FinTechs und Banken: Konkurrenten oder starke Partner?

Nicht erst die letzte große Finanzkrise hat es an den Tag gebracht: Traditionelle Banken müssen sich verändern, wenn sie ihre Produkte und Dienstleistungen entlang den Wünschen und dem Anspruch ihrer Kunden konzipieren wollen. Ganz oben auf der „Hausaufgabenliste“ steht das Thema Digitalisierung. So ergab die Untersuchung TSYS German Consumer Payments Study 2015, dass über 50% der Befragten ihre Bankgeschäfte vorzugsweise digital tätigen. Der Erfolg vieler neuer FinTechs zeigt den Finanzinstituten zusätzlich, wohin die Reise gehen muss.

Dr. Guido Sandler ist Gründer und CEO der Crowdinvesting-Plattform BERGFÜRST. Er war u. a. Gründer und Vorstand der Berliner Effektenbank AG und der E*Trade Bank AG. In unserem Interview beleuchten wir die Synergieeffekte zwischen FinTechs und Banken, erfahren, was eine Banklizenz für ein FinTech-Unternehmen bedeutet, und wir fragen den ehemaligen Banker, was traditionelle Finanzinstitute bei einer Kooperation mit jungen Finanz-Start-ups beachten sollten.

Philip Beyer: Herr Dr. Sandler, stellen Sie uns doch bitte Ihr Unternehmen in wenigen Sätzen vor.

Dr. Guido Sandler: BERGFÜRST ist eine führende Plattform für Immobilien-Crowdinvesting, auf der Privatanleger sich mit geringen Beträgen an Immobilienprojekten beteiligen können und Zinsen von 3,5–7 % p. a. für Mezzanine Kapital erhalten. Unsere Anleger investieren 100 % gebührenfrei, ohne Agio, Provisionskosten, Konto- oder Verwaltungsgebühren. Darüber hinaus bieten wir – und das ist einzigartig in Deutschland – einen Sekundärmarkt für alle BERGRÜRST-Beteiligungen, sodass die Privatanleger laufzeitunabhängig bei ihren Anlageentscheidungen flexibel bleiben.

BERGFÜRST hatte ursprünglich einen Fokus auf Unternehmensfinanzierungen. Aktuell konzentrieren Sie sich ausschließlich auf den Bereich Immobilien. Wie kam es zu dieser Verlagerung und wie werden Sie Ihr Geschäftsmodell weiter entwickeln?

Im Gegensatz zu anderen Plattformen wollten wir keine Gründungs-, sondern Wachstumsfinanzierungen bereitstellen. Eines unser Auswahlkriterien war, dass bereits professionelle Investoren beteiligt sind, damit unsere Anleger sicher sein konnten, dass die Unternehmen ordentlich überwacht werden. Diese professionellen Investoren erwiesen sich allerdings als sehr zurückhaltend, wenn es um die Aufnahme von Streubesitzaktionären ging.

Im Bereich Immobilien sind die Strukturen anders und es gibt weder von Emittenten noch von Investoren Vorbehalte. Projektgesellschaften zeigten sich von Beginn an gegenüber einer komplementären Finanzierungsform, die ihnen zudem spannende Marketingeffekte bietet, sehr aufgeschlossen. Und unsere Anleger nahmen die konservative Anlageklasse Immobilien gerne an. Wohl auch, weil wir sie, dank unserer umfangreichen Dokumentation, in die Lage versetzen, das Chancen-Risiken-Profil eines Objekts gut einschätzen zu können. Dazu kommt, dass der Einstieg bereits ab 10 EUR möglich ist: So kann man mit jedem Budget ein diversifiziertes Portfolio aufbauen und das Risiko breit streuen.

Bezüglich der zukünftigen Ausrichtung unseres Geschäftsmodells lässt sich sagen, dass wir unsere Plattform von vorne herein so konzipiert haben, dass sie viele weitere Produktarten und Asset-Klassen abbilden kann. In der näheren Zukunft steht unser Wachstum ganz oben auf der Agenda. Wir wollen in allen Bereichen größer werden – was unsere Kundenbasis angeht, die Zahl der Emittenten, die Immobilienarten und auch bezüglich der Regionen, die wir abdecken. Und wir werden uns bei den Standorten auch nicht allein auf Deutschland beschränken. Ein weiteres, spannendes Thema für uns sind Kooperationen. Da führen wir viele spannende Gespräche mit unterschiedlichen Partnern – u. a. auch mit klassischen Banken, die dieses Thema zunehmend interessiert.

Spannend finde ich das Thema Banklizenz. BERGFÜRST war eine Bank und hat dann die Lizenz zurückgegeben. Können Sie uns sagen, wie aufwändig das Erlangen der Banklizenz für ein FinTech-Unternehmen war und was die Gründe für die Aufgabe waren?

