Die Blockchain-Technologie im Versicherungswesen Gefahr oder Chance für die Versicherer?

Die Blockchain-Technologie zählt zu den heißesten Themen in der Finanzindustrie. Praktisch alle großen Banken forschen zu möglichen Blockchain-Anwendungen und untersuchen deren Auswirkung auf den Finanzsektor. Doch was ist mit der Versicherungsbranche?

Die Versicherungsbranche hat sich bislang zu dem Thema Blockchain eher bedeckt gehalten und das Geschehen von der Seitenlinie aus betrachtet. Die gegenwärtig enorme Präsenz des Themas Blockchain hat die Versicherer allerdings dazu gedrängt, sich mit der neuen Technologie auseinanderzusetzen. Um diesem Innovationsdruck nachzugeben entstehen nun wie bei den Banken Forschungsinitiativen. So haben sich unter anderem die Versicherer Allianz, Aegon, Münchener Rück, Swiss Re und Zurich zu dem Blockchain-Konsortium Blockchain Insurance Industry Initiative zusammengetan.

Ziel dieser Initiative ist es herauszufinden, inwiefern die Blockchain-Technologie dabei helfen kann den Aufwand für die Dokumentation und Verwaltung von Versicherungsverträgen zu reduzieren sowie Informations- und Geldflüsse bei gleichzeitig besserer Nachprüfbarkeit zu beschleunigen.

Was kann die Blockchain-Technologie im Versicherungswesen leisten?

Ein großes Potenzial bietet die Blockchain-Technologie bei der automatisierten Verarbeitung von digitalen Verträgen und Transaktionen. Die Funktionen bzw. Eigenschaften Dezentralität, Transparenz, Schutz vor Manipulation und Peer-to-Peer können dazu beitragen, Verträge in einem verteilten System zu speichern und den Verwaltungsaufwand im Rahmen einer einheitlichen Vertragsausführung zu reduzieren.

Konkret sollen sogenannte Smart Contracts (in Programmcode integrierte Verträge), die auf einer Blockchain hinterlegt sind, die Automatisierung ermöglichen. Auf diese Weise können Vertragskonditionen in einem Versicherungsvertrag festgelegt und bei Eintreffen des Schadenfalls ausgeführt werden – ganz ohne das Zutun eines Sachbearbeiters.

In diesem Zusammenhang hat die Allianz erfolgreich ein Pilotprojekt durchgeführt, bei dem Swaps und sogenannte Katastrophen-Anleihen über Smart Contracts gesteuert bzw. gehandelt wurden. Das Prinzip hinter den automatisierten Verträgen ist simpel: Tritt ein zuvor festgelegtes Ereignis (z. B. Sturmflut oder Erdbeben) ein, werden die vordefinierten Daten aller Teilnehmer erfasst, sodass automatisch alle Zahlungen zu oder von den Vertragspartnern ausgeführt werden.

So wäre es beispielsweise darstellbar, dass ein Erdbeben einer bestimmten Stärke automatisch eine Zahlung des Rückversicherers auslöst, an den der Erstversicherer einen Teil des Erdbebenrisikos weitergereicht hat. Aber auch Mikroversicherungen mit sehr niedrigen Abwicklungskosten, z. B. in der Landwirtschaft und insbesondere in den Entwicklungsländern, könnten effektiv mithilfe von Smart Contracts umgesetzt werden. Entsprechend wäre es denkbar, dass bei Eintreten eines Ernteausfalls die Klimadaten vom System überprüft werden und bei eintreffendem Versicherungsfall eine Auszahlung veranlasst wird.

Der Fantasie der Versicherer sind kaum Grenzen gesetzt. Insbesondere der Bereich Internet of Things (IoT) bietet großes Potenzial, neue Versicherungsprodukte zu erstellen. Auf diese Weise könnten Elektronikgeräte, egal ob im Auto oder der Küche, mit einem Blockchain-Netzwerk verbunden werden, welches Versicherungspolicen mithilfe von Smart Contracts integriert.

Neben einer solchen Automatisierung, die primär die Effizienz erhöht und die Kosten senkt, bietet die Blockchain vor allem die Möglichkeit, Versicherungsrisiken und Missbrauch zu reduzieren. In der Schadensabwicklung (z. B. bei einem Autounfall) können durch einen Smart Contract vordefinierte Vertragskonditionen in den Auszahlungsprozess eingebettet werden. Dadurch könnte unter anderem sichergestellt werden, dass Versicherungsgelder nur ausgezahlt werden, wenn sich der Versicherte an die Vertragsbedingungen (z. B. Reparatur des Autos in einer von der Versicherung festgelegten Werkstatt) hält. Auch Versicherungsbetrug könnte, durch ein transparentes Blockchain-Register und automatisierte Mechanismen, deutlich reduziert werden. Dem missbräuchlichen Versuch, bereits ausgezahlte Versicherungsprämien ein wiederholtes Mal einzufordern, könnte damit effizient entgegengewirkt werden.

Blockchain-Insurance: Überwiegen die Vorteile?

Bis es zu einer kommerziellen Nutzung dieser Blockchain-Pilotprojekte kommt, müssen noch einige technische und rechtliche Fragen geklärt werden. Des Weiteren bedarf es Mindeststandards für den Austausch von Daten sowie eine Netzwerkinfrastruktur, die Interkonnektivität und Interoperabilität ermöglicht. Vor diesem Hintergrund liegt ein Schwerpunkt der Blockchain Insurance Industry Initiative in der Ausgestaltung regulatorischer Maßnahmen.

Zudem muss berücksichtigt werden, dass eine konsequente Umsetzung der Blockchain-Technologie einen neuen Grad an Transparenz hervorrufen würde, der nicht zwangsläufig im Interesse der Versicherer ist. Schließlich würden alle nicht privaten Kundendaten, die das reine Processing der Zahlungen und das der Versicherungsfälle betreffen, für jeden, also auch für die Versicherungsnehmer und Mitbewerber, ersichtlich über eine Blockchain abgewickelt werden. So viel Transparenz könnte den Druck auf die Versicherer erhöhen, hohe Prämien zu reduzieren und bestehende Geschäftsmodelle zu streichen. Entsprechend sind die großen Versicherer nur an bestimmten Eigenschaften der Blockchain-Technologie, die vor allem die Kosten senken, Risiken reduzieren und neue Versicherungsprodukte ermöglichen, interessiert.

Ob die Vorteile der Blockchain-Technologie für die Versicherer überwiegen oder ob es zu einer für die etablierten Versicherungskonzerne nachteiligen Disruption kommt, wird die Zukunft zeigen. Die Versicherungskonzerne stehen genau wie die Banken vor der Herausforderung, auf der einen Seite ausreichend innovativ zu sein, um nicht Gefahr zu laufen, Marktanteile an Start-ups und FinTechs zu verlieren, und auf der anderen Seite sich nicht selbst abzuschaffen.

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