. Es werden auch in Zukunft Veränderungen wie diese sein, die Unternehmen dazu motivieren, ihre althergebrachten Strukturen auf den Prüfstand zu stellen und die Augen für alternative Optionen zu öffnen.

Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass genau solche Anbieterüberprüfungen zu einer Form von Neubewertung der am Markt angebotenen Optionen führen werden – und anschließend zu der Erkenntnis, dass verschiedene Modelle „echten“ SaaS-Infrastrukturen zwar zunächst ähneln, bei genauerer Überprüfung aber nicht im gleichen Maß qualitative bzw. ökonomische Vorteile für Kunden generieren können. Dies kann so weit gehen, dass entsprechende Angebote aufgrund ihrer hohen Kosten für Kunden – und gegebenenfalls sogar für ihre Anbieter – vollständig an Attraktivität verlieren.

Welche Rolle spielt Kundenzentrierung dabei?

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Kundenzentrierung eine absolute Schlüsselrolle für den Erfolg einzelner Anbieter spielen wird. Aber Kundenzentrierung ist dabei kein Selbstzweck. Anbieter, die tatsächlich kundenzentrisch auftreten und agieren, zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Probleme ihrer Kunden zu ihren eigenen Problemen und das Angebot von Lösungen dieser Probleme zum Kern ihrer Produktentwicklungsstrategie machen.

Um dies zu erreichen, werden Anbieter im Finanzdienstleistungsbereich ein tief greifendes Verständnis dafür entwickeln müssen, mit welchen Herausforderungen sich institutionelle Anleger – seien es Versicherer, Pensionskassen oder Corporates – durch steigende Anforderungen und/oder überholte Infrastrukturen konfrontiert sehen. Häufig werden verschiedene Problemstellungen gleichzeitig auftreten und die Komplexität der Lösungsfindung dadurch weiter erhöhen. Anbieter müssen dann Produkte bereitstellen, die das Leben der Kunden wieder ganzheitlich, das heißt problemstellungsübergreifend, vereinfachen – und dies zu entsprechend niedrigeren Kosten. Im Bereich Asset-Management ergeben sich thematisch sehr ähnliche Herausforderungen wie auf der Anlegerseite. Kunden stehen vor dem Problem fragmentierter „Operating Models“, die dringend einer Entschlackung und Automatisierung bedürfen, um in der Folge eine besseres „Client Experience“ für die eigenen Kunden zu ermöglichen und dadurch eine Grundlage für eine höhere Kundenbindung sowie die Gewinnung von Neugeschäft zu schaffen.

Jede Organisation, die ihre Kunden dergestalt ins Zentrum ihrer Überlegungen stellt, wird insofern per se kundenzentrisch agieren – und langfristigere Kundenbeziehungen sowie nachhaltiges Wachstum verzeichnen können.

Herzlichen Dank für das Interview!

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Jens Kergaßner / Autor BankingHub

Jens Kergaßner

Senior Consultant Office Frankfurt

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