Trends und Herausforderungen der Zahlungsverkehrs-abwicklung – Expertengespräch mit BCB-Vorstand Albert Lechner Marktkonsolidierung in Europa erwartet

Beschleunigte technologische Entwicklungen und umfassende regulatorische Veränderungen prägen dieser Tage die Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Die zentralen Trends und aktuellen Herausforderungen im Zahlungsverkehr haben wir mit Albert Lechner, einem ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet, diskutiert. Er ist Vorstand Zahlungsverkehr und Logistik der Betriebscenter für Banken AG (BCB AG), einer Tochtergesellschaft im Deutsche Bank-Konzern, die den Zahlungsverkehr der Deutschen Bank, Postbank, HypoVereinsbank und HSH Nordbank abwickelt. Die BCB AG ist damit einer der führenden Anbieter in diesem Bereich in Europa.

Bei Betrachtung der Kerntrends in der Abwicklung des klassischen Bankenzahlungsverkehrs kommt man am Thema der „Europäisierung des Zahlungsverkehrs“ im Sinne einer europäischen Normgebung nicht vorbei. Bereits 2009 wurde mit der Payments Service Directive (PSD) ein einheitliches Zahlungsverkehrsrecht in Europa installiert. Aktuelle Normgebungen wie die Verordnung und nationalen Begleitgesetze zu SEPA (Single European Payments Area) setzen darauf auf, welches mit der PSD 2 deutlich weiterentwickelt wird. Das Schaffen von einheitlichen gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen für einen erweiterten Wirtschaftsraum erzeugt die Möglichkeit, Prozesse zu beschleunigen und Innovationen am Markt zu entwickeln, die zu einer Vereinheitlichung und Vereinfachung althergebrachter Zahlungsverkehrsleistungen führen, so Albert Lechner.

Wesentliche Veränderungen im Endkundengeschäft

Bei Betrachtung der Privatkunden fällt auf, dass dieses Segment in der vergangenen Zeit weniger direkt durch regulatorische Änderungen betroffen war, als vielmehr von Veränderungen an der Kunde/Bank-Schnittstelle. Hierbei lassen sich aus Sicht von Albert Lechner zwei Gruppen identifizieren: die technikaffine – insbesondere junge – Generation und die konventionellen Bankkunden.

Erstere verfügen über eine hohe Akzeptanz bei innovativen Zahlungsmethoden wie mobilen Zahlverfahren und dem Willen zum „Ausprobieren“ neuer Techniken und Services über unterschiedlichste Medien wie Tablet oder Smartphone. Letztere hingegen setzen auf einen hohen Komfort. Darunter fallen althergebrachte Vorgehensweisen wie beispielsweise das Einwerfen eines beleghaften Zahlungsauftrags in einen „Briefkasten“ in einer Bankfiliale. Neben der Einfachheit (keine Verwendung von mobilen Transaktionsnummern oder PINs) spielt das Sicherheitsbestreben bei dieser Gruppe eine wesentliche Rolle.

Der Wandel im Dienstleistungsangebot, das bisher sehr stark auf die konventionellen Bankkunden ausgerichtet war, hin zu einem eher auf die jüngere Generation ausgerichteten Angebot ist dabei allerdings weit fortgeschritten. Die konventionellen Kundengruppen werden zunehmend zur Randgruppe und die Abwicklung beleghafter Zahlungsverkehrsaufträge wird pro Stück entsprechend teurer. Das Heranwachsen der jungen Generation in Verbindung mit den steigenden regulatorischen Anforderungen zwingt Banken, über das Angebot und die Bepreisung von Produkten und Dienstleistungen nachzudenken, so Albert Lechner. So gingen beispielsweise erste Banken dazu über, wieder Gebühren für beleghafte Überweisungen zu verlangen. Es sei auch zunehmend eine Trendumkehr weg von z. B. kostenlosen Girokonten feststellbar. Damit soll auch versucht werden, den elektronischen Zahlungsverkehr in Deutschland zu stärken, da die Penetration hierzulande deutlich geringer ist als beispielsweise in nordischen Ländern oder den USA, wie Albert Lechner betont.

Das Segment der Geschäfts- und Firmenkunden wurde in den letzten Jahren stark durch regulatorische Maßnahmen beeinflusst – allen voran die Einführung von SEPA und das Auflösen von nationalen Altverfahren (z. B. Wegfall von Einreichungen über Datenträger) zur Zahlungsverkehrsabwicklung hatten einschneidende Wirkung. Einheitliche Standards haben bewirkt, dass deutliche Prozessbeschleunigungen erzielt werden konnten: „Das hat auch dazu geführt, dass neue Themen wie die elektronische Unterschrift zur Einreichung von Sammeltransaktionen sehr gut aufgenommen worden sind“, führt Albert Lechner aus. Diese Standardisierungen haben folglich nicht nur bei Banken, sondern auch bei den Endkunden zu Effizienzsteigerungen geführt.

