Studie „zeb.digital pulse check“: Transparenz über digitale Transformation der deutschen Versicherungsbranche Deutsche Assekuranz investiert in Digitalisierung, innovative Geschäftsansätze entstehen daraus bisher kaum

Die deutsche Versicherungswirtschaft hat die strategische Bedeutung der Digitalisierung für die eigenen Geschäftsmodelle erkannt und investiert mehrheitlich in Digitalisierungsinitiativen. So geben 83 % der befragten Versicherungen in Deutschland an, zumindest punktuell Budgets für Digitalisierungsinvestments freizugeben. Dem steht gegenüber, dass nur 8 % der Versicherer einen funktionierenden Innovationsprozess etablieren konnten, bei dem innovative Geschäftsansätze mit erhöhter Geschwindigkeit konzipiert und in das Gesamtunternehmen überführt werden. Entgegen der gängigen Wahrnehmung droht die Digitalisierung der deutschen Versicherungswirtschaft somit nicht wegen mangelnder Investitionsbereitschaft, sondern wegen interner Prozesse ins Stocken zu geraten.

Dies ist ein zentrales Ergebnis unserer aktuellen Studie „zeb.digital pulse check“ zum Stand der Digitalisierung in der deutschen Versicherungsbranche. An der Studie waren über 50 Entscheider von Versicherungsunternehmen, die nach Bruttoprämien gemessen zusammen ca. 60 % des deutschen Versicherungsmarkts abbilden, beteiligt.

Insgesamt dokumentiert die Branche in einer Selbsteinschätzung, dass Versicherer in Deutschland zu großen Teilen Digitalisierungsinitiativen angestoßen haben. Allerdings verorten sich die Teilnehmer mehrheitlich im „unteren Mittelmaß“ hinsichtlich ihrer digitalen Reife und stehen mit ersten Umsetzungsprojekten noch am Anfang der digitalen Transformation. „Digital Leader“, die alle Facetten eines digitalen Geschäfts- und Betriebsmodells umfassend abdecken, fehlen gänzlich.

Bild Übersicht DPI (Digital Performance Indicator) der deutschen VersicherungswirtschaftAbbildung 1: Übersicht DPI (Digital Performance Indicator) der deutschen Versicherungswirtschaft

Insgesamt herrscht ein großes Interesse an digital-disruptiven Geschäftsmodellen in der Branche. Entsprechend ist mit einer hohen Investitions- und Kooperationsbereitschaft auch ein starker Digitalisierungswille innerhalb der Versicherungsunternehmen sichtbar. Dieser Wille wird jedoch nur zaghaft in die Praxis überführt. So gibt es bei den meisten Befragten zumindest eine digitale Agenda als Summe verschiedener Einzelinitiativen, allerdings erfolgte die Konsolidierung zu einer Roadmap mit strategisch definierten Projektportfolios nur bei 50 % der Versicherer. Die Verantwortung für die digitale Transformation wird zudem nur bei jedem vierten Unternehmen mit digitalen KPIs definiert und eingefordert.

Ebenso sind Prozesse, Daten und IT der deutschen Versicherer noch nicht auf digitale Geschäftsmodelle ausgelegt und hemmen dadurch die Transformationsgeschwindigkeit. Zumeist arbeiten die Unternehmen erst an der Schaffung von Grundvoraussetzungen für die digitale Transformation, wie z. B. der Vereinheitlichung ihrer Datenformate und der Flexibilisierung ihrer IT-Architektur. Eine Echtzeitkonsolidierung von Daten bleibt Zukunftsszenario. Künstliche Intelligenz setzen die Versicherer mehrheitlich noch nicht ein, prüfen derzeit aber die Chancen der Technologie.

Auch ist der Grundsatz, vom Kunden her zu denken, nicht in der Praxis verankert. Während der Großteil der teilnehmenden Versicherungen angibt, die Bedürfnisse der Kunden zu kennen, bezieht weniger als die Hälfte der Versicherer die eigenen Kunden in die Produktentwicklung mit ein. Die Digitalisierung des Produktangebots erfolgt evolutionär. Komplexere digitale Angebote, wie nutzungsbasierte Versicherungsprodukte oder präventive Versicherungsservices, befinden sich zumeist erst in der Entwicklung, disruptive Ansätze im Produktangebot sind nahezu nicht verfügbar.

Bild Angebot digitaler Produkte und ServicesAbbildung 2: Angebot digitaler Produkte und Services

Letztlich ist ein wesentlicher Aspekt für den Erfolg von Digitalisierungsinitiativen die Verankerung der notwendigen Innovationskraft im Management und der Organisation. Auch hier besteht Optimierungspotenzial, wie die Studie zeigt: So nehmen bei fast 80 % der befragten Unternehmen Führungskräfte nicht oder nur vereinzelt eine Vorbildrolle als „Digital Leader“ ein, um die digitale Transformation anzutreiben. Daneben dominieren herkömmliche Organisationsstrukturen mit einer klassischen Trennung von IT- und Fachseite noch immer gegenüber agilen Alternativen. Die befragten Unternehmen haben das Problem allerdings mehrheitlich erkannt. Immerhin 60 % gaben an, an der Überwindung kultureller Widerstände zu arbeiten. Hierbei fällt auf, dass insbesondere das mittlere Management die Unternehmenskultur in vielen deutschen Versicherungen als innovationshemmend empfindet und eine geringe Risikobereitschaft und Fehlertoleranz bemängelt.

Insgesamt haben deutsche Versicherer die strategische Bedeutung der Digitalisierung grundsätzlich verstanden und zahlreiche Initiativen über alle Digitalisierungsdimensionen hinweg angestoßen. Allerdings mangelt es, beginnend bei Daten, Prozessen und IT als Grundvoraussetzung bis hin zur Konsolidierung einer einheitlichen Roadmap mit Definition und Messung von Erfolg, an Konsequenz in der Umsetzung. Möchten Versicherer an Schlagkraft gewinnen, müssen sie die digitale Transformation systematisch in der Unternehmenssteuerung verankern und Managementkapazitäten zielgerichtet einsetzen. Insbesondere mit Blick auf global agierende Internetkonzerne, die sich zunehmend intensiver für das Versicherungsgeschäft interessieren, müssen sie an Tempo zulegen. Es gilt jetzt, die organisatorische Fähigkeit sowie den richtigen „Werkzeugkasten“ zu entwickeln, neue Ansätze mit erhöhter Geschwindigkeit zu konzeptionieren und sie zum Markt zu bringen.

 

Stefan Geipel

Partner Office Münster
Bild Philip Franck

Philip Franck

Senior Manager Office Münster
Image "Milena Rottensteiner"

Milena Rottensteiner

Senior Consultant Office Frankfurt
Kilian Gundlach

Kilian Gundlach

Consultant Office Frankfurt

Autoren

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit BankingHub immer auf dem Laufenden!

Einfach E-Mail-Adresse eingeben, und Sie erhalten alle 2 Wochen die neuesten Analysen und Berichte unserer Banking-Experten – direkt in Ihr Postfach.