Für uns als BERGFÜRST war das Erlangen der Banklizenz nicht sehr aufwändig, da wir bei der Konzeption unseres Geschäftsmodells viele Prozesse und Richtlinien aus der Bankenwelt bereits sozusagen selbstverpflichtend implementiert hatten. Das Erlangen der Lizenz gestaltete sich also überschaubar, auch wenn der Prozess systembedingt lang war. Das Arbeiten mit der Lizenz erwies sich jedoch zunehmend als schwierig. Als FinTech-Unternehmen ist es beispielsweise überlebenswichtig, regelmäßige Anpassungen am Geschäftsmodell vorzunehmen – und das in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen. Viele dieser Anpassungen müssen der BaFin vorgelegt werden und diese Abnahmeprozesse nahmen teilweise Monate in Anspruch – das kann sich ein junges FinTech-Unternehmen schlicht nicht leisten. Dazu kam, dass die Börsenaufsicht der BaFin ein Jahr, nachdem wir unsere Erlaubnis für unser gesamtes Geschäftsmodell einschließlich dem Sekundärmarkt von der Bankenaufsicht der BaFin erhalten hatten, in den Raum stellte, dass wir nun auch noch eine volle Börsenerlaubnis beantragen müssten. Kosten, Rechtsunsicherheit und zeitlicher Aufwand bewogen uns zur Volte. Schweren Herzens haben wir unsere Erlaubnis zurückgegeben. Die qualitativ hochwertigen und umfassenden Dienstleistungen nutzen wir in geänderter juristischer Struktur weiter. Ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu unseren Mitbewerbern.

Wenn eine eigene Banklizenz für FinTech-Unternehmen eine große Herausforderung darstellt oder nicht erstrebenswert ist, sind dann Bankenkooperationen die bessere Idee? Wie müssten diese Kooperationsmodelle aussehen, sodass sie für FinTech-Unternehmen von Interesse sind?

FinTechs ohne eigene Bankerlaubnis stoßen bei der Ausgestaltung der Anlageprodukte und auch bei den Prozessen der Finanztransaktionen an Grenzen, die sie nur mithilfe einer Bankenkooperation überwinden können. Zentrale Themen sind z. B. das Führen von Guthabenkonten, die Inanspruchnahme eines Haftungsdachs für ein vielfältigeres Produkt- und Asset-Klassen-Portfolio und natürlich profitiert man auch von einem weiteren Vertriebskanal. Traditionelle Geldinstitute stehen auf der anderen Seite vor der Frage, wie sie die zunehmende Nachfrage ihrer Kunden nach innovativen Anlageprodukten und schlankeren Investitionsprozessen befriedigen können – ohne diese neuen Geschäftsfelder inhouse aufzubauen und die entsprechenden Investitionen, was Manpower und Infrastruktur angeht, leisten zu müssen. Kann man sich in diesen Bereichen ergänzen, profitieren beide Seiten und die Zusammenarbeit ist für alle Beteiligten gleichermaßen interessant.

Da stellt sich natürlich schon die Frage nach dem Konkurrenzgedanken. Ermöglichen Banken durch derartige Kooperationen nicht lediglich die Geschäftsmodelle ihrer Konkurrenten, den FinTech-Unternehmen?

Ich würde Banken und FinTechs ungern aus dieser Konkurrenzperspektive betrachten, da auf diese Weise der Blick auf die Synergieeffekte versperrt bliebe. Wie zuvor beschrieben sollten sich beide Seiten vielmehr auf ihre Stärken konzentrieren und sich als Komplementär zueinander verstehen.

Herr Dr. Sandler, Sie haben ja auch einen beruflichen Hintergrund als Banker. Was glauben Sie denn, müssten Banker bei Kooperationen mit FinTechs beachten?

Beim Thema Investitionen und Finanztransaktionen sind Sicherheit und Vertrauen zentral. Potenzielle Partner sollten in diesem Bereich eine Sprache sprechen und die gleichen Standards gesetzt haben. Gerade bei jungen FinTech-Unternehmen muss man auf ihre Verlässlichkeit achten, die implementierten Sicherheitsstandards und den Track Rekord kennen. Darüber hinaus sollten auch die Unternehmenskulturen und die Außendarstellung sowie das Image zueinander passen.

Da wir die ganze Zeit von Kooperationen sprechen. Welche Kooperationspartner hat Bergfürst und ist geplant, das Kooperationsnetzwerk weiter auszubauen? Welche Erfahrungen konnten Sie bisher mit Kooperationen sammeln?

Das Thema Immobilien-Crowdinvesting ist noch jung, stößt aber bei unterschiedlichen Partnern auf großes Interesse. An erster Stelle sind da Finanzvertriebe zu nennen, die sich allerdings an unseren geringen Gebühren den Kopf zerbrechen. In der „alten Welt“ wurden gerne mal 10 % und mehr Vertriebsprovision gezahlt. Zusätzlich wurde noch die Konzeption und Vorbereitung der Emission bezahlt. Wir erhalten insgesamt 3,5 % für die Vorbereitung und Durchführung eines Projekts. Investoren wollen, dass ihr Geld im Projekt ankommt und nicht auf dem Weg dahin versickert. Nachdem sich unser Geschäft positiv entwickelt, sind nun aber auch erste Vertriebsorganisationen bereit, über eine Integration unseres Angebots in ihre Produktpallette nachzudenken. Dabei erhalten sie einen Teil aus unserer Provision. Das sind gute Nachrichten für Privatanleger. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis wir die ersten Kooperationspartner anbinden.

Weitere Informationen zu BERGFÜRST finden Sie auf dem Fintech Hub by zeb.

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