Mobile Payment mit dem Smartphone – Die Geldbörse des 21. Jahrhunderts Bewegung im Markt abzusehen

Smartphones spielen eine immer bedeutendere Rolle im alltäglichen Leben – sie unterhalten, navigieren, informieren und sind stets mit dabei. Allein in Deutschland gibt es mehr als 44 Millionen Smartphonenutzer[1] und dieser Trend ist weiterhin steigend. Das Bezahlen mit dem Smartphone, sogenanntes Mobile Payment (M-Payment), könnte den Zahlungsverkehr somit nachhaltig revolutionieren. In diesem Kontext müssen die Banken zudem einer neuen Konkurrenz gegenübergetreten: Im Juli 2015 ging der Marktführer aus den USA, Apple Pay, auch in Europa an den Start, ihm gingen bereits eine Reihe von agilen Fintech-Startups voraus. Noch im gleichen Monat kündigte der nächste Digitalkonzern mit Samsung Pay den Markteintritt in Europa an, während Google mit Android Pay für Oktober den Start eines eigenen Dienstes plant.

M-Payment als Mehrwert für die Kunden

Die Bedeutung des mobilen Vertiebskanals scheint in der Bankenwelt noch unterschätzt zu werden – so stufte die Stiftung Warentest[2] im Mai 2015 nur 7 von 38 Mobile-Banking-Apps als „gut“ ein. Trotz der Erfolgsgeschichte des Smartphones gibt es aktuell keine relevante M-Payment-Software-Lösung, die von einer Bank betrieben wird[3]. Die allgemeine Zurückhaltung ist überraschend. Bisher ist noch keine M-Payment-Lösung flächendeckend im Einsatz und auch die technologische Umsetzung ist noch sehr fragmentiert: Insbesondere Fintech-Startups setzen primär auf optische Codes, wie QR-Codes, zur Kommunikation mit Kassenterminals. Diese sind zwar einfach zu implementieren, jedoch werden in aller Regel separate Geräte benötigt, um die Codes anzuzeigen. Zur Zahlung wird der Code über die Kamera des Kundentelefons eingescannt und danach vom Kunden freigegeben. Für die Anzeige wird meistens ein Telefon oder Tablet des Händlers verwendet wie z.B. bei den Fintech-Lösungen iPAYst oder paij. Einen anderen Weg ging die Otto-Tochter Yapital, die das Display von gewöhnlichen EC-Terminals zur Anzeige der Codes nutzt. Da für einen flächendeckenden Einsatz eine herstellerübergreifende Standardisierung notwendig ist, wird die Zukunft allerdings einem Funkstandard wie NFC (Near Field Communication) oder Bluetooth gehören. Insbesondere NFC ist mit bereits ausgereiften Standards kompatibel wie z.B. ISO/IEC 14443 für kontaktlose Karten. Bei einer NFC-Lösung muss zum Datenabgleich lediglich das Smartphone vor das Kassenterminal gehalten werden. Danach erfolgt nur noch die Freigabe der Zahlung z.B. über die Eingabe eines PINs oder per Fingerabdruckscan auf dem Telefon. Mehr als 8% aller Kassenterminal sind bereits mit dieser Technologie ausgestattet[4]. Wie im Falle der QR-Codes, kann auch NFC vom Telefon des Kunden mit dem Telefon des Händlers kommunizieren, das so als Kassenterminal genutzt werden kann. Die Sparkassen bspw. betreiben mit kasse2go bereits ein NFC-Konzept für girogo, bei der das Smartphone als mobiles Bezahlterminal für die girogo-Karte dient. Ein solches System ist eine simple und kostengünstige Lösung für kleine Geschäfte wie Cafés oder Marktstände. Viele Apps bieten zusätzlich auch eine Möglichkeit, einfach und schnell Geld an andere Nutzer zu transferieren (P2P-Zahlung) oder Onlinerechnungen zu bezahlen.

Digitale Payment-Lösungen müssen nicht beim reinen Bezahlverfahren enden, sondern können auch Mehrwertdienste integrieren. So kann etwa ein Haushaltsbuch bzw. Finanzmanager eingebunden werden, der Ausgaben automatisch kategorisiert und vom Nutzer vorgegebene Budgets verwaltet. Auch können Rabattkarten oder Kundenkarten integriert werden, die selbstständig Rabatte ab einer bestimmten Anzahl an Einkäufen oder Umsatzhöhe verbuchen. Während heute Stempel auf Papierkarten verwendet werden, lässt sich mit dem Smartphone z.B. der zehnte Kaffee bei der Stammbäckerei einfach und schnell als kostenlose Treueprämie verbuchen. In den USA gibt es zudem die Innovation der sogenannten Line-Skipping-Apps: Die Ware wie bspw. Speisen und Getränke wird direkt in der App bestellt und bezahlt, sodass die Warteschlange vor der Kasse übersprungen und direkt zur Ausgabe gegangen werden kann – ein solches System wird u.a. bei Starbucks eingesetzt. Mit innovativen M-Payment-Lösungen sind Banken in der Lage, sich von Wettbewerbern durch Alleinstellungsmerkmale wie Mehrwertdienste und Einfachheit der Bedienung abzugrenzen. Ein verbesserter Service und erweitertes Leistungsportfolio eröffnen dabei den Zugang gerade zu jungen Kunden.

