Steuerung

Scharfschaltung der NSFR in den Startlöchern Der CRR-II-Entwurf stellt den nächsten Schritt auf dem Weg zu einer verpflichtenden NSFR dar

Am 23.11.2016 veröffentlichte die EU-Kommission Vorschläge zur Novellierung der Capital Requirements Directive (CRD V), Capital Requirements Regulation (CRR II) sowie der Bank Recovery and Resolution Directive (BRRD). Das Ziel ist es, die Umsetzung der von Basel III skizzierten Reformagenda auf europäischer Ebene zu vervollständigen. Im Zusammenhang mit den vorgeschlagenen Änderungen der CRR II konkretisieren sich auch die geplanten Vorgaben zur NSFR (Net Stable Funding Ratio), die im Basel-III-Rahmenwerk als strukturelle Liquiditätskennzahl die auf kurzfristige Liquidität fokussierte LCR (Liquidity Coverage Ratio) ergänzen soll.

Entwicklung und aktueller Stand

NSFR-ZeitleisteAbbildung 1: NSFR-Zeitleiste

Die NSFR wurde als BCBS #188 bereits 2010 in das Regelwerk von Basel III eingebunden und in folgenden Jahren weiter überarbeitet und konkretisiert (einschließlich, aber nicht beschränkt auf BCBS #295 bzw. BCBS #324). Seit der Aufnahme der Kennzahl in die CRR vom 26.06.2013 – bzw. in die darauf aufbauenden technischen Durchführungsstandards (ITS) – ist die NSFR auch Teil des europäischen Rechts und damit unmittelbar für EU-Kreditinstitute relevant. Die enthaltenen Vorgaben beziehen sich dabei zunächst nur auf die Meldung der Kennzahl (ohne Vorgaben zur Einhaltung einer Mindestquote) bzw. auf die Befolgung der allgemeinen Bestimmungen zur langfristigen Liquiditätssicherung des Artikels 413 CRR. Nachdem die EBA in einer Ende 2015 publizierten Auswirkungsstudie (EBA/Op/2015/22) keine signifikanten negativen Effekte der NSFR auf europäische Finanzmärkte feststellen konnte, empfiehlt sie die vollständige und bindende Einführung der Kennzahl, inklusive Mindestquote, jedoch unter Berücksichtigung einiger europäischer Besonderheiten.

Der ursprüngliche Zeitplan nach BCBS #295 für die Einführung einer verbindlichen Quote ab Anfang 2018 wird gemäß CRR-II-E nun nicht mehr vor 2019 erwartet, jedoch legt die Europäische Kommission mit dem Entwurf die Grundlage für die Scharfschaltung der NSFR.

Änderungen im Vergleich zu BCBS #295

Die wohl wesentlichste Änderung in der Ausgestaltung der NSFR von BCBS #295 zu CRR-II-E ist die Angleichung an die LCR gemäß Delegierter Verordnung (EU) 2015/61 (im Folgenden: DelVO LCR) im Rahmen der Harmonisierung der regulatorischen Liquiditätsanforderungen (siehe auch aktuelles Konsultationspapier zu den zusätzlichen Parametern für die Liquiditätsüberwachung). Dies betrifft insbesondere die Positionen, die stabile Refinanzierung erfordern. Hier orientieren sich die Klassifizierung der Aktiva und deren Zuordnung zu den Required-Stable-Funding-(RSF-)Faktoren an den Aktiva-Definitionen und Abschlägen (‚Haircuts‘) der LCR DelVO. Für sämtliche Level-1-Aktiva gemäß Art. 10 DelVO LCR – außer für gedeckte Schuldverschreibungen äußerst hoher Qualität (EHQCB) – beträgt der RSF-Faktor nun 0%. Dieses Vorgehen soll laut Erklärung der EU-Kommission auch dazu dienen, negative Effekte auf die Liquidität am Staatsanleihenmarkt zu vermeiden. BCBS #295 erlaubt bisher nur für Münzen, Banknoten, Zentralbankreserven und Forderungen gegenüber Zentralbanken einen RSF-Faktor von 0%, während andere Level-1-Aktiva wie z. B. Staatsanleihen mit 5% angerechnet werden mussten.

