(Re)Start – Ist es Zeit für einen Neuanfang im Finanzsektor? Top 3 Artikel des Studentischen Schreibwettbewerbs des zeb BankingHub in Kooperation mit TEDxMünster

ESMA, EBA, EMIR, MAR und MiFID – hinter jeder dieser beispielhaft genannten, kryptisch wirkenden Abkürzungen verbergen sich regulatorische Vorschriften oder europäische Institutionen mit dem Ziel, den europäischen Finanzmarkt zu regulieren, um diesen transparenter und auch stabiler zu gestalten. Seit einigen Jahren folgen in immer kleiner werdenden Zeitspannen Vorschrift auf Vorschrift, Novelle auf Novelle und Gesetzesänderung auf Gesetzesänderung. Veröffentlicht von internationalen und nationalen Institutionen setzen diese Vorschriften und Gesetze die Kreditinstitute in einen stetigen Zugzwang. Eine Missachtung und Nichterfüllung der Vorschriften hat meist eine Strafzahlung zur Folge, die auf der einen Seite auf die etablierten Großbanken eine mehr oder weniger starke Auswirkung hat. Auf der anderen Seite sind Kreditinstitute mit geringerem Bilanzvolumen wie beispielsweise Sparkassen oder Volksbanken deutlich stärker von drohenden Strafzahlungen betroffen. Durch eine fristgerechte und vollständige Umsetzung der regulatorischen Anforderungen können diese Strafzahlungen vermieden werden.

Im derzeitigen Marktumfeld erfordert die fristgerechte Bereitstellung einen hohen Preis, denn es ist nicht allein die Vielzahl von regulatorischen Vorschriften, die vor allem die kleinen Kreditinstitute immer weiter in Bedrängnis bringt. Beeinflusst wird das tägliche Geschäft auch durch die aktuelle Niedrigzinssituation und das sich stetig verändernde Kundenverhalten. Viele der kleinen Kreditinstitute besitzen nicht die Manpower und Mittel, um sich und ihr Geschäftsmodell sowohl kurz als auch langfristig auf die neuen Marktsituationen und die Erfüllung der zunehmenden regulatorischen Anforderungen auszurichten. Die Konsequenz daraus ist, dass sich zunehmend immer weitere Kreditinstitute zusammenschließen, um sich gemeinsam organisatorisch so auszurichten, dass eine längerfristige Handlungsfähigkeit in einem schwierigen Marktumfeld gesichert ist. Schlussendlich sind es jedoch die Endkunden, die trotz des demografischen Wandels und des wachsenden Trends zur Direktbank und zum Onlinebanking durch die Auswirkungen dieser Fusionen, wie zum Beispiel dem Filialsterben, direkt betroffen sind.

Das Ziel von regulatorischen Vorschriften und neuen gesetzlichen Anforderungen kann es nicht sein, dass sich Banken und deren Dienstleister immer konzentrierter der Umsetzung dieser Vorgaben widmen müssen. Die zwingend erforderliche Neuausrichtung des eigenen Geschäftsmodells aufgrund des Niedrigzinsniveaus und des demografischen Wandels sollte nicht in den Hintergrund rücken und vernachlässigt werden. Ein Kreditinstitut, das bislang durch das klassische Bankgeschäft wie beispielsweise die Verwaltung von Spareinlagen oder durch die Kreditvergabe Gewinne erzielen konnte, wird in der aktuellen Niedrigzinsphase allein mit diesem Geschäftsmodell nicht bestehen können. Das Institut sollte die Möglichkeit haben, sich sowohl organisatorisch als auch personell auf alternative und beständigere Geschäftsmodelle auszurichten, ohne die komplette Manpower und Mittel in die Bewältigung von regulatorischen Anforderungen zu investieren.

Im Gegenteil dazu können regulatorische Vorschriften, wenn sie gezielt formuliert, abgegrenzt und eingesetzt werden, die kleinen Kreditinstitute unterstützen. Eines der Probleme besteht jedoch darin, dass sich vor allem als Reaktion auf die Finanzmarktkrise im Jahr 2007 viele unterschiedliche nationale und internationale Institutionen um eine zeitnahe Veröffentlichung von Vorschriften zur Regulierung und Stabilisierung des Finanzsektors bemüht haben. Bei vielen dieser Vorschriften wurde zu Beginn nicht zwischen der Größe und Position der einzelnen Kreditinstitute unterschieden und kaum eine Differenzierung vorgenommen. Dadurch wurden die kleinen Kreditinstitute in ihrem Handeln genauso beschränkt und den gleichen strengen Vorschriften wie die Großbanken unterworfen.

Die vergangenen Jahre und Neuveröffentlichungen von regulatorischen Vorschriften haben gezeigt, dass eine Klassifizierung von Kreditinstituten sowohl möglich als auch zielführend ist. Beispielsweise wird mit Schwellenwerten festgelegt, ab welcher Größe eine Vorschrift zu beachten und in welchem Umfang definierte Maßnahmen umzusetzen sind. Es ist auch wichtig, dass die gesetzgebenden Institutionen sowohl untereinander als auch mit den Kreditinstituten zusammen überlegen, welche sinnvolle Maßnahmen getroffen werden, um den europäischen Finanzmarkt zu stabilisieren. Beide Parteien können von einer frühzeitigen Ankündigung und von einem detaillierten Planungsvorgehen profitieren. Insbesondere den Kreditinstituten und deren Dienstleistern sollte ausreichend Zeit zur termingerechten Umsetzung der geforderten Vorschriften zur Verfügung gestellt werden.

Ein umfangreicher Neustart im Finanzsektor ist daher nicht zwingend notwendig – für die Zukunft ist es jedoch weiterhin wichtig, dass zum einen die Klassifizierung von Kreditinstituten und die Definition von Schwellenwerten und zum anderen die zeitliche Veröffentlichung der unterschiedlichen Vorschriften noch detaillierter von den Gesetzgebern vorgenommen wird. Dadurch haben auch die kleinen Kreditinstitute eine Chance, sich teilweise befreit vom Druck der weiter zunehmenden Regulatorik auf die unerlässliche Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells aufgrund anderer Faktoren zu konzentrieren.

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