Reflexionen 2015: Zwischen Sicherheit und Risikobereitschaft – Finden wir das richtige Maß? Diskussion über die Herausforderungen unserer Zeit

„Zwischen Sicherheit und Risikobereitschaft – Finden wir das richtige Maß?“ So lautete der Titel der diesjährigen Ausgabe der Reflexionen als gemeinsame Veranstaltung des Bundesverbands Deutscher Banken und des Deutschen Aktieninstituts. Die Frage erlangte durch die Anschläge von Paris einen hochaktuellen Kontext, denn auch der Veranstaltungsort – das Allianz Forum am Pariser Platz in Berlin, direkt neben der französischen Botschaft und den davor abgelegten Blumen und Kerzen – verdeutlichte den fundamentalen Charakter dieser Frage auf bedrückende Art und Weise.

Der Veranstaltungsort war ebenso hochkarätig wie das Feld der Teilnehmer – Jürgen Fitschen (Deutsche Bank) stimmte in seiner Eröffnungsansprache die ca. 150 Gäste auf den sehr kurzweiligen und inspirierenden Abend ein. Er spannte einen Bogen über die in den USA sprichwörtliche German Angst, den aktuellen Umgang mit Großprojekten hierzulande bis hin zur Situation des deutschen Mittelstands, der sich seinen Weltrang nicht zuletzt durch große, aber auch risikoreiche Innovationsfreude erarbeitet hat und nun nicht den Anschluss verlieren dürfe. Etwas später in der Diskussion fiel die Aussage, ein „gemütliches Einrichten“ sei keine Option.

Daran entspann sich im Panel zwischen Jürgen Fitschen, Dr. Thomas Gambke (MdB), Werner Baumann (Bayer AG) sowie Christoph Meister (ver.di) eine lebhafte Diskussion über den Zusammenhang von Verantwortung und Risikobereitschaft. Im Bankenkontext als erstes plastisch wurde das am Thema Wertpapierberatung, aus der sich Banken zunehmend zurückziehen, u.a. aufgrund des hohen Risikos und Aufwands für die Protokollerstellung, deren Nutzen die Politik mittlerweile selbst in Zweifel zieht. Als wünschenswert erachtet wurde das Ziel eines informierten und damit entscheidungsfähigen Bürgers, wobei Dr. Gambke unterstrich, dass es weiterer Transparenz bedürfe, um diesen Zustand herzustellen; im gleichen Zusammenhang fiel das Stichwort der „finanziellen Bildung“, die es zu stärken gelte.

Dabei wurde differenziert zwischen der Übernahme eines Risikos durch das „Wir“ im Gegensatz zum „Ich“ im Zuge einer persönlichen Verantwortung. Denn nur, wenn das „Ich“ ein Risiko nimmt, werde es einen Fortschritt geben. Und zur Erreichung eines Fortschritts und damit eines Wohlstandsgewinns sei es unabdingbar, ein gewisses Risiko einzugehen. Eindrucksvoll wurde dieser Zusammenhang bei dem Eingangsstatement von Stanislaw Tillich (Ministerpräsident des Freistaates Sachsen) veranschaulicht: „In der DDR gab es kein Risiko, außer nach Bautzen zu kommen“. So plädierte er dafür, Unterschiede zuzulassen und auf diese Weise die Verantwortung des „Ich“ weiter zu stärken und dessen Anstrengungen zu belohnen. Gleichzeitig mahnte er zu einer stärkeren Offenheit gegenüber technischen Innovationen (Transrapid) als auch politisch/gesellschaftlichen Veränderungen (TTIP).

Um eine weitere Facette ergänzt wurde die Diskussion durch Polly Morland, eine britische Dokumentarfilmerin, die Menschen in besonderen Risikosituationen begleitet hatte (u.a. einen Fluglotsen, eine blinde Skifahrerin, einen Kinderarzt mit intensivmedizinischen Fokus,…) und lebensbejahend über ihre Erfahrungen berichtete und Risiko dabei als etwas Positives darstellte. Sebastian Turner (Herausgeber des Tagesspiegels) ging in seinem Redebeitrag auf ein geändertes Kommunikationsverhalten und dadurch begründet auf bisher nicht dagewesene Phänomene im gesellschaftlichen Diskurs ein. Dies verdeutlichte er an dem Konzept des „echo room“, eines für andere nicht zugänglichen Kommunikationsraumes, in dem sich Menschen gleicher Geisteshaltung austauschen und gegenseitig verstärken – und dies ohne korrigierende Einflüsse von außen. Als Beispiel nannte er Pegida, das als Facebook-Gruppe startete oder das Phänomen von in Deutschland aufgewachsenen Christen, die für den IS nach Syrien ziehen. Zumindest die Verfasserin dieser Zeilen fragte sich danach, inwieweit sich der eigene (Nachrichten-)alltag durch ein ausreichendes Maß an Pluralität auszeichnet.

Diesen Abend voller inspirierender Eindrücke und nachdenklich machender Impulse schloss Jürgen Fitschen mit der Erkenntnis, dass erwartungsgemäß keine abschließende Antwort auf die Eingangsfrage gefunden werden konnte. Aber ein Bewusstsein konnte geschaffen werden, als erster Schritt zur Annäherung an eine mögliche Antwort. Diese gilt es gemeinsam zu finden, um auch in Zukunft Freiheit und Sicherheit gleichsam genießen zu können.

(für das Bild herzlichen Dank an den Bundesverband deutscher Banken)

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Laura Pfannemüller

Manager Office Berlin

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