Im Zuge der Orientierung an den Abschlägen der LCR DelVO erfolgte auch die Einführung neuer RSF-Faktoren (7%, 12%, 20%, 25%, 35%, 40% und 55%). Diese gelten insbesondere für gedeckte Schuldverschreibungen (äußerst) hoher Qualität, qualifizierte Anteile oder Aktien von OGA in Abhängigkeit des jeweiligen LCR-Abschlags der zugrunde liegenden Aktiva sowie für Verbriefungen der Stufe 2B, bei denen der Faktor von den Unterkategorien der Sicherheiten-Aktiva abhängt.

Weitere Anpassungen orientieren sich an den Vorschlägen der EBA-Auswirkungsstudie zur NSFR, welche die Berücksichtigung europäischer Besonderheiten nahelegen. So werden in CRR-II-E u. a. Handelsfinanzierungsprodukte, Einlagen und Investitionen in Kreditgenossenschaften (‚credit unions‘) oder von einem anerkannten Sicherungsgeber garantierte wohnwirtschaftliche Darlehen bevorzugt mit niedrigeren RSF- oder höheren ASF-Faktoren berücksichtigt. Ebenfalls auf Basis der EBA-Auswirkungsstudie wurden die Bedingungen zum Vorliegen von interdependenten Geschäften angepasst, und in CRR-II-E werden nun explizit Beispiele für interdependente Aktiva und Passiva genannt.

Mit dem Ziel, negative Effekte auf kurzfristige Finanzierungstransaktionen auf dem Interbankenmarkt wie insbesondere Repo-Geschäfte zu vermeiden, enthält CRR-II-E für Transaktionen mit Finanzkunden und Restlaufzeit kleiner als sechs Monate niedrigere RSF-Faktoren als BCBS #295. Mit Level-1-Aktiva (ohne EHQCB) besicherte Kreditvergaben und Kapitalmarkttransaktionen gehen nun mit einem RSF-Faktor von 5% (BCBS #295: RSF-Faktor = 10%) in die NSFR ein und die weiteren, kurzfristigen Refinanzierungen mit Finanzkunden mit 10% anstelle von 15%.

Des Weiteren wurden die Anforderungen bezüglich der Derivatgeschäfte überarbeitet, um auch hier mittels risikosensitiverem Ansatz negative Effekte auf die Derivataktivitäten der Institute und den europäischen Finanzmarkt zu vermeiden.

In der NSFR gemäß BCBS #295 erfordern Derivatverbindlichkeiten eine stabile Refinanzierung von 20%. Dies wird laut EU-Kommission als zu konservativ erachtet, sodass CRR-II-E den folgenden Ansatz enthält. Derivatverbindlichkeiten ohne Margin Agreement erhalten einen RSF-Faktor von 10%. Bei Derivatverbindlichkeiten mit Margin Agreement kann das Institut zwischen einem RSF-Faktor von 20% oder dem Potential Future Exposure (PFE) gemäß „standardised approach for counterparty credit risk“ (SA-CCR) wählen. Institute, die nicht den SA-CCR verwenden, wenden einen RSF von 0% auf Derivatverbindlichkeiten mit Margin Agreement an.

Eine weitere Änderung hinsichtlich der Derivate betrifft die Berücksichtigung von Variation Margin bei Nettingsets mit positivem Marktwert. Abweichend zu BCBS #295, in dem die positiven Nettingsets nur um Cash Variation Margin reduziert werden dürfen, können in CRR-II-E zur Unterstützung des Staatsanleihenmarktes Variation Margins in Form von Level-1-Aktiva (außer EHQCB) abgezogen werden.

Darüber hinaus enthält CRR-II-E spezielle Vorgaben zur Erstellung der NSFR auf konsolidierter Basis bei Auslandsniederlassungen in Drittländern und bei Investmentfirmen. Auch die Möglichkeit der bevorzugten Behandlung mit symmetrischen ASF- und RSF-Faktoren von Passiva und Aktiva innerhalb einer Gruppe oder eines institutsbezogenen Sicherungssystems ist neu aufgeführt.