Unter Konsumenten hält sich weiterhin der Mythos, dass Sicherheit und Datenschutz unter der Digitalisierung leiden – ein in der Bankenwelt besonders sensibles Thema: 30% der Deutschen fürchten einen Datenmissbrauch und ein Drittel bezahlen aus Sorge um den Datenschutz nicht mobil[5]. Tatsächlich bietet M-Payment jedoch Sicherheitsvorteile gegenüber konventionellen Zahlungsmitteln. Bei Smartphones ist eine Authentifizierung durch Fingerabdruck möglich, wodurch unbefugte Transaktionen durch Dritte verhindert werden. Alternativ lässt sich z.B. in der Lösung von PayPal ein Foto hinterlegen, mit dem der Händler die bezahlende Person vergleichen kann. Bei Apple Pay wird zu jeder Zahlung ein transaktionsspezifischer Sicherheitscode – ähnlich einer TAN – erstellt. Das unbefugte Auslesen der NFC-Daten, ein Sicherheitsrisiko von kontaktlosen Bezahlkarten, kann somit nicht schädlich eingesetzt werden. Doch nicht nur die Sicherheit profitiert von M-Payment, sondern auch die Privatsphäre: So soll z.B. bei Android Pay für jede Transaktionen eine neue virtuelle Kreditkartennummer vergeben werden, d.h. es werden keine Kreditkartendaten oder andere persönliche Informationen an Dritte übergeben. Auf diese Weise werden Händler daran gehindert, Kundenprofile zu erstellen bzw. diese zu verknüpfen.

Heute gibt es noch kaum Nutzer…

Obwohl jedes moderne Mobiltelefon technisch zur Abwicklung von Zahlungen über QR-Codes, NFC oder Bluetooth ausgestattet wäre, wird M-Payment momentan noch äußerst selten benutzt. Laut einer repräsentativen Umfrage der Deutschen Bundesbank[6] war das Bezahlen mit dem Smartphone 2014 immer noch unweit der Messbarkeitsschwelle: Im Durchschnitt bezahlten die Bundesbürger weniger als 2 € im Jahr über ein Mobiltelefon. Unter den Befragten nutzen lediglich 4% das Smartphone zur Zahlung – rund 40% ist diese Möglichkeit noch nicht einmal bekannt. Ein Grund für diese geringe Bekanntheit ist sicherlich, dass innovative Zahlmethoden sich nur langsam durchsetzen. Auch die kontaktlose Kartenzahlung wurde nur für 0,1% der Transaktionen eingesetzt und ist 46% unbekannt. Das Gros der Transaktionen, nämlich fast 95%, wird weiterhin traditionell in bar und per Girokarte abgewickelt. Als Gründe für die Nichtnutzung von M-Payment-Diensten sieht die Bundesbankstudie u.a. Sicherheitsbedenken (35% der Befragten), mangelnde Zahlstellenabdeckung (15%) sowie fehlende technische Voraussetzungen (23%).

…aber die Nutzerzahlen können rasant steigen

Obwohl M-Payment bisher nur von Innovatoren und Early Adopters genutzt wird, kann die Technologie in den kommenden Jahren sprunghaft eine große Verbreitung finden. Das beliebteste Zahlungsmittel, das Bargeld, gerät nämlich zunehmend unter politischen Druck. In Deutschland forderte z.B. der Wirtschaftsweise Peter Bofinger erst im Mai 2015 die Abschaffung des Bargeldes, um Drogenhandel und Schwarzarbeit zu erschweren. Diese Forderung wurde ebenfalls in der Vergangenheit von den ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, Larry Summers, und des Internationaler Währungsfonds, Ken Rogoff, gestellt. In Skandinavien ist man bereits ein Schritt weiter: Dänemark schafft den Bargeldannahmezwang für Tankstellen, Restaurants und kleine Läden ab 2016 ab – dies führt de facto zur Abschaffung des Bargeldes als universales Zahlungsmittel. In Schweden, wo eine ähnliche politische Diskussion herrscht, haben erste Bankfilialen bereits aufgehört, Bargeld auszuzahlen und entgegenzunehmen. Im schwedischen Karlshamn wird sogar die örtliche Kirchenkollekte über Kreditkarte eingesammelt. In den beiden skandinavischen Länder wird nur noch jede Vierte Zahlung in bar durchgeführt[7] (in Deutschland jede Zweite). Auch in Deutschland kann sich dieser Wandel schnell durchsetzen. Neben dem genannten politischen Druck ist auch gesellschaftlich ein Trend zu bargeldlosen Zahlungsmittel absehbar – so sank der Umsatzanteil der Barzahlung 2014 im Vergleich zu 2008 um fast 10 %[8].

