wikifolio Financial Technologies – Social-Trading-Plattform Interview mit Andreas Kern, CEO und Gründer von wikifolio.com

Hallo Andreas, vielen Dank, dass du dir Zeit für unser Gespräch nimmst. Ihr seid bereits seit 2012 mit wikifolio.com am Markt vertreten. Fass doch bitte einmal kurz euer Geschäftsmodell zusammen und erzähl uns, wie es zu der Gründung von wikifolio.com kam – inklusive des Schritts zur Umwandlung  in eine Aktiengesellschaft 2014.

Im Grunde ist das leicht erklärt, denn entstanden ist die Idee durch ein Gespräch mit meinem Bankberater. Es heißt, FinTechs schaffen Innovationen außerhalb von Banken. Das stimmt meiner Meinung nach nicht, weil mir die Idee kam, als mir mein Bankberater ein Produkt verkaufen wollte. Es ging um ein Anlageprodukt mit abenteuerlichen Versprechungen, als ich es jedoch einem Backtesting unterzog, wurde in keinem Jahr seit 1953 die versprochene Performance von 20 % erreicht. Und dann habe ich mir gedacht – unglaublich, mit welchem Charme die Bank mir ein Produkt verkauft, das mir nur das Geld „aus der Tasche zieht“. Anschließend habe ich zum einen darüber nachgedacht, wie aus meiner Sicht Finanzprodukte erstellt oder entstehen sollen und andererseits, wie sie vermarktet werden sollen. So ist die Idee zu wikifolio.com aufgekommen.

In der Produkterstellung sind wir sehr disruptiv, denn jeder kann ein wikifolio erstellen. wikifolio.com ist eine Plattform, auf der im Augenblick über 20.000 Strategien verglichen werden können – davon sind etwa 8.000 investierbar und bilden die Basis für ein wikifolio-Zertifikat, das man bei jeder Bank kaufen kann. Denn gibt es für ein veröffentlichtes wikifolio zehn Unterstützer in der Community, entsteht auf Basis dieses Portfolios ein börsengelistetes Finanzprodukt, in das Anleger über ein Brokerkonto oder ihre Bank investieren können. Der Kunde bekommt so – ohne Tracking-Error – exakt die Performance des Traders bzw. seines Portfolios. Darüber hinaus kann jeder in Echtzeit beobachten, was der Trader in seinem Portfolio macht – der Kunde genießt also maximale Transparenz. Diese Transparenz ist ein ganz wesentlicher Faktor, um Vertrauen zu schaffen, sie hilft Interessenten und Kunden aber auch beim Lernen und Reflektieren von Investmententscheidungen.

Im Jahr 2014 haben wir eine Kapitalerhöhung durchgeführt und uns in diesem Zusammenhang gleichzeitig zu einer Umwandlung in eine AG entschieden. Damals stand das Thema Mitarbeiterbeteiligung im Vordergrund, und dieses ist bei einer AG wesentlich einfacher zu gestalten als bei einer GmbH.

Welche Zielgruppe sprecht Ihr aktuell an und welche Zielgruppe seht ihr in Zukunft für wikifolio?

Auf der Investorenseite ist es der Selbstentscheider oder der, der es bald werden möchte, folglich der Interessierte. Das ist meist ein Privatanleger, der bei uns im Schnitt zwischen 10.000 und 15.000 EUR in mehrere wikifolio-Zertifikate investiert hat und noch andere größere Portfolios hat. Wir sind in der Regel eine Beimischung, ein aktiver Satellit. Da sind überwiegend Männer zwischen 35 und 60 Jahren vertreten. Wir sehen einen gewissen Schwerpunkt auch bei einer Jugendzielgruppe, die mit Blick auf die Anzahl „ins Gewicht fällt“ und ein bisschen weniger investiert. Auch Jungakademiker im ersten Job, die gerade beginnen, ihr erstes Geld anzulegen, finden uns typischerweise attraktiver als Dachfonds. Zusätzlich sprechen wir Vermögensverwalter an, die mit uns den Einstieg ins digitale Marketing finden wollen.

Für die Zukunft wollen wir die Zielgruppe Schritt für Schritt verbreitern und mehr Leute für das Thema Aktien und konkret wikifolios begeistern. Darum haben wir das wikifolio Mediahouse gegründet – mit dem Ziel, Menschen für aktienrelevante Inhalte zu begeistern. Hier sehen wir eine besondere Chance, da wir durch unsere Community immer entsprechende Daten haben. So können wir Interessierten zum Beispiel Mehrwert liefern, indem wir die Meinungen der Trader zum DAX-Aufsteiger Wirecard bei uns im Blog leicht verständlich zusammenfassen oder zeigen, dass die Trader bei uns Wirecard schon frühzeitig erkannt und entsprechende Handelsaktivitäten gesetzt haben. Das sind Analysen, Hintergrundwissen und Einschätzungen, die wir aus unseren Daten herausziehen können und Interessierten zur Verfügung stellen wollen.

