Lehrmeister Berg Was Alpinismus und Projektmanagement gemeinsam haben

Sei es die „regulatorische Flut“, die Erneuerung der IT-Landschaft oder die Neustrukturierung von Abteilungen – der Arbeitsalltag in Banken ist von zahlreichen Projekten geprägt, die es zu initiieren, zu planen, zu steuern, zu kontrollieren und abzuschließen gilt. Das dahinter stehende Projektmanagement soll schließlich der Erreichung des definierten Ziels dienen, etwa ein „Go live“ oder ein erfolgreicher Merger.

Im Bereich des Alpinismus ist etwa die Erreichung eines Gipfels über eine bestimmte Route der erklärte Plan, wobei sich bei der Auswahl, Vorbereitung und Bewältigung desselben zahlreiche Parallelen zu einem klassischen Bankprojekt finden.

Am Berg kann jeder Schritt der letzte sein, sodass hier das Projektmanagement eine besondere Bedeutung hat. Dabei sind im Alpinismus einige Grundregeln zu beachten, um einen Gipfelsieg mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit verzeichnen zu können und sicher wieder ins Tal zu kommen:

Mache einen Schritt nach dem anderen

Eine Expedition in das noch unberührte Ost-Tibet, um dort eine Erstbesteigung zu versuchen, einen jungfräulichen Gipfel erklimmen, das war mein Ziel für Herbst 2015. Ich hatte bereits einige Touren in den Westalpen gemacht, doch dieser neuen Herausforderung musste ich mich schrittweise nähern und davor möglichst viel Erfahrung sammeln. Also arbeitete ich mit meinem Trainer einen Plan für die Expeditionsvorbereitung aus, um so etwa meine klettertechnischen Fähigkeiten zu steigern, die Routine mit dem Seil durch unzählige Wiederholungen der Manöver zu erhalten oder auch das Verhalten in kritischen Situationen zu erlernen.

In der gleichen Situation befinden sich gute Großprojektleiter – diese haben gewöhnlich zunächst kleine Projekte gelenkt und sich Schritt für Schritt der großen Herausforderung genähert. Dabei konnten sie etwa unterschiedliche Projektkonstellationen erleben, sich mit Projektmanagement-Werkzeugen vertraut machen oder auch ihre Sinne für Risikofrüherkennung schärfen und entsprechende Gegenmaßnahmen erlernen.

Baue ein gutes Team auf

Wir sitzen im Basecamp fest, bereits seit mehreren Tagen, es regnet und stürmt, dazwischen mischen sich Schneeflocken. Der Himmel ist grau und der Nebel verhüllt unser Gipfelziel, sodass die Moral unserer Gruppe einen Tiefpunkt erreicht hat. Das enge Miteinander verschlimmert die Situation noch weiter – ich kann nicht einmal die Türe hinter mir schließen, um Zeit für mich zu haben, sondern lediglich das Zelt, das ich mit meinem Partner teile, zuzippen. Plötzlich höre ich einen Ruf aus dem Gemeinschaftszelt, dem ich neugierig folge. Auf dem Weg dorthin steigt mir ein süßlicher Geruch in die Nase – und siehe da, Robert hat sich nicht durch das Wetter genervt zurückgezogen, sondern für das Team Pancakes gebacken. Damit schafft er nicht nur eine willkommene Abwechslung zum Einheitsbrei der Basecamp-Kost, sondern vielmehr auch noch, die Stimmung im Team wieder zu heben.

Projektlaufzeiten über mehrere Monate und Jahre bringen zwangsläufig Durststrecken oder Projektspitzen mit langen Arbeitstagen mit sich. Ein guter Team-Spirit verspricht hier ein konstruktives Vorankommen und ein schnelles Übertauchen schwieriger Phasen.

Lerne mit den Risiken umzugehen

Seit gestern ist ein halber Meter Neuschnee gefallen und heute scheint die Sonne – das würde eine Pulverschnee-Abfahrt durch das Vallée Blanche, eine der längsten alpinen Skiabfahrten in Mitten des Mont Blanc Massivs, versprechen – doch welche subjektiven und objektiven Risiken stellen sich mir dabei? Als Alpinist gehe ich zwar bewusst Risiken ein, allerdings muss ich diese zunächst Kraft meiner Erfahrung erkennen, um dann eine entsprechende Einschätzung vornehmen und Gegenmaßnahmen initiieren zu können. Wir sind eine Gruppe starke Skifahrer, die den Ansprüchen dieser Abfahrt gewachsen ist, sodass ich die subjektiven Risiken als gering einschätzen kann. Allerdings ist mit den großen Neuschneemengen unweigerlich Lawinengefahr verbunden, ein objektives Risiko, das nicht beeinflussbar ist. Dennoch gibt es einige Möglichkeiten, hier vorab gegenzusteuern: etwa die Vermeidung extremer Steilheiten die einen spontanen Lawinenabgang begünstigen oder genügend Abstand zwischen den Abfahrern zu lassen, um die Belastung der Schneedecke zu minimieren. Schließlich entscheide mich, dafür das Vallée Blanche zwar zu befahren und achte dabei auf eine möglichst flache Abfahrtsroute mit einem Mindestabstand von 50 Metern zwischen den Abfahrern.

Auch ein Projektleiter muss sich den Risiken subjektiver oder objektiver Natur stellen. Erstere hängen wiederum mit den im Projekt involvierten Menschen zusammen; wenn diese beispielsweise nicht mehr an das Projekt glauben, kann das eine Krisensituation verursachen. Im Gegensatz dazu sind objektive Risiken eher messbar, etwa durch die Gegenüberstellung von Plan und Ist des Projektfortschritts, woraus sich mögliche Verzögerungen ableiten lassen. Wie auch in den Bergen besteht hier die Kunst in der Früherkennung oder vielmehr in der Antizipation des Ausgangs in Abhängigkeit von der getroffenen Entscheidung. Ein Projektleiter, der erst aktiv wird, wenn ein Risikoindikator anschlägt, kann nur noch reagieren, aber nicht mehr agieren.

