P2P-Lending – BankingHub im Gespräch mit Lendico

Wir konnten ein Gespräch mit Lendico führen, in dem wir über bisherige Erfolge, über die Kreditprozesse und auch über die deutsche FinTech- und Startup-Szene gesprochen haben. Danke an Dr. Dominik Steinkühler (Co-Founder & Geschäftsführer), Christian Dolif (Director Risk) und Alexander Ruthemeier (Expansion Management) für das offene Gespräch!

Jens-Uwe Holthaus, zeb (JUH): Wie sind Sie mit den ersten 5 Monaten seit dem Lendico-Launch in Deutschland zufrieden?

Dr. Dominik Steinkühler (DS): Zufrieden ist immer ein schwieriges Wort. Wenn man zufrieden ist, dann wird man lethargisch. Ich bin nicht enttäuscht, es könnte aber immer noch besser sein. In den ersten fünf Monaten registrierten sich über 20.000 Nutzer auf Lendico.de und nochmals so viele in den anderen vier Ländern. Ohne viel Marketing auf der Kreditnehmerseite haben wir rund 85 Mio. EUR Kreditanfragen bekommen. Deswegen können wir auch sehr strikte Kriterien anlegen: Wir lassen nur 10% der Kreditanfragen, die unseren Algorithmus passieren, wirklich auf Lendico.de. Wir sehen auch, dass die Zeit bis zur Finanzierungszusage deutlich abnimmt. Am Anfang haben wir bis zur vollständigen Finanzierung der Projekte 14 Tage gebraucht, mittlerweile dauert es 6 Tage. Bei Lending Club in den USA sind es nur wenige Sekunden – bis zu solchen Dimensionen ist in Deutschland auf der Anlegerseite noch Überzeugungsarbeit notwendig. Unsere Arbeit beginnt aber bereits zu fruchten.

JUH: Das Geschäftsmodell von Lendico funktioniert ohne Banklizenz. Haben Sie Sorgen, dass die Aufsichtsbehörden mittelfristig auch solche Modelle unter Regulierung stellen?

DS: Die regulatorische Diskussion fürchten wir nicht. Bei uns liegen die Risiken nicht mit Leverage in unserer Bilanz wie bei Banken, sondern verteilen sich 1:1 im gesamten System. Das Risiko ist also nicht vergleichbar mit dem von Banken und bedarf daher aus dieser Sicht auch keiner Regulierung. Zudem eröffnet das Lendico-Modell den Markt für Konsumentenkredite in einigen Ländern gerade erst wieder, z.B. in Spanien, wo auch gute Kreditnehmer derzeit von Banken kaum mehr Kredite bekommen. Lendico schafft so für Kreditnehmer und Investoren einen  Mehrwert. Hier würden wir übrigens in gewissem Umfang Regulierung begrüßen, denn das würde dazu führen, dass schwarze Schafe aus dem Markt gedrängt werden.

JUH: In Ihren Risikomodellen können Sie bisher kaum historische Daten anlegen. Wer garantiert mir als Investor, dass Ihre Bonitätseinschätzungen solide sind?

DS: Wir haben hier einen wesentlich strengeren Kontrolleur als die Aufsicht: Wenn die Investoren auf Lendico keine Renditen mehr erzielen können, dann werden sie nicht mehr investieren, dann versiegt unser Geldstrom. Insofern vertrauen wir in den Markt. Wir haben offenbar größtes Interesse daran, das Risiko richtig zu bepreisen. Deswegen stellen wir auch seniore Mitarbeiter ein, die ihr ganzes Leben in Banken gearbeitet haben und nun bei uns die Risikomodelle entwickeln. Wir legen Wert darauf, unseren Anlegern sagen zu können: Unsere Modelle sind mindestens so gut wie die, die Sie von einer Konsumentenbank auch bekommen.

Natürlich weisen wir aber unsere Investoren auch auf Lendico.de auf die Risiken hin. Wir betonen immer wieder, dass Streuung in möglichst viele Kredite das Risiko minimiert. Wenn man auf Lending Club in den USA schaut: Dort hat noch kein Investor, der in mindestens 600 Kredite investiert hat, jemals einen Verlust gemacht. In diese Richtung müssen wir unsere Anleger auch ausbilden.