Wen seht ihr als euren größten Mitbewerber? Merkt ihr, dass etablierte Marktteilnehmer auf euch reagieren, und wenn ja, wie?

Wir haben keinen eindeutigen Mitbewerber. Andere Social-Trading-Plattformen sind verspielter und spekulativer unterwegs, mit viel kleineren Beträgen, allerdings mit viel größeren Risiken. Da sehen wir so gut wie keinen Zusammenhang. Andere Challenger wie Robo-Advisor haben eine völlig andere Positionierung als wir und aus meiner Sicht ein viel langweiligeres Geschäftsmodell mit geringeren Margen und kaum entsprechenden Innovationspotenzialen. Und die ganz großen Anbieter, mit Blick auf Fonds, sind so groß, die spüren uns gar nicht – da können wir noch zehnmal so groß werden. Also haben wir eine Nische sehr gut besetzt, die wir jetzt schrittweise ausweiten wollen.

Gleichzeitig mögen uns andere Player, zum Beispiel Onlinebroker, weil wir das Thema Aktien und Geldanlage gut aufbereiten und viele Daten haben, aber nicht in direkter Konkurrenz stehen. Die Broker sehen auch, dass Kunden, die wikifolios erstellen, generell aktiver sind. Es gibt ein großes Segment von Anlegern, die durchaus Orientierung brauchen, aber keine Beratung wollen bekommen. Und genau das leisten wir. Wir geben Orientierung, zeigen auf, ohne zu beraten. Trotzdem ist der Anleger nicht alleine gelassen, weil er sieht, was die anderen machen. Er kann über das wikifolio-Zertifikat direkt folgen oder daraus abgeleitet selber Entscheidungen treffen.

Jedes wikifolio kann als fiktives Referenzportfolio dienen, auf das sich ein betreffender wikifolio-Index bezieht. Hierauf begibt die Lang & Schwarz AG Endlos-Indexzertifikate. Das Wertpapier wird dann an der Börse Stuttgart gelistet. Diese Kooperation mit der Stuttgarter Börse besteht bereits seit 2012. Was waren die entscheidenden Faktoren für die Zusammenarbeit?

Die Börse Stuttgart ist bei strukturierten Produkten/Privatanlegern die größte Börse in Europa. Sie hat das Potenzial auch frühzeitig erkannt und war für uns der Wunschpartner. Jetzt hat die Börse Stuttgart auch konkretere Pläne, neue Märkte zu betreten, denn sie hat jetzt die BX Swiss gekauft und schon vor vielen Jahren die Nordic Growth Market (NGM). Damit haben wir einen sehr starken europäischen Partner, der ebenfalls auf Wachstumskurs ist.

Wie hat sich seit der Gründung die Anzahl publizierter und investierbarer wikifolios entwickelt? Wie sieht in diesem Zusammenhang die Entwicklung des Handelsvolumens aus?

Die Entwicklung der wikifolios geht sehr konstant und ständig nach oben. Das Handelsvolumen hängt ein bisschen mehr von der Marktlage ab, es schwankt zwar ein wenig, aber der Trend geht nach oben.

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Im März 2017 habt ihr ein Besicherungskonzept für Social-Trading vorgestellt. Seitdem werden Investitionen in wikifolio-Zertifikate abgesichert. Wie kam es zu diesem Schritt – wurde dieses Bedürfnis speziell von den Anlegern kommuniziert?

Von den Anlegern kam das gar nicht so stark. Einige unserer Partner, speziell die Vermögensverwalter, haben gesagt, dass es ein wichtiger Faktor sei. Deswegen haben wir versucht, eine Lösung zu finden, was sehr zeitintensiv und natürlich auch eine Kostenfrage war. Wir haben es aber geschafft, ohne die Kostenstruktur nach außen zu verändern, trotz Besicherung – also „for free“ für die Kunden. Man muss auch bedenken, dass wir sehr viele, sehr aktive Trader auf unserer Plattform haben, da ist unsere Besicherung schon einzigartig. Es gibt diverse Besicherungsansätze am Markt, die aber nicht gratis zu bekommen sind. Auch gibt es am Markt keine Besicherung für wirklich aktive Strategien.

Seit Anfang August 2018 bietet ihr wikifolio-Zertifikate auch in Schweizer Franken über die Schweizer Börse (BX Swiss) an. Wie kam es zu diesem Schritt und wie wurden die Zertifikate von Kapitalanlegern des Schweizer Markts aufgenommen?

