Die Profitabilitäts- und Kapitallücken europäischer Banken … und wie sie geschlossen werden können

Veröffentlicht in Thomson Reuters

Zum Ende des Jahres 2017 stehen viele europäische Banken vor wichtigen Weichenstellungen für die kommenden Jahre. So haben sich europäische Wirtschaft und Kapitalmärkte seit dem Ende der Euroschuldenkrise im Jahr 2015 deutlich erholt. Zusätzlich verstärken sich die Anzeichen auf eine nachhaltige Zinswende. Viele Banken haben damit den akuten Krisenmodus weitgehend hinter sich gelassen und müssen sich jetzt umso intensiver mit grundlegenden strategischen und operativen Fragen beschäftigen. Deren Beantwortung ist umso drängender, da sich mit den verbesserten Rahmenbedingungen zwar neue Möglichkeiten für Überschüsse und Wachstum ergeben, die allgemeine Verfassung vieler Banken in Europa aber immer noch als unbefriedigend bezeichnet werden muss.

Fehlende Profitabilität bleibt größte Herausforderung

Das größte Problem des Sektors allgemein bleibt die mangelnde Profitabilität. Obwohl sich seit 2012 Überschüsse und Profitabilität schrittweise verbesserten, bleiben sie nach wie vor teilweise deutlich unter den von den Investoren eigentlich geforderten Eigenkapitalkosten. Nach einem für viele Institute enttäuschenden und durch weitere Einmaleffekte geprägten Jahr 2016, in dem die größten 50 europäischen Banken eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite nach Steuern von 4,1% erzielten, deuten die bisherigen unterjährigen Ergebnisse zwar auf ein deutlich besseres Jahr 2017 hin. Die im Durchschnitt zu erwartenden 6,5-7,0% Eigenkapitalrendite nach Steuern sind aber nach wie vor zu niedrig. Dies wiegt umso schwerer, als dass ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt, dass das Ansteigen der Überschüsse vieler Institute zu einem überwiegenden Teil das Ergebnis rückläufiger Rechtskosten, Restrukturierungskosten und Kreditausfälle ist. Sie stammen damit nicht aus Verbesserungen des operativen Bereichs – d.h. aus höheren Erträgen und/oder niedrigeren Personal-/Sachkosten – sondern sind vielmehr zu einem großen Teil getrieben durch die Überwindung der vorherigen Krisen und dem verbesserten gesamtwirtschaftlichen Umfeld. Die operative Profitabilität vieler europäischer Institute hat sich damit im Durchschnitt der vergangenen Jahre verschlechtert.

Deutlich erfreulicher ist der Blick auf die Kapitalseite. So ist es durchweg positiv zu beurteilen, dass europäische Banken über die vergangenen Jahre hinweg ihre Kapitalausstattung natürlich regulatorisch getrieben, trotzdem aber deutlich verbessert haben. Betrug die harte Kapitalquote der 50 großen Banken in Europa zum Ende des Jahres 2014 noch 12,2%, sollte sie – nach 13,5% in 2016 – Ende 2017 bereits auf knapp 14% steigen. Sie liegt damit aktuell deutlich über den Anforderungen des Marktes, welche sich bei rund 12,5% bewegen. Die Verschuldungsquote (Leverage Ratio) zeigt eine sehr ähnliche Entwicklung und auch die regulatorischen Liquiditätskennziffern sind derzeit deutlich über den Mindestanforderungen.

Unbefriedigend bleibt, dass sich in den letzten Jahren – mit Blick auf die reinen Zahlen – der Abstand zwischen erfolgreich und weniger erfolgreich agierenden Instituten vergrößert hat. Eine Erholung auf breiter Basis ist also im europäischen Bankensektor nicht wirklich zu erkennen. Dies verdeutlicht auch ein Blick auf die Kapitalmärkte. Zwar haben sich einige europäische Bankaktien in den vergangenen Jahren insgesamt sehr positiv entwickelt, auf lange Sicht ist die Wertentwicklung in den letzten 10 Jahren aber immer noch negativ und liegt deutlich hinter US-amerikanischen oder chinesischen Instituten.

Schließung zukünftiger Profitabilitäts- und Kapitallücken schwierig, aber machbar

