Der digitale Euro in der Planungspraxis: zeb-Sicht und Erkenntnisse aus den Marktgesprächen

Der digitale Euro ist weit mehr als eine bloße Funktionserweiterung: Er vereint eine neue Geldform, ein neues Zahlungssystem und ein neues Zahlungsmittel. Seine Einführung betrifft grundlegende Bausteine des Kundenerlebnisses, der operativen Prozesse und der gesamten bankseitigen Systemlandschaft.

In diesem Artikel schätzen wir die Betroffenheit von Zahlungskompetenzen bei den Issuing-Instituten. Außerdem, um über die regulatorische Analyse hinaus praxisnahe Einblicke in die Umsetzung zu gewinnen, haben wir mit Sebastian Braunwieser (SBS) und Boris Strucken (FIS) über die größten Herausforderungen in der Schnittstellenlogik und die strategischen Weichenstellungen, die Banken jetzt treffen müssen, gesprochen.

Betroffenheit von Zahlungskompetenzen durch den digitalen Euro

Der digitale Euro ist zugleich neue Geldform, neues Zahlungssystem und neues Zahlungsmittel. Für Retail-Banken ist er insbesondere auf der Issuing-Seite relevant, da er an mehreren Stellen in bestehende Zahlungsverkehrsfähigkeiten eingreift. Seine Einführung ist damit weniger als punktuelle Funktionserweiterung zu verstehen, sondern betrifft wesentliche Bausteine des Kundenerlebnisses, der operativen Prozesse und der zugrunde liegenden Systemlandschaft.

Aus Kundensicht wird dies vor allem in der Bank-App und in der Webplattform sichtbar. Der digitale Euro kommt mit einem Bündel an Basisleistungen. Diese erstrecken sich von der Online Bezahlung Peer-to-Peer, am POS und im eCommerce bis hin zu der reinen Offline-Bezahlung mit D€-Tokens. Bei Bedarf kann das Angebot auch um zusätzliche Services wie z.B. eine Ausstellung einer D€-Karte, oder dem Abo-Management erweitert werden. Der Kundenservice umfasst einen barrierefreien Multikanal-Support, der über digitale und persönliche Kontaktpunkte verpflichtend zur Verfügung gestellt wird. Außerdem wird die bestehende Produktlandschaft beeinflusst durch die Erweiterung des funktionalen Angebots und dem gleichzeitig erhöhten Margendruck aufgrund der erwarteten regulatorischen Bepreisung des Digitalen Euros.

Betroffenheitsmatrix: Digitaler Euro Abbildung 1: Betroffenheitsmatrix

Prozessuale Herausforderungen und Systemarchitektur

Auf Prozessebene folgt der digitale Euro einer eigenen Zugangs- und Steuerungslogik über den gesamten Kundenlebenszyklus hinweg. Authentifizierung, Registrierung, Kontoverknüpfung, Anbieterwechsel sowie Sperr- und Offboarding-Prozesse müssen eigenständig abgebildet werden. Besonders deutlich wird die zusätzliche Komplexität im Transaktionsmanagement: neben neuen Auslösern wie QR-Codes, Alias, DEAN und Zahlungslinks entstehen für die Bank zusätzliche Prüfungen vor dem Settlement sowie nachgelagerte Reconciliation- und Dispute-Prozesse.

Auswirkungen auf die bankinterne Liquiditätssteuerung und die zugrunde liegende IT-Infrastruktur

Mit dem digitalen Euro wird Liquidität stärker zu einem operativen Prozess, da das Funding und Defunding von Endkundentransaktionen automatisiert gesteuert und diese Mechanismen auch zur Ausstellung von Offline D€-Tokens genutzt werden. Damit erweitert sich auch die bankseitige Liquiditätssteuerung, die künftig nicht nur etablierte Kontenstrukturen, sondern zusätzlich den DESP DCA zur Deckung von D€-Transaktionen berücksichtigen muss.

Diese Veränderungen haben unmittelbare Auswirkungen auf die Systemlandschaft. Im Frontend wird die Einführung des digitalen Euro für den Kunden in den Kanälen am sichtbarsten; im Middle- und Backend steigt insbesondere die Verzahnung von Kontoführung, Transaktionssteuerung, Risiko- und Compliance-Funktionen. Eine zentrale Rolle kommt dabei der DESP-Schnittstelle zu, da sie das operative Rückgrat der D€-Services bildet und technisch wie prozessual eng in die bestehende Banklandschaft eingebunden werden muss.

Vorläufige Schätzung der Umsetzungskomplexität

Ergänzend zur regulatorischen und konzeptionellen Analyse führen wir im Rahmen laufender Planungs- und Vorstudienprojekte zum digitalen Euro gezielt Gespräche mit Marktteilnehmern und Technologieanbietern. Ziel der Gespräche ist es, die Hintergründe zentraler Design‑ und Umsetzungsfragen zu schärfen und daraus praxisnahe Implikationen für Banken abzuleiten. Die nachfolgenden Inhalte stellen dabei einen Auszug aus aktuellen Gesprächen dar, und entwickeln sich laufend weiter.