Auswirkungen für Zahlungsverkehrsabwickler

Zahlungsverkehrsabwickler sind in signifikantem Maße von diesen regulatorischen Änderungen betroffen. So führt die steigende Anzahl an regulatorischen Themen dazu, dass sowohl immer mehr Management- und IT-Ressourcen als auch Budgets für die Umsetzung benötigt werden. Folglich stellt sich für Banken wie auch Abwickler die Frage, welche Mittel für die eigentliche Geschäftsentwicklung noch zur Verfügung stehen. Zudem ist aus Abwicklungssicht häufig zweifelhaft, ob alle angestrebten Änderungen ihre Berechtigung haben. Im SEPA-Kontext führte die Entscheidung, Parallelbetriebe von Altformaten und SEPA-Formaten zuzulassen, zu erheblichen Mehrkosten für Zahlungsverkehrsabwickler.

Laut Einschätzung von Albert Lechner sollten im Idealfall ca. 50 Prozent der IT-Budgets für regulatorische Themen und ca. 50 Prozent für Geschäftsentwicklung verwendet werden – aufgrund der Vielzahl von regulatorischen Themen und Lifecycle-Maßnahmen wird dieses Ziel allerdings in der Branche zu Lasten der Geschäftsentwicklung wohl von allen Akteuren signifikant verfehlt: „Das heißt, durch eine verfehlte Politik werden ihnen Kosten aufgebürdet, die letztendlich Innovation blockieren“, schätzt Albert Lechner die Situation von traditionellen Zahlungsverkehrsanbietern ein. Hinzu kommt, dass neben den monetären und IT-Restriktionen ein Engpass bei Managementkapazitäten zur Entwicklung von Innovationen bzw. zur Weiterentwicklung des Geschäftsmodells festzustellen ist. Dies hat zur Folge, dass Releases der Banken bzw. Zahlungsverkehrsdienstleister überwiegend mit regulatorischen und Lifecycle-Maßnahmen gefüllt sind. Dieses Ungleichgewicht könnte in den kommenden Jahren deutliche Marktauswirkungen zeigen.

Die Entwicklungen im Bereich der Startups und Änderungen an der Kunde-/Bank-Schnittstelle werden durch die Zahlungsverkehrsdienstleiter verfolgt, eine aktive Beteiligung erfolgt allerdings noch nicht. Der Trend zu mobilen Zahlungsverfahren hat aus Sicht von Albert Lechner, Stand heute, nur marginal direkte Auswirkungen auf die Abwickler. Zwar kämpfen zahlreiche FinTechs um die Gunst von Endkunden. Jedoch wird die Abwicklung der Nutzungsprodukte weiter über die Zahlungsverkehrsinfrastruktur von Banken oder klassischen Zahlungsverkehrsdienstleistern stattfinden. Hierbei werden, ähnlich wie im bekannten Lastschriftverfahren, die Zahlungsdaten an Knotenpunkten zentriert und mit entsprechender Autorisierung an die jeweiligen Banken beziehungsweise Zahlungsverkehrsdienstleister zur Abwicklung eingereicht, sodass ausschließlich die Kundeninteraktion auf die FinTechs verlagert wird. Dennoch, „für die Akteure, die nicht rechtzeitig auf den Zug aufspringen und den Markt beobachten, gibt es das Potenzial, dass diese das Nachsehen haben werden“, so Albert Lechner.

Ausblick

Die Schaffung eines einheitlichen elektronischen Zahlungsverkehrsraums und das Aufstreben neuer Anbieter in der Zahlungsverkehrskette werden die Zahlungsverkehrsabwicklung weiter verändern. Auch die kommenden Jahre werden durch regulatorische Anpassungen wie PSD 2 oder auch die Einführung von europäischen Mindeststandards an die Sicherheit bei Mobile- und Internetzahlungen durch das Forum on the Security of Retail Payments geprägt sein.

Die Implementierung der regulatorischen Anforderungen und Lifecycle-Maßnahmen wie auch Änderungen im Verbraucherverhalten, wie beispielsweise die Forderung nach einer Zahlungsverkehrsabwicklung in Echtzeit, werden den Druck auf die Abwickler weiter erhöhen. Insbesondere das Geschäftsmodell derjenigen Abwickler, die einen hohen manuellen Aufwand in der Verarbeitung der Prozesse aufweisen, wird dem Druck nicht standhalten können, schätzt Albert Lechner. Folglich ist in den kommenden Jahren mit einer deutlichen Marktkonsolidierung auf europäischer Ebene zu rechnen.

 

Der Artikel reflektiert die persönliche Einschätzung von Albert Lechner und stellt keinen Bezug zu betreuten Mandanten dar.

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