Bei dieser unbefriedigenden Ausgangslage bleibt auch der Blick auf die Entwicklung der kommenden Jahre in vielen Fällen getrübt. Trotz erster Anzeichen eines möglichen Nachlassens des enormen regulatorischen Drucks und einer Verbesserung des Zinsumfelds zeigen Simulationen unterschiedlicher Szenarien, dass die Profitabilität selbst bei einer sehr optimistischen Entwicklung des regulatorischen und gesamtwirtschaftlichen Umfeldes ohne fundamentale Maßnahmen des Managements lediglich auf dem aktuell niedrigen Niveau verharren sollte. So schlagen sich zum einen mögliche höhere Zinsen meist nur schrittweise in den Gewinn- und Verlustrechnungen der Banken nieder, zum anderen belasten – trotz allem – weiter steigende regulatorische Kosten die Institute. Auf der Kapitalseite geraten die in der Vergangenheit mühsam verbesserten Kapitalquoten, insbesondere durch die vielfach unter dem Oberbegriff „Basel IV“ bzw. „Basel III.5“ zusammengefassten Initiativen, zukünftig unter enormen Druck. Obwohl die finale Ausgestaltung wichtiger Bestandteile des Gesamtpakets, wie der sog. „Floor“ in der Ermittlung des Kreditrisikos, noch aussteht, muss (Stand heute) davon ausgegangen werden, dass sich die größten europäischen Institute einem Anstieg der risikogewichteten Aktiva von durchschnittlich rund 30-35% gegenübersehen. Neue Profitabilitäts- und insbesondere Kapitallücken sind die Folge.

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Dennoch sind wir davon überzeugt, dass die europäischen Banker diese Probleme erfolgreich lösen können. Bei einer stringenten, konsequenten (und in vielen Fällen harten) Umsetzung besitzt das klassische Kosten- und Ertragsmanagement in vielen Instituten nach wie vor genug Potenzial, die Profitabilität auf ein Niveau zurückzuführen, das auch aus Aktionärs- und Marktsicht ausreichend ist. Proaktives Bilanzmanagement, unter Verwendung von neuen Risikomanagementtechniken, kann die Kapitalquoten wesentlich stabilisieren und teilweise sogar verbessern, selbst bei voller Umsetzung der geplanten regulatorischen Maßnahmen. Im Bereich der Digitalisierung schaffen eigene, mutige Initiativen klassischer Banken oder Kooperationen mit FinTechs neue Wachstumsmöglichkeiten und Chancen – nicht nur auf der Ertragsseite, sondern z.B. über sog. „RegTechs“ inzwischen auch bei einer Reduktion der Backoffice-Kosten. Zudem wird die Konsolidierung weiter und schneller voranschreiten. Bei aktuell immer noch über 8.100 eigenständigen Banken in Europa nimmt der Veränderungsdruck auf die Struktur des Bankensektors stetig zu.

Zusammengefasst werden aus unserer Sicht vier wesentliche Trends die europäische Bankenlandschaft in den nächsten fünf Jahren dominieren:

  • Umsetzung eines konsequenten, aggressiven Kosten- und Ertragsmanagements, mit anhaltenden Neuausrichtungen und Fokussierung auf bestimmte Geschäftsfelder.
  • Anhaltende Restrukturierungen der Bilanzen, indem Banken ihre kapitalintensiven Aktiva abstoßen, um die Kapitalquoten zu verbessern. Alternative Finanzierungsinstrumente für risiko-/kapitalintensives Kreditgeschäft, wie z.B. Verbriefungen, werden (wieder) entstehen.
  • Ernsthaftes Experimentieren mit radikal neuen Geschäftsmodellen im digitalen Raum. Dies beinhaltet die verstärkte Nutzung von Daten- und Kundeninformationen bei gleichzeitigem Abrücken von großen Bilanzen und umfangreicher Infrastruktur. Neue unkonventionelle Spieler werden Banken in diesem Bereich herausfordern. Auch wenn wir keine disruptiven Veränderungen erwarten, können wir bereits jetzt substanzielle Schritte in diese Richtung beobachten.
  • Weitere Konsolidierung, insbesondere in stark fragmentierten Märkten und unter kleinen/mittelgroßen Instituten zur Erzielung neuer Skaleneffekte und verbesserter Effizienz. Ausgewählte große, effiziente Institute werden Experten für die Übernahme kleinerer und weniger effizienter Banken.

Die kommenden Jahre stellen alle Beteiligten auf die Probe

Die nächsten Jahre werden eine Zeit des intensiven Handelns für europäische Banker, Regulatoren und Politiker. Der Bedarf an Veränderungen für den europäischen Bankenmarkt ist enorm und die notwendigen Schritte sind mit Anstrengungen und einem gewissen Maß an Risiko für die Stakeholder verbunden. Steigende Kapitalanforderungen, niedrige Zinsen, Renditedruck seitens der Aktionäre und rasante digitale Innovationen belasten das europäische bilanzgetriebene Bankgeschäft auch in Zukunft weiter. Regulatoren und Politiker sollten dabei – mit Blick auf die Systemstabilität als oberstem Ziel – die richtige Balance zwischen notwendiger Regulierung und ausreichender Profitabilität der Institute finden. Für europäische Banker dürfte es oberste Maxime sein, durch aggressives Verfolgen der oben genannten Möglichkeiten, noch effizientere Bankensysteme zu schaffen. Die Herausforderungen der nächsten Jahre stellen damit Flexibilität, Vision und Entschlossenheit aller Akteure im europäischen Bankensektor auf die Probe.

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Dr. Dirk Holländer

Director Office Münster

Dr. Ekkehardt Bauer

Senior Manager Office Münster

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