Erkenne deine Grenzen

Der Gran Paradiso soll der erste 4.000er für zwei meiner Freunde werden – ich weiß, dass sie gut trainiert sind und hinauf wollen, also machen wir uns auf den Weg zur Rifugio Vittorio Emanuele, um von dort am nächsten Morgen den Gipfel zu stürmen. Als wir bereits vier Stunden aufgestiegen sind und das Ziel in Sichtweite rückt, merke ich, dass einer von beiden müde wird, immer wieder stehen bleibt und zurückfällt. Es ist an der Zeit, ihm klarzumachen, dass wir auf dem Berggipfel erst den halben Weg hinter uns gebracht haben – erst, wenn wir wieder sicher im Tal ankommen, war die Tour erfolgreich. Die Erkenntnis am Gipfel, dass die Kraft bis ins Tal nicht mehr reicht, kann teuer werden – im Best Case sind die Kosten rein monetärer Natur… Weil er in guter körperlicher Verfassung ist, kann er sich in einer Pause regenerieren und schafft den Weg zum Gipfel und wieder heil ins Tal, sodass er beim Abstieg zwar an seine Leistungsgrenze geht, diese aber nicht überschreitet.

Mit Mühe und Not ein Projektzwischenziel zu erreichen und dafür Ressourcen zu „verbrennen“, ist kurzsichtig, vor allem, wenn dadurch das Gesamtergebnis gefährdet wird. So müssen auch im erfolgreichen Projektmanagement die Kapazitäten des Teams realistisch abgeschätzt und mit Mut zur Realität entsprechende Entscheidungen getroffen werden.

Habe Mut zum Realismus

Alles scheint perfekt und genau nach Plan zu laufen – die Kondition stimmt, nach den Hochtouren der vergangenen Woche bin ich gut akklimatisiert, die Lawinenwarnstufe ist moderat, die Wettervorhersage lässt Sonnenschein, Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt und beinahe Windstille auf den Bergen erwarten. Somit steht – so meine ich – dem Gipfelsturm auf den Ortler nichts im Wege als ich um 4 Uhr morgens von der Unterkunft aufbreche. Doch nach den ersten Metern wird mir klar, dass es deutlich wärmer ist als erwartet. Die Temperaturen waren offensichtlich die ganze Nacht deutlich über dem Gefrierpunkt, sodass die Schneedecke völlig durchnässt und nicht gefroren ist. Ich muss eine realistische und kritische Einschätzung der Situation machen: Die Temperatur wird sich im Tagesverlauf weiter erhöhen und den Schnee immer feuchter werden lassen, wodurch die Lawinengefahr in die Höhe schnellt. Selbst die Wahl einer anderen Route würde mich nicht vor der drohenden Nassschneelawinen schützen. Andererseits bin ich in Top-Form und habe eine lange Anreise auf mich genommen, um endlich „König Ortler“ in mein Gipfelbuch eintragen zu können. Da der Risikoaspekt überwiegt, entscheide ich mich umzudrehen und den Gipfelsturm aufs nächste Jahr zu verschieben.

Ebenso „lebt“ ein Projekt und verläuft nicht immer nach Plan – die Änderung des Projektteams, unvorhergesehene Ereignisse, Kürzung von Budgets etc. sind das „tägliche Brot“ eines Projektleiters. Auch hier gilt es, das Unerwartete zu erwarten, der Realität mutig ins Auge zu blicken und bei Bedarf vom ursprünglich eingeschlagenen Weg abzuweichen, um so das Gesamtziel erreichen zu können.

Mache immer eine Ex-post-Betrachtung

Vier Wochen Expedition liegen hinter mir – und was blieb? Eine beschwerliche Anreise über unbefestigte Straßen nach Ost-Tibet, ein entbehrungsreiches Leben im Base Camp, kalte Nächte im Zelt und das Ergebnis, dass wir den geplanten Gipfel nicht erreichen konnten. Abhaken und vergessen? Nein, gerade die Ex-post-Betrachtung jeder Tour initiiert den Lernprozess: Was ging gut? Was lief schief? Hätte die Ausrüstung besser sein müssen? War die Vorbereitung ausreichend? Welche Rolle hat das Team gespielt, wie war meine Rolle im Team? … Die Möglichkeit, einen Fehler zweimal zu machen, bietet sich oftmals gar nicht, sodass auch die Fehler anderer Alpinisten einen lebensrettenden Erfahrungsschatz darstellen können.

Beim Projektmanagement ist der Einsatz zwar geringer als im Alpinismus, allerdings werden Fehler maximal einmal, aber bestimmt kein zweites Mal verziehen. Eine regelmäßige, kritische Würdigung und Analyse der Projektphasen ist eine gute Fehlerprophylaxe und erweitert die Erfahrung sämtlicher Projektmitglieder. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern von den Fehlern anderer zu lernen, um so einen Schritt voraus zu sein.

Conclusio

„Lehrmeister Berg“ definiert die Spielregeln für den Alpinisten. Dabei kann die Befolgung der hier beschriebenen Grundregeln die Wahrscheinlichkeit des Gipfelsiegs und der sicheren Rückkehr ins Tal maximieren. Allerdings gibt es wie auch beim Projekt keine 100%ige Sicherheit, sodass man gut daran tut, möglichst vorbereitet das Unerwartete zu erwarten.

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Judith Böß

Senior Manager Office Wien

Autoren

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