Schnittstellenausbau als Komplexitätstreiber

Boris Strucken
Boris Strucken, Head of Banking Germany, Fidelity Information Services GmbH

Die Interviews zeigen ein konsistentes Bild: Der digitale Euro ist weniger eine isolierte Funktionserweiterung, sondern wirkt sich auf fundamentale Bausteine der bestehenden Zahlungsverkehrsarchitektur aus. Vor allem im Austausch mit FIS als Kernbankenanbieter wurde deutlich, dass die Komplexität des digitalen Euro insbesondere in der Schnittstelle zwischen digitalem Euro und Buch‑ bzw. Giralgeld liegt.

Damit rücken insbesondere die Verzahnung von Kontoführung, Transaktionssteuerung und Settlement sowie die klare Rollenverteilung zwischen Bank und Dienstleister in den Fokus.

Kanäle und Offline-Fähigkeit

Sebastian Braunwieser, Business Development Manager bei SBS
Sebastian Braunwieser, Business Development Manager bei SBS

Aus der Kundenkanal‑Perspektive zeigt sich eine weitere Zuspitzung der Komplexität dort, wo mehrere Kanäle gleichzeitig betroffen sind. In Gesprächen mit SBS wurde deutlich, dass Kanäle wie App, Karte, POS‑Infrastruktur und SB‑Geräte künftig konsistent zusammenspielen müssen. Als kritische neue Anforderung wird hier vor allem die Offline‑Fähigkeit genannt.

Die Offline-Fähigkeit erfordert eine lokale Wertespeicherung in neuen Sicherheitsmechanismen (z. B. Secure Elements auf einem Smartphone) und die Anpassungen interner Prozesse, insbesondere für Reconciliation und Post-Settlement. Gerade in der SB‑Welt wird deutlich, dass Banken stark auf die Weiterentwicklung bestehender Lösungen angewiesen sind und Hardware‑Upgrades möglichst vermieden werden sollen.

Aus dem Karten- und Akzeptanzumfeld kam auch die Rückmeldung, dass aus heutiger Sicht vieles darauf hindeutet, dass der digitale Euro im Kartenkontext nicht als vollständig neue Kartenwelt, sondern als integrierte Erweiterung bestehender Kartenprodukte erwartet wird, zum Beispiel in Form einer Co‑Badge‑Lösung.

Allgemein sehen Anbieter ihre Rolle vor allem in der Umsetzung regulatorischer und technischer Vorgaben, um den bankseitigen Anpassungsaufwand beherrschbar zu halten.

Wir sehen also, es gibt einige bestehende Bankfähigkeiten, welche grundsätzlich tragfähig sind und andere, wo neue Kompetenzen aufgebaut werden müssen. Während viele Prozesse und Systeme (ggf. nach einer Anpassung) weiterverwendet werden können, verschieben sich die Komplexitätsschwerpunkte klar in Richtung Schnittstellen, kanalübergreifender Orchestrierung und operativem Liquiditätsmanagement, insbesondere im Kontext von Offline‑Transaktionen. Für Banken bedeutet das, frühzeitig strategische Entscheidungen zu treffen im Rahmen von Planungs- und  Vorstudien zu treffen – sowohl zur technischen Architektur als auch zur Frage, welche Kompetenzen sie selbst vorhalten und wo sie auf spezialisierte Partner setzen wollen.

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Der digitale Euro erfordert eine Neugestaltung der Zahlungsinfrastrukturen, Prozesse, Datenarchitekturen und der Kommunikation mit den Kund:innen.

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Mit dem digitalen Euro steigen auch die Anforderungen an das Datenmanagement, die Authentifizierung, Payment Initiation, Fraud Management und Dispute Management.

Sprechen Sie uns gerne an

Sie sollten nun in der Lage sein, über diese zentralen Punkte des Artikels zu sprechen:

Was bedeutet die Einführung des digitalen Euro für Retailbanken?

Der digitale Euro ist weit mehr als eine bloße Funktionserweiterung: Er stellt eine neue Geldform, ein Zahlungssystem und ein Zahlungsmittel dar. Für Banken betrifft dies grundlegende Bausteine wie das Kundenerlebnis, operative Prozesse (z. B. Onboarding und Sperrprozesse) sowie die gesamte zugrunde liegende Systemlandschaft.

Welche konkreten Bezahlmöglichkeiten bietet der digitale Euro den Kund:innen?

Kund:innen können den digitalen Euro über ihre Bank-App oder Webplattformen für Onlinebezahlungen (Peer-to-Peer, POS und E-Commerce) nutzen. Eine Besonderheit ist die reine Offlinebezahlung mit D€-Tokens, die eine lokale Wertespeicherung auf Sicherheitsmechanismen wie dem Smartphone erfordert.

Wo liegt die größte technische Herausforderung bei der Umsetzung?

Die Hauptkomplexität für Banken und Dienstleister liegt in der Schnittstelle zwischen dem digitalen Euro und dem bestehenden Buch- bzw. Giralgeld. Zudem müssen die verschiedenen Kanäle (App, POS, SB-Geräte) konsistent orchestriert werden. Insbesondere die Anforderungen an die Offlinefähigkeit und das automatisierte Liquiditätsmanagement (Funding/Defining) erfordern neue Kompetenzen.

Sprechen Sie uns gerne an!

Emmanuel Hammerer / Autor BankingHub

Emanuel Hammerer

Senior Consultant bei zeb Office Wien
Dennis Han / Autor BankingHub

Dennis Han

Senior Consultant bei zeb Office Wien

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