Dr. Jörg Howein, zeb (JH): Was passiert bei Default der Kredite?

Christian Dolif (CD): Wir haben bisher noch keine Defaults, dennoch haben wir das Thema natürlich bis zum Ende gedacht, auch weil es in einigen Ländern in den Verträgen stehen muss. Im Default-Fall werden die Kredite verkauft. Dies ist sowohl für Kleinanleger als auch für professionelle Investoren attraktiver, da die Rückzahlungen bei kleinen Kredit-Tranchen ja sowieso schon klein sind. Wenn man die dann noch auf 20 Jahre streckt wäre das nicht mehr attraktiv, daher lieber ein Ende mit Schrecken mit den entsprechenden Wertberichtigungen und Einmalrückzahlung des einholbaren Wertes.

JH: Wie sehen die Kreditprozesse grob aus?

CD: Die erste Hürde für Kreditnehmer sind die Pre-Checks, die Fraud-orientiert und Credit Risk-orientiert die Kreditnehmer prüfen. Das passiert automatisiert für alle Kreditnehmer. Danach werden Daten der Kreditbüros in den jeweiligen Ländern eingeholt. Dort testen wir gerade viele Anbieter und sammeln Erfahrungen, welche Büros welche Datenqualität bieten. Wesentliche Funktion haben dann unsere Underwriter. Das sind erfahrene Leute, die in dem jeweiligen Land aus früheren Positionen in Banken sehr langjährige Erfahrung in Kreditentscheidungsprozessen für Privatkunden haben. Sie geben die finale Freigabe dafür, ob ein Kreditnehmer auf die Plattform kommt.

Alexander Ruthemeier (AR): Die lokale Kompetenz der Teams und vor allem Underwriter ist für uns von besonderer Bedeutung. Im arabischen Raum und Asien sind völlig neue Ansätze in den Kreditprozessen nötig. Dort gibt es vielfach keine Kreditbüros mit anspruchsvollem Score und verlässlicher Kreditnehmeridentifizierung.  Beispielsweise ist die Entwicklung einer Scorecard in Indien sehr schwierig, dort sind 50% der Menschen unbanked. Dennoch gibt es Dienste, über die wir einen hohen Anteil der Personen scoren könnten und mit denen wir in unserer Zielgruppe geringe Ausfälle erreichen werden. In diesen Regionen spielt die Verwendung von öffentlich zugänglichen Daten, besonders aus Social Media und ECommerce, eine wichtige Rolle.

JH: Will man das reine Online-Modell von Lendico perspektivisch erweitern?

DS: Zuerst werden wir beim Onlinemodell bleiben, das kennen und können wir sehr gut. Perspektivisch will ich nicht ausschließen, dass wir auch Offlinekanäle besetzen. Was z.B. bei Lending Club in den USA gut klappt: In den Vereinigten Staaten werden viele Swimming-Pools gebaut, und über die Poolbauer gibt es einen guten Zugang zu Kreditprojekten. Diese Herangehensweise kann man auf den deutschen Markt übertragen und das werden wir künftig auch eruieren.

JUH: Wie sehen die Expansionspläne in weitere Länder aus?

DS: Wir planen, bis Jahresende eine zweistellige Anzahl von Märkten zu bedienen.

AR: Wir schauen uns jedes Land sehr genau an, analysieren die makroökonomischen Faktoren und testen viel vorab. Darüber hinaus gibt es in jedem Land wesentliche kulturelle Herausforderungen zu meistern. So verlören Sie beispielsweise in vielen arabischen und asiatischen Märkten Kunden, wenn ein Modell nicht Scharia-konform ist. Durch lokale Partnerschaften und unsere Produktexpertise mit regionalem Know-how können wir solche Fehler ausschließen.

JUH: Kann ich perspektivisch bei Lendico länderübergreifend investieren?