Wir haben die bestehenden in Euro geführten wikifolios in Schweizer Franken gelistet. Aber wir haben noch nicht mit der vollen Kommunikation zum Retailkunden begonnen, weil noch ein Teil fehlt, nämlich die Listung von in Schweizer Franken geführten wikifolios. Dies steht kurz vor der Fertigstellung, danach wird es auch einen stärken Marktlaunch in der Schweiz geben. Die Motivation, die Schweiz jetzt systematisch anzugehen, ist auch unserer Shareholderstruktur geschuldet. Die PostFinance als unser Shareholder und gleichzeitig als eine der größten Schweizer Retailbanken hat ebenfalls Interesse, das Thema Aktien in ihrer Kundenbasis noch viel breiter zu vermarkten – dabei sind wir ein Baustein in deren Vermarktungsstrategie.

Zwei wesentliche Gesellschafter von wikifolio sind seit 2017 die PostFinance AG und NewAlpha Asset Management. Was sind aus deiner Sicht entscheidende Faktoren bei der Auswahl von Partnern?

Nachdem das immer eine langfristige Beziehung ist, braucht man einen Partner, der vertrauensvoll ist, berechenbar, hinter dem Thema steht und die Sache auch begreift. Der Kapitalmarkt hat so viele Facetten, darum ist es gut, dass unsere Shareholder ein gutes Verständnis vom Markt haben, denn das ist notwendig für eine vertrauensvolle Beziehung. Aus Deutschland haben wir mit dem Handelsblatt ein Wirtschaftsmedium und mit Lang & Schwarz einen Market Maker als Shareholder. Weitere Shareholder sind mit PostFinance eine Schweizer Retailbank, ein österreichischer Venture Capitalist und ein französischer Asset-Management-Spezialist. Im Grunde haben wir in vier Märkten unterschiedliche Rollen, d. h., wir haben uns in vielen Ländern in allen Funktionen ein sehr gutes Netzwerk aufgebaut. Deswegen bin ich sehr zufrieden mit unserer Shareholderstruktur, und das schafft auch ein gewisses Vertrauen, denn es sind sehr starke Namen dabei. PostFinance und Handelsblatt sind sehr bekannt, aber auch NewAlpha besitzt eine riesige Reputation im Bereich Asset-Management.

Ihr versucht, in Kooperation mit dem digitalen Vermögensverwalter Werthstein Investitionen in Geldanlagen noch einfacher zu gestalten. Was steckt konkret hinter diesem Konzept? Konntet ihr damit bereits weiteres Wachstum generieren?

Das Projekt ist noch in einer sehr frühen Phase, und Werthstein ist relativ neu gestartet. Auslöser war, dass wir eine ähnliche Zielgruppe ansprechen, ähnlich denken und ähnliche Ziele verfolgen – nämlich die Leute sehr transparent mit spannenden Inhalten rund um Investitionsmöglichkeiten zu versorgen. Darüber hinaus ist unser Angebot komplementär, denn wikifolio.com bietet eine Beimischung und hat nicht den Ansatz einer Gesamtvermögenslösung wie Werthstein. Wir können dem Kunden aber zeigen, dass Werthstein eine Lösung für ihr Gesamtportfolio hat, in der auch wikifolio-Zertifikate eine Rolle spielen.

Abschließend möchten wir gerne noch etwas über eure Zukunftspläne erfahren. Was sind eure nächsten Meilensteine und welche allgemeinen Herausforderungen siehst du in naher Zukunft für wikifolio?

Große Meilensteine kann ich nicht direkt ankündigen. Rund um das wikifolio.com Mediahouse wird einiges passieren. Wir haben vor ein paar Wochen unsere neuen Einzelwertseiten auf wikifolio.com gelauncht. Dort kann man sich gezielt über Aktien informieren, die Kommentare der Trader zu diesen Werten lesen oder nachsehen, welcher Trader was gekauft hat. Zusätzlich arbeiten wir gerade an der interaktiven Darstellung des Sentiments. Im Vergleich zu anderen Webseiten können wir zum einen eine werbefreie, angenehme User-Experience bieten, und zum anderen erhalten wir Daten aus der Community, die wirklich spannend sind. Wir haben jetzt gerade Teams aufgestockt. Im Development hatten wir im letzten Jahr ein Team für alles, jetzt haben wir vier. Die sind nun langsam eingearbeitet und werden zunehmend neue Funktionen umsetzen. Darüber hinaus stocken wir unser Team noch weiter auf und sind aktuell auf der Suche nach Unterstützung in allen Bereichen.

Wir wünschen euch viel Erfolg dabei und danken dir für das spannende Gespräch und die tiefen Einblicke.

Ich sage Danke.

 

Weitere Informationen zu MotionsCloud finden Sie auf dem Fintech Hub by zeb.

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Oliver Lehner

Senior Consultant Office Wien

Marcel Kolbecher

Senior Consultant Office Berlin

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