M-Payment-Lösungen werden beim Trend zum bargeldlosen Zahlungen in Zukunft eine zentrale Rolle spielen, wie die Erfahrung aus Dänemark zeigt: Dort haben zwei Drittel der Smartphone-Nutzer eine App für das mobile Zahlen installiert[9]. Der Marktführer Mobile Pay, der von der Danske Bank herausgegeben wird, wird von mehr als jedem dritten Dänen benutzt. Laut einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbands Bitcom können sich auch in Deutschland rund 30% vorstellen, zukünftig mit dem Smartphone zu bezahlen.

Sobald die großen Digitalkonzerne wie Apple, Samsung und Google auf den deutschen Markt eintreten, wird M-Payment eine wesentlich größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wie damals das iPhone neue Kunden für Technik begeistert hat, werden auch in diesem Fall Nutzer erreicht werden, die bis heute noch nicht mit M-Payment in Kontakt kamen. Eine vergrößerte Nutzerbasis bietet auch für die Geschäfte einen Anreiz, ihre Terminals für Smartphone-Zahlungen aufzurüsten. Außerdem können die Konzerne eine kritische Masse erreichen, sodass sie De-facto-Standards schaffen können.

Verschlafen des Trends als Gefahr

Mobile Payment kann sich potenziell in kurzer Zeit am Markt durchsetzen. Zögern die Banken zu lange, können sich weitreichende Konsequenzen ergeben: Eine unmittelbare Auswirkung sind die Einbußen bei den Gebührenerträgen im Handel – werden mehr Transaktion durch Drittanbieter ausgeführt, verdienen die Banken weniger an Transaktionsgebühren. Des Weiteren wird in PrePaid-Systemen und Wallet-Lösungen Liquidität gebunden und somit den Banken entzogen: Die deutschen Privathaushalte verfügen über ca. 1 Billionen Euro Sichteinlagen bei Banken[10]. Allein ein Verlust von 0,2% dieser Einlagen durch mobile Zahlungslösungen von Nicht-Banken würde zu einem zusätzlich Refinanzierungsbedarf von ca. 2 Milliarden Euro führen. Für die Banken besteht zudem die Gefahr, dass die großen Digitalkonzerne auch bei den Bezahlverfahren sogenannte Walled Gardens aufbauen, d.h. dass die Nutzer in einem digitalen Ökosystem gehalten werden. Apple und Google könnten beispielsweise andere Anbieter aus ihren digitalen Ökosystemen bzw. mobilen Betriebssystemen ausschließen oder andere Geschäftsbereiche durch Quersubventionierung stützen und somit Druck auf die Marktpreise ausüben. Sind ausreichend Nutzer einmal an das Unternehmen gebunden, könnte das Geschäftsmodell zunehmend erweitert werden: Die großen Digitalkonzerne, aber auch Fintechs, könnten M-Payment als Einstieg in andere Geschäftsbereiche wie das Kredit- oder Transaktionsgeschäft nutzen.

Für die Banken ist es daher wichtig, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und dabei schneller auf den digitalen Wandel zu reagieren. Die Gesellschaft für Internet und mobile Bezahlungen (GIMB), ein Zusammenschluss von privaten und genossenschaftlichen Banken sowie Sparkassen, hat nach mehrjähriger Planung im August 2015 ihren Onlinebezahldienst paydirekt vorgestellt. Eine mobile Zahlungslösung wurde bisher noch nicht angekündigt. paydirekt soll Ende 2015 an den Start gehen – mehr als elf Jahre nach dem Deutschlandstart von PayPal.

 

[1] Bitkom, „Smartphones stärker verbreitet als normale Handys“ (Presseinformation vom 11.06.2014).

[2] Finanztest, Ausgabe 06/2015.

[3] Mit Ausnahme von kesh, das von der White-Label-Bank biw mitbetrieben wird.
Zudem bietet die Targobank in Kooperation mit e-plus einen NFC-Sticker zum Aufkleben auf das Handy an.

[4] Bitkom, „Drei von zehn Deutschen sind offen für das Bezahlen per Smartphone“ (Presseinformation vom 08.06.2015).

[5] pwc, „Mobile Payment – Repräsentative Bevölkerungsbefragung 2015“.

[6] Deutsche Bundesbank, „Zahlungsverhalten in Deutschland 2014“.

[7] FAZ, Ein Schlag gegen das Bargeld (Artikel vom 09.05.15).

[8] Deutsche Bundesbank, „Zahlungsverhalten in Deutschland 2014“.

[9] The Danish E-commerce Association (FDIH).

[10] Deutsche Bundesbank, „Monatsbericht August 2015“.

 

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