CD: Bisher können Sie das nicht. Das ist aber eines der Produktthemen, an denen wir arbeiten. Künftig werden Sie als deutscher Investor über Lendico.de auch Kredite in den anderen Lendico-Märkten finanzieren können. Die Bonitätsklassen sind bereits jetzt länderübergreifend vereinheitlicht, damit Anleger ein Kreditprojekt in Südafrika genau so bewerten können, wie eines in Spanien. Das ist eine Voraussetzung für die internationale Expansion von Lendico.

JH: Was sagen Banken, mit denen Sie sprechen?

DS: Konkurrenz belebt das Geschäft. Bei den Banken wächst zunehmend das Bewusstsein, dass sie sich den Bereich Kreditmarkplätze anschauen müssen. Natürlich sind die Volumen auch bei Lending Club in den USA noch sehr klein, 3 Mrd. USD p.a. im Vergleich zu 4 Bio. USD Konsumentenkreditvolumen im Gesamtmarkt. Banken nehmen aber wahr, dass sie unter dem Aspekt der Digitalisierung auch ein Auge auf diese Modelle und die Anwendung neuer Technologien haben sollten.

JH: Was sind aus Ihrer Sicht die großen Digitalisierungstrends in Financial Services?

DS: Wenn ich mir die Wertschöpfungskette einer Bank anschaue kann man fast alles digitalisieren, wofür keine physischen Niederlassungen benötigt werden. Es gibt also sehr viele kleinere Geschäftsmodelle, die entwickelt werden können. Was nicht digitalisierbar ist, sind Infrastrukturthemen. Die Bundesbank hat ein Alleinstellungsmerkmal mit ihren Tresoren, auch in bestimmten Aspekten von Zahlungsverkehrsdiensten fällt aufgrund vorhandener Infrastrukturen Digitalisierung vorerst noch schwer.

JH: Ein anderes Thema – wie sehen Sie die Startup-Szene in Deutschland, oder auch den FinTech-Sektor im Vergleich zu den USA. Wie sind die Bedingungen hier?

DS: Es gibt eine steile Entwicklung. Spezifisch im Thema Financial Services ist die Professionalisierung in den USA oder UK einfach weiter als im deutschen Markt. Es fehlen auf dem deutschen Markt Produkte mit einer vergleichbaren Qualität, wie auf den angelsächsischen Märkten. Vor Lendico gab es in Deutschland keinen bedeutenden P2P-Anbieter, der das Scoring vorgenommen hat – man hat die Kreditnehmer darüber entscheiden lassen. Aus Anlegersicht gleicht das einem Glückspiel. Lendico ist der erste Kreditmarktplatz, der die Risikobewertung professionalisiert hat. Hinzu kommt, dass die deutsche Mentalität nicht wirklich innovationsfreudig ist. Der deutsche Sparer bringt sein Geld am liebsten noch zur Sparkasse auf das Sparbuch. Das Konzept gibt es in den USA gar nicht.

Bezüglich der Startup-Infrastruktur: Viel Kapital fließt derzeit nach Berlin. Rocket Internet, der weltweit größte Internet-Inkubator, hat in 2013 um 2 Milliarden US$ Venture Capital für seine Unternehmen geraised. Berlin geht es als Startup-Standort gut. Für eine gute Idee bekommen Gründer derzeit schnell sechsstellige Seed-Runden zusammen. Auch haben Berliner Startups gezeigt, dass es möglich ist mehr als 10 Mio. EUR von VCs zu bekommen. Natürlich gilt es zwischen der Seed-Runde und einer zweistelligen Millionenfinanzierung eine lange Zeit zu überbrücken. In dieser Phase sind gerade viele Startups in Berlin. Ein Thema, das aber für Lendico durch die Zugehörigkeit zu Rocket Internet weniger Relevanz hat.

JH/JUH: Herzlichen Dank für das Gespräch und natürlich viel Erfolg für Lendico auf dem globalen Expansionspfad!

 

Sprechen Sie uns gerne an!

Jens-Uwe Holthaus

Senior Manager Office Münster
Dr. Jörg Howein/ Autor BankingHub

Dr. Jörg Howein

Autor solarisBank AG

Artikel teilen

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

BankingHub-Newsletter

Analysen, Artikel sowie Interviews rund um Trends und Innovationen
im Banking alle 2 Wochen direkt in Ihr Postfach