Als eine weitere Neuerung im Vergleich zu BCBS #295 und zur aktuellen CRR verweist der CRR-II-E bei Nichteinhaltung der Quote von 100%, wie bei der LCR, auf den Artikel 414 der CRR. Institute sind dadurch verpflichtet, die zuständige Behörde unverzüglich über die Unterschreitung zu informieren, sowie einen Plan zur Wiedererreichung der Quote vorzulegen. Artikel 414 schreibt dabei bis zur Erfüllung der Quote eine tägliche Meldung vor, wobei die zuständige Behörde dazu bemächtigt ist, die Meldefrequenz zu reduzieren. In Hinblick auf wesentliche Währungen, gilt ebenfalls analog zur LCR, dass Institute dazu angehalten sind, für ein Gleichgewicht der Aktiva und Passiva in Bezug auf die Währungsdenomination zu sorgen. Bei einem Ungleichgewicht kann die zuständige Behörde eine Limitierung der Aktiva in dieser Währung veranlassen.

Auswirkungen und Herausforderungen

Mit dem Entwurf der CRR II und der damit zusammenhängenden Neugestaltung der NSFR zeichnen sich für die Institute weitere Herausforderungen und zusätzlicher Aufwand ab.

Die Institute müssen die neuen Anforderungen im Rahmen der Meldung und Berechnung der NSFR umsetzen. Dabei sind insbesondere die Abhängigkeiten zur Umsetzung der LCR DelVO zu beachten. Wer hier bereits eine gesamtheitliche Lösung basierend auf einem einheitlichen Datenhaushalt aufgebaut hat, kann nun von den Synergien profitieren, die sich durch die Vereinheitlichungen der Liquiditätsmeldungen ergeben.

Eine größere Herausforderung wird die Umsetzung der Anforderungen an Derivategeschäfte. Zwar sollten die generellen Daten der Derivate bereits aufgrund anderer Meldeanforderungen verfügbar sein, jedoch kann die Zusammenführung und Berechnung der Derivateverbindlichkeiten einen größeren Aufwandstreiber darstellen.

Anpassungen, die sich auf die Vorschläge der EBA-Auswirkungsstudie beziehen (Handelsfinanzierungen, Kreditgenossenschaften etc.), sind hingegen im Detail auf Relevanz und Materialität für die jeweiligen Institute zu prüfen und im Hinblick auf den Umsetzungsaufwand, insbesondere bezüglich der Datenbeschaffung, zu analysieren.

Weitere Details zu den Umsetzungsherausforderungen für die Meldung können erst mit Veröffentlichung der neuen, den CRR-II-Entwurf ergänzenden technischen Durchführungsstandards (ITS) betrachtet werden.

Neben der Anpassung der Meldungserstellung kommt mit der Scharfschaltung der NSFR ein zweiter großer Aufwandstreiber auf die Banken zu. Während die NSFR bisher lediglich gemeldet werden muss, sind Institute nach Einführung einer Mindestquote verpflichtet, diese auch einzuhalten. Als strukturelle Kennzahl ist die NSFR deutlich schwieriger zu steuern als etwa die LCR, da kurzfristige Eingriffe zur Optimierung nur in geringem Umfang möglich sind und entsprechend vorausschauend geplant und gesteuert werden muss.

Abbildung 2: Integration der NSFR

Um eine effiziente Erfüllung der NSFR zu gewährleisten, ist eine Integration der Kennzahl in das Liquiditätsrisiko- und Liquiditätsmanagement erforderlich. Das heißt, abhängig von der strategischen Ausrichtung des Instituts muss die NSFR in der Funding- und Geschäftsplanung mit berücksichtigt sowie laufend überwacht und gesteuert werden. Eine umfassende Integration der NSFR kann durch die zusätzliche Einbindung der Kennzahl in das Produktpricing erreicht werden .

Es zeigt sich, dass die lange Reise der NSFR noch nicht zu Ende ist und diese Kennzahl die Institute auch in Zukunft weiter beschäftigen wird.

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